Home
http://www.faz.net/-ga9-u5y6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

IBM-Deutschland-Chef „Wachstum kann nie genug sein“

13.03.2007 ·  IBM-Deutschland-Chef Martin Jetter will in Zukunft verstärkt auf das Geschäft mit dem Mittelstand setzen. Außerdem lotet er für sein Unternehmen die Möglichkeiten der neuen virtuellen Welten aus. Ein Gespräch zur Cebit.

Von Susanne Preuß und Uta Bittner
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

„IBM will die Marktführerschaft weiter ausbauen“, verspricht Martin Jetter, Chef von IBM Deutschland. Er muss das angeschlagene Deutschland-Geschäft des amerikanischen Computerkonzerns auf Wachstumskurs bringen, nachdem IBM, damals noch unter der Führung von Jetters Vorgänger Johann Weihen, zuletzt im deutschen Markt klar unter den Erwartungen des Konzerns blieb. Wie andere amerikanische Konzerne veröffentlicht IBM keine Umsatzzahlen und Prognosen zu den einzelnen Ländergeschäften.

Die Gerüchte, IBM peile einen Umsatzzuwachs in Deutschland von 6 Prozent in diesem Jahr an, wollte Jetter im Gespräch mit dieser Zeitung nicht bestätigen. „Es kann nie genug sein“, antwortet er mit verschmitztem Lächeln. Andererseits will Jetter auch nicht zu viel versprechen: „Hierzulande haben die Firmen gelernt, schnell zu reagieren“, mahnt er mit Blick auf konjunkturelle Unsicherheiten: „Wenn der Ifo-Index ein bisschen wackelt, treten die Firmenchefs schon auf die Bremse.“

Auf der Suche nach „leistungsorientierten Talenten“

Rückenwind bekommt der neue IBM-Deutschland-Chef von einem Großauftrag, den die Bundeswehr an ein Konsortium von IBM und Siemens Business Services vergeben hat. Für mehr als 7 Milliarden Euro soll die gesamte nichtmilitärische Informationstechnik einschließlich Rechenzentren, Software sowie Sprach- und Datennetzen auf den neuesten Stand der Technik gebracht werden. Das ist das größte Private-Public-Partnership-Projekt in Europa. „Wenn das gut beginnt, wird das hoffentlich Früchte tragen“, meint Jetter. „Das hat Leuchtturmcharakter.“ Das soll heißen, dass weitere öffentliche Aufträge folgen könnten. Er ist in puncto öffentliche Hand zuversichtlich: „Wir spüren im öffentlichen Sektor die sichtliche Bereitschaft, mehr investieren zu wollen.“

Um die Wachstumsziele zu erreichen, will Jetter Mitarbeiter einstellen. Derzeit habe er 200 offene Stellen, 60 davon im Vertrieb. Doch sei es schwierig, „leistungsorientierte und kommunikationsfähige Talente“ zu finden. Dabei hänge gerade der Standort Deutschland von der breiten Expertise ab, macht Jetter klar. Mit 1800 Mitarbeitern befindet sich am Standort Böblingen das größte Entwicklungszentrum von IBM außerhalb der Vereinigten Staaten. Vor allem die Virtualisierung, die Weiterentwicklung sowohl der freien Software Linux als auch der IBM-Datenbanken DB2 und die Optimierung von Mikroprozessor- und Großrechnertechnologien stehen in Böblingen im Vordergrund.

„Skalierbare Produktpalette“

Von fünf Nobelpreisträgern, die IBM schon hervorgebracht habe, seien drei aus Deutschland gekommen. „Die Arbeit geht dahin, wo die Expertise sitzt - und nicht umgekehrt“, lautet Jetters Philosophie. Für IBM heißt das: Die Buchhaltung sitzt in Manila und das Personalmanagement in Budapest. Deutschland als Entwicklungsstandort sieht Jetter aber (noch) nicht gefährdet. „Ich würde mir aber von den großen deutschen Unternehmen mehr Kredit dafür erwarten, dass IBM in Deutschland entwickelt und investiert“, sagte Jetter.

Zukünftig wolle IBM in Deutschland verstärkt mittelständischen Unternehmen mit weniger als 1000 Mitarbeitern seine Produkte der Informationstechnologie anbieten, sagte Jetter. Er setzt dabei auf das flächendeckende Partnernetz. Das obere Marktsegment - also das Geschäft mit Großunternehmen - sei schon stark gesättigt. IBM habe aber für alle Geschäftssegmente die passenden Produkte. „Es gibt kein anderes Unternehmen außer IBM, das eine derart skalierbare Produktpalette besitzt“, sagte Jetter. „Gerade Mittelständler brauchen Systemlandschaften, die wachsen können.“

Erfahrungen im „Second Life“ sammeln

Die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen hänge zukünftig von offenen Standards ab: Anwendungen und Infrastrukturen in der Informationstechnik müssten miteinander kommunizieren können. Im eher margenschwachen Geschäft mit dem Mittelstand sieht Jetter keine Gefahr: „Wir können auch Märkte bedienen, die margenschwach sind.“

Neben serviceorientierten Architekturen (SOA) und der Auslagerung von Daten und Prozessen (Outsourcing) ist in Jetters Augen die zweite Internetgeneration, das „Web 2.0“, vielversprechend. In der virtuellen Welt „Second Life“ ist IBM mit fast 3000 Avataren unterwegs, und auch das dort nachgebaute Kundenzentrum von IBM in Böblingen kann man virtuell besuchen. „Wir erzielen derzeit keinen Umsatz mit ,Second Life'. Uns geht es darum, Erfahrungen zu sammeln“, sagt Jetter.

Cebit in Zukunft eher als Kongress?

Eine klare Position hat IBM auch mit Blick auf die Cebit. Mit fast 2000 eigenen Mitarbeitern und 20 Partnern stellt IBM einen der größten Messestände auf der Leitmesse für Hightech. „Unser Cebit-Stand gehört zum integralen Bestandteil unseres Marktauftritts“, sagt der DeutschlandChef und erhofft sich von dem mächtigen Messeauftritt in Hannover nicht nur eine positive Wirkung für die Marke IBM. „Die Cebit ist für uns eine Business-Messe. Es gehen Umsätze aus unseren Aktivitäten in Hannover hervor“, sagt Jetter.

Zudem sei die Cebit eine Plattform, um mit potentiellen Mitarbeitern in Kontakt zu treten. Jetter liegt die Zukunft der Messe besonders am Herzen. „Wir arbeiten mit der Cebit zusammen an Konzepten, wohin sich die Messe entwickeln sollte“, sagt Jetter und beschreibt schon, wo der Weg hingehen könnte: „Wir glauben, dass sie zukünftig mehr Kongressform annehmen könnte.“

Quelle: F.A.Z., 14.03.2007, Nr. 62 / Seite 16
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

Jüngste Beiträge

Jahrgang 1976, Redakteurin in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge