14.03.2007 · Soziale Netzwerke, in denen Menschen Fotos oder Musik tauschen oder sich gegenseitig Einkaufstipps geben, werden auch auf der Cebit für Gesprächsstoff sorgen. Aber kaum einer hat bisher bewiesen, ob sich das Geschäftsmodell tatsächlich rechnet.
Von Holger SchmidtWenn der Medienkonzern Bertelsmann nach fünf Jahren Abstinenz ins Internet zurückkehrt, muss ein wichtiger Grund vorliegen. Die neue Seite Bloomstreet.net, die das Berliner Start-up Writemedia mit finanzieller Unterstützung von Bertelsmann kurz vor der Cebit ins Netz gestellt hat, bietet eine Mischung aus Musik, Videos, Fotos und Leute treffen – und fertig ist das moderne Web 2.0 Netzwerk. Bloomstreet soll dem amerikanischen Vorbild Myspace Paroli bieten und seinen Initiatoren das Tor zu den Werbemillionen im Internet öffnen. So weit der Plan.
Die Realität sieht etwas anders aus: Fehlermeldungen brachten Bloomstreet schon zum Beginn viele negative Kommentare in den Blogs ein. „Das ist das erste Mal, dass ich bei einem jungen Social Network den Test abbrechen musste“, kritisierte zum Beispiel Blogger Robert Basic, der zudem das Design „zum Davonlaufen“ fand. „Nur das Wort Web 2.0 in einer Pressemitteilung macht noch lange kein Social Network, auch nicht mit viel Startkapital“, kritisiert Bloggerin Claudia Sommer.
Auf Einkaufstour
Soziale Netzwerke, in denen die Menschen Fotos, Musik oder Videos austauschen, sich gegenseitig Einkaufstipps und Restaurantempfehlungen geben oder einfach nur miteinander kommunizieren, sind das große Thema im Internet. Seitdem Medienzar Rupert Murdoch die 580 Millionen Dollar für den Kauf der Online-Gemeinschaft Myspace in einem einzigen Werbegeschäft mit Google refinanzieren konnte, ist ein Wettrennen um die besten Positionen im Web 2.0 entbrannt.
In Amerika buhlen die großen Internetunternehmen wie die Suchmaschine Google oder das Internetportal Yahoo um die Führungsposition; in Deutschland sind vor allem die Verlage Burda und Holtzbrinck auf Einkaufstour im Web-2.0-Lager. Die großen Platzhirsche kaufen fleißig ein, denn es sind meist junge Start-ups, die wirklich gute Ideen entwickeln oder die amerikanischen Vorbilder am schnellsten kopieren können. Mit Unterstützung des wieder reichlich fließenden Risikokapitals ziehen die Gründer die Web-2.0-Unternehmen schnell hoch – meist in der Hoffnung, für viel Geld von einem der Großen aufgekauft zu werden.
Wie das funktioniert, hat StudiVZ vorgemacht. Für die Kopie der amerikanischen Studentengemeinschaft Facebook hat Holtzbrinck schon wenige Monate nach dem Start mehr als 50 Millionen Euro gezahlt. Noch besser haben es die Gründer der Videogemeinschaft Youtube gemacht, die ihr Unternehmen für 1,3 Milliarden Euro an Google verkauft haben. Aber es gibt auch Gegenbeispiele: Die Gründer von Facebook sollen die Eine-Milliarde-Dollar-Übernahmeofferte von Yahoo abgelehnt haben.
Funktionieren die Geschäftsmodelle?
Mit Ausnahme von Myspace haben aber die Web-2.0-Unternehmen, die sich mit Onlinewerbung finanzieren wollen, den Beweis für das Funktionieren ihres Geschäftsmodells noch nicht geliefert. Andere Modelle wie die Geschäftsnetzwerke Open BC oder Linked In, die auf Mitgliedsbeiträge setzen, funktionieren aber schon. Lars Hinrichs hat Open BC als bisher einziges Web-2.0-Unternehmen der Welt an der Börse gebracht. Open BC betreibt die Seite Xing.com, auf der Manager Kontakte pflegen und Geschäfte anbahnen. Dass das Schlagwort Web 2.0 aber kein Selbstläufer unter den Anlegern ist, musste Hinrichs auf dem Weg an die Börse lernen. Von der ursprünglich erhofften Bewertung von 250 Millionen Euro sind heute nur 145 Millionen Euro Marktkapitalisierung übriggeblieben.
Profitabel arbeitet auch das Leipziger Unternehmen Spreadshirt.net, dessen Geschäftsmodell als „Social Commerce“ bezeichnet wird. Für den Kauf der individuell bedruckbaren Kleidungsstücke ist nicht mehr nur die Internetseite des Händlers die zentrale Anlaufstelle. Im Web 2.0 können jetzt viele kleine Internetseiten und Blogs den Shop von Spreadshirt mit wenigen Handgriffen in ihre Seite einbauen. Heute verkaufen rund 200 000 Partner, die meist eine persönliche Beziehung zu ihren Nutzern aufgebaut haben, die Artikel von Spreadshirt und werden am Erlös beteiligt. Auf diese Form des elektronischen Handels setzt auch das Unternehmen Dawanda. Angelehnt an das amerikanische Vorbild Etsy.com, verkaufen dort 600 Menschen handgefertigte Produkte aller Art. An Dawanda haben sich inzwischen Holtzbrinck und Spreadshirt beteiligt.
Preisvergleichsmaschine
Eine Art menschliche Preisvergleichsmaschine hat das Hamburger Unternehmen Dealjäger ins Netz gestellt. Dort machen sich die Menschen gegenseitig auf günstige Angebote im Internet und Warenhäusern aufmerksam. Drei Monate nach dem Beginn machen dort bereits 5000 Nutzer und 1500 Händler mit. Im Web 2.0 werden auch alte Ideen wieder hervorgeholt. Dealjäger hat das gescheiterte Konzept von Letsbuyit, in dem sich Nutzer zusammenschließen, um gemeinsam einen niedrigeren Preis zahlen zu müssen, reanimiert.
Primär deutsche Web-2.0-Ideen sind die lokalen Dienste wie Plazes, Qype oder die Lokalisten. Beim Start-up Plazes installieren die Nutzer eine Software auf ihren Rechnern und Handys, so dass ebenfalls angemeldete Freunde jederzeit wissen, wo sie sich gerade aufhalten. Auf Qype geben sich Menschen persönliche Empfehlungen, zum Beispiel über die besten Restaurants, während die Lokalisten die Möglichkeit geben, Netzwerke der Freunde in einer Stadt aufzubauen.
Hoppa hoppa reiter
Thomas Porwol (zweipro)
- 14.03.2007, 11:18 Uhr
@ herrn Porwol
Andreas Wessels (PhunkyData)
- 14.03.2007, 16:25 Uhr