17.07.2009 · Es war ein Treffen der Alphatiere. Am Rande der Audi-100-Jahr-Feier in Ingolstadt trafen die Kontrahenten von Volkswagen und Porsche aufeinander: Ferdinand Piëch und Wendelin Wiedeking. Und die Journalisten warteten gebannt, ob Piëch wohl wieder so offenherzig poltert wie im Mai auf Sardinien.
Von Henning PeitsmeierDer Fünfzylinder-Motor heult laut auf, als der Audi Sport Quattro die Rampe zur Festbühne nimmt. In der ersten Reihe sitzt einer seiner Väter: Ferdinand Piëch, der kantige Technikenthusiast, der Porsche-Enkel, der mächtigste Mann der deutschen Autoindustrie. Es ist schwül, und ein schwarzer Smoking ist für 30 Grad im Schatten normalerweise nicht die erste Wahl. Während Showmaster Thomas Gottschalk oben auf der riesigen Bühne nach einer halben Stunde durchgeschwitzt ist, sitzt Piëch fast verträumt in der ersten Reihe und lächelt leise vor sich hin. Er genießt, wie ein Audi-Klassiker nach dem anderen über das Parkett fährt, wie der chinesische Star-Pianist Lang Lang auf einem Bösendorfer-Flügel im Audi-Design Chopin spielt.
100 Jahre Audi - die vergangenen drei Dekaden der Volkswagen-Tochtergesellschaft hat Piëch wie kein anderer vor ihm geprägt. Aber Piëch lächelt womöglich nicht nur im Wissen um seine historische Leistung, sondern auch, weil er einen langen, intrigenreichen Machtkampf vielleicht schon in wenigen Tagen gewonnen hat. Sein größter Widersacher sitzt nur in der zweiten Reihe. Wendelin Wiedeking, Porsche-Chef und bestbezahlter Manager der Republik, muss sich fühlen wie eine Randfigur. Über ihn wird an diesem Abend gesprochen, aber von ihm ist nicht die Rede.
Bemüht, die Demütigung weg zu lächeln
Wiedeking wirkt bemüht, die Demütigung weg zu lächeln. Es laufen längst Wetten auf seine vorzeitige Ablösung, seit er sich mit der Übernahme der Audi-Muttergesellschaft verhoben hat. In den Medien kursiert schon ein Nachfolger, Porsche-Produktionsvorstand Michael Macht. Und auch über eine Abfindung in noch nie dagewesener Höhe wird spekuliert: ein dreistelliger Millionenbetrag dürfte bestimmt fällig werden, wenn Porsche an Volkswagen verkauft wird und für Wiedeking trotz seines Vertrags bis 2012 im neuen Konzern kein Platz mehr ist.
Falls es noch letzte Zweifel an der Siegeszuversicht von Piëch gegeben haben sollte, sind sie spätestens zum Galadinner ausgeräumt. Es wird Baliklachs auf getrüffelten Kartoffelwürfeln serviert, dazu ein trockener Riesling von der Mosel, „Edition August Horch“. Piëch plaudert an einem Tisch mit seinen Getreuen, dem VW-Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn und Audi-Chef Rupert Stadler, daneben sitzt der niedersächsische CDU-Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat Christian Wulff. Zusammen bilden sie das neue Machtzentrum von Wolfsburg. Mit am Tisch außerdem: Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer.
Zwei Tische weiter, immer gut in Sichtweite, sitzt Wiedeking neben den bayerischen Landesministern Martin Zeil (FDP) und Christine Haderthauer (CSU). Später gibt sich Wiedeking wieder gewohnt kämpferisch. „Ich bin ein glücklicher Vorstandsvorsitzender und fühle mich in dieser Rolle pudelwohl“, sagt er. „Wir haben eine Aufgabe für die Firma zu lösen und für die Belegschaft.“ Das muss reichen. Im Verlauf des Abends geht er dem Wolfsburger Machtzentrum aus dem Weg.
Es kommt zu einer hitzigen Diskussion
Piëch-Cousin und Porsche-Aufsichtsratschef Wolfgang Porsche gelingt das in einem unvorsichtigen Moment nicht: Zu fortgeschrittener Stunde, die „Variationen von Holunder, Erdbeere und Rhabarber“ sind längst verspeist, droht der Streit doch noch auf offener Bühne ausgetragen zu werden. Wolfgang Porsche und Christian Wulff prallen aufeinander: Es kommt zu einer hitzigen Diskussion, in der der CDU-Politiker dem Porsche-Familienoberhaupt den Versuch vorwirft, ihn aus dem VW-Konzern herauszudrängen. Gemeint ist der 20-Prozent-Anteil, den das Land Niedersachsen hält. Diese Sperrminorität, gesichert durch das sogenannte VW-Gesetz, wollte Porsche mit Hilfe der europäischen Wettbewerbshüter in Brüssel kippen - und scheiterte.
Wolfgang Porsche wirkt müde, erschöpft. Lohnt sich der Kampf noch? Ist Porsches Eigenständigkeit überhaupt zu retten? Oder feiert das Zuffenhausener Unternehmen das nächste runde Jubiläum in der Gewissheit, bald - so wie heute Audi - eine von vielen Marken im VW-Konzern zu sein? Ferry Porsche, der Gründer der stolzen Sportwagenmarke, wäre am 19. September 100 Jahre alt geworden. Die Belegschaft um den kämpferischen Betriebsratschef Uwe Hück sammelt Unterschriften für die Eigenständigkeit und Unabhängigkeit. „Wir, die Belegschaft der Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG, fordern die Familien Porsche und Piëch auf, ihr Versprechen einzuhalten . . .“, ist das Flugblatt überschrieben. Zumindest Ferdinand Piëch ist dafür bekannt, nicht alle Versprechen wörtlich zu nehmen. Viele Machtkämpfe hat er gewonnen, hat all jene hart bestraft, die im in die Quere gekommen sind. Piëch soll den Rekord im Feuern von Vorständen halten.
Wiedekings Name fällt nicht
Selbst wenn Wiedeking sein nächstes Opfer wäre, darum geht es an diesem Abend nicht. 100 Jahre Audi ist für Piëch, der als junger Entwicklungschef einst die Marke mit den vier Ringen von ihrer Spießigkeit befreite, ein rundum schöner Abend. Der 72-jährige steht im Rampenlicht, genießt es, überall und zu fast jeder Gelegenheit begrüßt, gelobt, gar bewundert zu werden. VW-Chef Winterkorn würdigt seinen Mentor für die Entwicklung des Allradantriebs, die den Grundstein für Audis Weg in die Premiumklasse gelegt habe; Audi-Chef Stadler sieht in Piëch, wie er etwas hölzern formuliert, einen Audianer mit „Mut, Tatkraft, Pioniergeist und visionärem Weitblick.“ Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, als Ehrengast nach Ingolstadt gekommen, sagt in ihrer Rede, sie als Physikerin habe von Piëch gelernt, dass man bei allem Perfektionsstreben auch „Spaß an der Technik“ haben müsse. Und Wiedeking? Sein Name fällt nicht, auch Moderator Gottschalk versäumt es, ihn - immerhin Audi-Aufsichtsrat - abseits in zweiter Reine zu begrüßen.
Noch bevor auf dem Audi-Werksgelände der zweistündige Festakt beginnt, haben sich alle Kontrahenten auf eine gemeinsame Sprachregelung geeinigt: „Heute wird gefeiert“, sagt Wiedeking, kaum das er inmitten der Audi-VIP-Shuttle-Limousinen seinem schwarzen Porsche Panamera entstiegen ist. „Wir sind zum Feiern da“, sagt auch Piëch an der Seite seiner Gattin Ursula stehend und so breit grinsend, als erwarte er eine weitere Frage. Die kommt prompt: „Was wird aus Wiedeking?“ Piëchs Grinsen wird noch breiter: „Da müssen Sie die Entscheidungsträger fragen.“
Solche Scherze macht nur, wer sich seiner Sache sicher ist
Solche Scherze macht nur, wer sich seiner Sache sicher sein kann. Denn Piëch gehört zum Porsche-Clan, ist natürlich ein Entscheidungsträger, auch wenn er nicht dem Präsidium des Porsche-Aufsichtsrats angehört. Über Wiedekings Zukunft entscheidet er nicht - jedenfalls nicht an diesem Abend. Kommenden Donnerstag tagen die Aufsichtsräte von Porsche und VW. Noch vor den Sitzungen der Kontrollgremien könnte eine Grundsatzentscheidung der Porsche-Familien fallen, könnte der Kampf um die Eigenständigkeit aufgegeben werden.
Sicher, es gab durchaus auch ein paar Wochen im Leben von Piëch, da blickte er in den Abgrund seiner Karriere. Der Skandal um Korruption und Lustreisen des VW-Betriebsrats hätte ihn im Sommer 2005 um ein Haar den einflussreichen Posten als Aufsichtsratsvorsitzender gekostet. Piëch hat diese Affäre unbeschadet überstanden. Jetzt steht er in fortgeschrittenem Alter vor dem endgültigen Triumph.
Neuer Job?...... Im Aufsichtsrat von VW?
Christijan Laljak (Kristijan)
- 17.07.2009, 11:58 Uhr
Quo vadis Piech
Joachim Horst Lösch (Jhloesch)
- 17.07.2009, 13:23 Uhr
Der Lotse geht an Bord
Karin Frost (Westerland11)
- 17.07.2009, 13:45 Uhr
In 2 Jahren hört man von Wiedeking nur noch in den Gelben Blättern
arthur hund (arturhund)
- 17.07.2009, 14:16 Uhr
In die Wüste...
Ulrich Hofmann (EpocheA)
- 17.07.2009, 16:12 Uhr