23.07.2009 · Nach 17 Jahren auf der Überholspur hat Porsche-Lenker Wendelin Wiedeking seine schwerste Niederlage eingesteckt. Zunächst machte er den vor der Pleite stehenden Sportwagenbauer wieder flott. Dann wollte er nach VW greifen und manövrierte damit Porsche in die Schuldenfalle.
Nach 17 Jahren auf der Überholspur hat Porsche-Lenker Wendelin Wiedeking seine schwerste Niederlage eingesteckt. Vor gut dreieinhalb Jahren versprach der ehrgeizige Manager den Porsche-Eigentümerfamilien die Beherrschung von Europas größtem Autobauer VW. Doch Wiedeking scheiterte und manövrierte den kleinen Stuttgarter Autobauer in die Schuldenfalle. „Wir drehen ein verdammt großes Rad“, hatte der passionierte Zigarrenraucher mehrfach selbstbewusst zum Besten gegeben. Das Rad erwies sich als zu groß: Am Donnerstag im Morgengrauen musste Wiedeking seine Entlassungspapiere entgegennehmen.
Geboren 1952 in Ahlen, wurde ihm die Beharrlichkeit der Westfalen mit in die Wiege gelegt. Mit 31 Jahren heuerte er nach dem Maschinenbaustudium als Vorstandsreferent bei Porsche an und marschierte durch die Hierarchien. Neun Jahre später, im Jahr 1992, übernahm er den Vorstandsvorsitz. Er machte den vor der Pleite stehenden Sportwagenbauer wieder flott. Heute gilt der Nischenanbieter mit knapp 100.000 Autos im Jahr als rentabelster Autobauer weltweit. Wiedeking mehrte das Milliarden-Vermögen der Familien Porsche und Piech und machte sich als bestbezahlter Vorstandschef Europas zum Multi-Millionär.
Doch einige dankten ihm seine Leistungen nicht - vor allem Porsche-Großaktionär Ferdinand Piech schoss sich seit mehr als einem Jahr auf Wiedeking ein. Der mächtige VW-Aufsichtsratchef sagte ihm im Mai bei einem Pressetermin auf Sardinien offen den Kampf an: Auf die Frage, ob er Vertrauen zu Wiedeking habe, sagte der 72-Jährige: „Zur Zeit noch. Das 'noch' können Sie streichen.“
Spätestens seitdem musste Wiedeking um seinen Job fürchten, muckte aber nicht auf. „Er ist nur der oberste Angestellte der Familien, das weiß er“, sagte ein Wegbegleiter. Wiedeking war Piech zu mächtig geworden (sieh auch Ferdinand und das kalte Wildschwein ).
Wiedeking bringt VW in Rage
Bei Porsche hat sich die Belegschaft über die Jahre an Wiedekings polternde Art gewöhnt. Denn er spendierte den Beschäftigten wegen der immer höher kletternden Gewinne stets üppige Boni. Doch die nicht minder selbstbewusste VW-Belegschaft brachte Wiedeking mit provozierenden Forderungen gegen sich auf: Heilige Kühe müssten geschlachtet werden, dröhnte Wiedeking und zielte damit auf den großzügigen Haustarif der Wolfsburger.
Mit Rückendeckung der beiden Porsche-Familien hatte der Porsche-Chef im Herbst 2005 mit der schleichenden VW-Übernahme durch den Kauf von immer mehr Stammaktien begonnen. Den Schritt über die Marke von 50 Prozent bezahlte er Anfang 2009 jedoch mit geliehenem Geld - der Anfang vom Ende. Nach Ausbruch der Finanzkrise bekam Porsche nur noch mühsam seine Refinanzierung unter Dach und Fach. Die Banken knauserten. Inzwischen ist der Kreditmarkt für das mit mehr als zehn Milliarden Euro verschuldete Unternehmen tot.
In der Not wandte sich der wendige Wiedeking sogar an die Wolfsburger und bettelte bei VW um einen Kredit. Gönnerhaft wurde ihm dieser von seinen Widersachern im VW-Aufsichtsrat - Piech und Niedersachsens Ministerpräsidenten Christian Wulff - gewährt. Sie planten bereits den großen Gegenschlag: VW schluckt Porsche. Der Hund sollte ihrer Meinung wieder mit dem Schwanz wedeln, nicht umgekehrt wie von Wiedeking geplant.
Um sein Vorhaben zu retten, kippte der umtriebige Wiedeking selbst einen seiner Grundsätze (“Luxus und Stütze vertragen sich nicht“) und beantragte gegen den Willen seiner Berater bei der Staatsbank KfW einen Milliardenkredit. Prompt holte er sich eine Abfuhr und zog sich den Spott der Branche zu.
Hobby-Landwirt und Schuhfabrikant
In einem integrierten Konzern von VW und Porsche, wie er von den Porsche-Eigentümern angestrebt wird, ist kein Platz für Wiedeking. Das hatte schon vor Monaten VW-Patriarch Piech klar gemacht: „Das Rollenspiel müsste wechseln, vom Durchmarschierer zur Demut - ich weiß nicht.“ Der Abgang bei Porsche wird Wiedeking mit einer in der deutschen Wirtschaftsgeschichte beispiellosen Abfindung in Höhe von 50 Millionen Euro versüßt. Am 28. August wird Wiedeking 57 Jahre alt - zu früh, um in Rente zu gehen.
Mit seinem Millionenvermögen hat er sich in den vergangenen Jahren in zahlreiche Unternehmen eingekauft. Dazu zählen unter anderem ein Schuhhersteller, ein Restaurant und diverse E-Commerce-Firmen. Dort kann der leidenschaftliche Hobby-Landwirt in Zukunft noch mal richtig Gas geben.