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Deutsche Skispringer Nach dem großen Kino im falschen Film

01.03.2009 ·  Nur ein Tag liegt zwischen Schmitts Silber und dem kollektiven Absturz im Mannschaftsspringen. Bundestrainer Schuster meint dennoch, 99 Prozent der WM seien positiv verlaufen. Dieses Gefühl sollen die deutschen Skispringer mit in Richtung Olympia 2010 nehmen.

Von Christiane Moravetz, Liberec
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Es gibt Tage, da kann einem Martin Schmitt nicht einmal strömender Regen etwas ausmachen. Da spürt er ihn nicht, wenn er triefnass über das große Erlebnis spricht, gerade die Silbermedaille gewonnen zu haben. Und dann gibt es Tage, da steht er da wie ein begossener Pudel, und alles um ihn herum ist nur noch grau. Dass in Liberec (Reichenberg) die Gefühle und Empfindungen innerhalb von nicht einmal 24 Stunden solch eine Achterbahn-Fahrt erleben würden, hätte sich der Skispringer wohl am Freitagabend kaum vorstellen können.

Wie großes Kino wirkte dieser zweite Platz im Einzelspringen von der Großschanze, der letzte, entscheidende Schritt zurück unter die Besten der Welt (siehe auch: Nordische Ski-WM: Schmitt reicht ein Sprung für Silber). „Auch wenn es noch kein Happy End ist“, sagte er, „denn das würde ja bedeuten, der Film ist aus.“ Schon lange vor dem offiziellen Ende mussten aber Martin Schmitt und die drei anderen deutschen Skispringer am Samstag die Vorstellung verlassen. Als Zehnte – die schlechteste Plazierung seit 1991 – erreichten sie nicht einmal das Mannschaftsfinale. Und ihr Trainer Werner Schuster wähnte sich „im falschen Film“ (siehe auch: Skispringen: Auf Silber folgt der „Super-GAU“).

„Wir haben schon etwas, und jetzt noch der Glanzpunkt“

„Das Normale ist das Besondere“, steht auf den Zetteln, die jeder deutsche Springer in Liberec über seinem Platz im Mannschafts-Container an der Schanze hängen hat. Dazu ein paar technische Anweisungen: „Tiefe Position, Arme o. k., locker auf Zug, durchspringen aus Beinen“ bei Schmitt. Nein, normal war es nicht, dass die deutsche Mannschaft am Samstag in einem Strudel aus einzelnen Fehlern unterging. Nach dem Motto „Wir haben schon etwas, und jetzt setzen wir noch den Glanzpunkt“ hätten seine Springer einen Schneeballeffekt ausgelöst, sagte Schuster – und schließlich geriet die Lage außer Kontrolle.

Michael Neumayer war nach einem hervorragenden Probesprung übermotiviert und landete viel zu früh. Stephan Hocke wollte es als Nächster ausbügeln und verkrampfte. Schmitt war nach der Silbermedaille wohl zu sehr fokussiert auf den Gedanken, nun noch einen „draufzulegen“. Lediglich Michael Uhrmann zeigte die normale Leistung, die das Besondere möglich gemacht hätte.

„Ich lasse mich nicht prügeln und nicht in den Himmel schießen“

„Es ist immer wieder faszinierend, was der Sport für Geschichten schreibt – oft im Positiven, manchmal auch im Negativen“, sagte Schuster. Noch am selben Abend setzte er sich mit dem Trainerteam und allen Athleten zusammen, um diesen Absturz aufzuarbeiten. Jeder erzählte, wie er den Tag erlebt hatte. Denn schon am nächsten Wochenende steht im Weltcup wieder ein Team-Wettbewerb an. Aus dem gesamten Saisonverlauf, da waren sich alle einig, wollen sie das Ergebnis vom Samstag herausnehmen. Denn 99 Prozent der Weltmeisterschaften seien positiv verlaufen. Dieses Gefühl müssen sich die deutschen Skispringer erhalten, wenn es Richtung Olympia 2010 geht.

„Ich lasse mich nicht, wenn wir als Zehnte weggehen, vom Platz prügeln“, sagte Schuster, „und ich lasse mich auch nicht in den Himmel schießen, weil Martin die Silbermedaille gewonnen hat.“ Er war im April gekommen, als das deutsche Skispringen in einer tiefen Krise steckte. Er stellte ein neues Trainerteam zusammen, mit dem Schwarzwälder Rolf Schilli und dem Oberstdorfer Christian Winkler.

„Ich habe das mit Werner schon im Frühjahr gespürt“

„Werner Schuster hat den Skisprung strukturell so geordnet, dass alle an einem Strang ziehen“, sagte Thomas Pfüller, der Sportdirektor des Deutschen Skiverbandes, in Liberec. Schon im Mai begannen Schuster und das Team, die Versäumnisse der Vergangenheit aufzuarbeiten. „Wir haben früh hoch intensiv gearbeitet und mussten viel aufholen, wir mussten näher ran an die Spitze.“ Deshalb, so Schuster, gehen die Kraftreserven jetzt langsam aus.

Schuster weckte vor allem in Martin Schmitt das Vertrauen in seine Fähigkeiten. „Ich habe das schon im Frühjahr gespürt“, sagt der Springer, „mit Werner liege ich auf einer Wellenlänge“. Während der Sommerlehrgänge habe er daraus neue Motivation gezogen. Im Laufe des Winters setzte er sie in gute Ergebnisse um, etablierte sich als erster Verfolger der drei Besten Schlierenzauer, Ammann, Loitzl.

„Das würde ja heißen, irgendein Prozess ist zu Ende“

„Es bleibt ja noch einiges“, sagt Schuster. Etwa der Gewinn eines Weltcupspringens für Martin Schmitt nach sieben Jahren Pause. Auch der Schwarzwälder fühlt sich mit der Silbermedaille noch nicht am Ziel. „Das würde ja heißen, irgendein Prozess ist zu Ende.“ Schmitt will weiter Skispringen „Ich werde auf die nächste Chance warten“, sagt er – und verbessert sich dann selbst. „Ich werde sie mir erarbeiten.“ Im Teamspringen war Schmitt bei 112,5 Meter gelandet, der schlechtesten Weite der deutschen Skispringer.

„Es war ein Wettkampf zum Vergessen“, sagte er danach. „Wir werden weiter Wellen haben“, hatte Schuster schon nach der Silbermedaille gewarnt. Die Grundlage der Arbeit mit einem mittelfristigen Konzept hat sich weder mit dem Erfolg von Schmitt noch mit dem Misserfolg des Teams geändert. „Nun kommt die zweite Etappe“, sagte Pfüller. Der Schwung vom Freitag soll dabei mitgenommen werden. „Denn schließlich“, so Co-Trainer Rolf Schilli, „reisen wir mit einer Medaille ab.“

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