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Bob-Weltmeisterschaft Verfahrene Kiste

27.02.2009 ·  Für deutsche Bobfahrer ist Gold bei Olympia Pflicht. Doch zwölf Monate vor den Spielen läuft die „große Kiste“ nicht. Liegt es am Schlitten, an den Kufen, am amerikanischen Eis oder an den Piloten? Vor der WM an diesem Wochenende liegen die Nerven blank.

Von Anno Hecker
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Ein Jahr ist kein Jahr. Zumindest nicht für deutsche Bobfahrer, wenn zwölf Monate vor den Olympischen Spielen in Vancouver die „große Kiste“ nicht so läuft, wie sie sich das vorstellen. Bei den Weltmeisterschaften an diesem Wochenende in Lake Placid (28. Februar / 1. März) wollen die Seriensieger des vergangenen Jahrzehnts mit dem großen Schlitten „Erfahrungen“ sammeln. So reden sie, wenn niemand an Erfolge im Vierer glaubt.

Und zählen schon die Wochen bis zu den Winterspielen; die Trainingswochen für die Bob-Entwicklung: Für März sind noch zwei geplant. Im nächsten Winter kommen ein paar Tage dazu. Die Zeit verrinnt wie Eis in der Frühjahrssonne. „Es wird knapp“, sagt ein ehemaliger Bobfahrer: „Olympia ist quasi morgen.“ Gold ist für Bobfahrer keine Kür, Gold ist Pflicht. Von Gold hängt die Förderung durch das Innenministerium, die Bundeswehr und die Bundespolizei ab. Also weitgehend die Existenz.

Nicht schnell genug

Deshalb lagen die Nerven zuletzt blank. Meisterpilot André Lange, dreimal Olympiasieger, achtmal Weltmeister, kritisierte beim Weltcup-Rennen auf der neuen Olympiabahn in Whistler in aller Öffentlichkeit den Viererbob, sprach von einer „Flugschule“, verzichtete auf den zweiten Lauf. Auch der junge Kollege Thomas Florschütz wagte eine Attacke. Lange nicht haderten deutsche Piloten so entschieden und offen mit ihrem Material. Was auch ein Gradmesser für den Zustand ist. Wenn ruhigere Gesellen wie Lange explodieren, dann muss die Kiste verfahren sein.

Mensch und Maschine aber lassen sich diesmal nicht so leicht voneinander trennen. Der Vierer aus der „Forschungsstelle für die Entwicklung von Sportgeräten“ (FES) ist zwar „nicht schnell“ genug, wie FES-Direktor Harald Schaale einräumt. Doch sind die schwachen Resultate bei den Übersee-Rennen vor der WM allein auf den Schlitten zurückzuführen? Warum taugte der Vierer zum Saisonauftakt in Winterberg zum Sieg (für Lange) und in Übersee nach Topzeiten im Training auf der neuen Olympiabahn nur noch zum Statisten-Gefährt? Warum rumpelte Lange bei der EM in St. Moritz hinterher, während Florschütz im baugleichen FES-Schlitten Zweiter wurde?

Es muss wohl auch an den Menschen liegen

Zum Defizit bei der Höchstgeschwindigkeit gesellten sich Fahrfehler. „Und dann“, sagt der neue Koordinator beim Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD), Christoph Langen, „sollte man doch auch den Einfluss der Kufen nicht vergessen, da redet keiner drüber.“ Bremst auch das nordamerikanische Eis? Die Melange macht eine trennscharfe Analyse problematisch. Es muss wohl auch an den Menschen liegen.

Altmeister Langen jedenfalls hätte sich in den vergangenen Wochen etwas mehr Kommunikation gewünscht. Abstimmungsgespräche mit der Fraktion in Übersee statt Abgesänge von den Steuerleuten. Schließlich sind die Grundprobleme längst erkannt, radikale Entscheidungen getroffen: Die Deutschen wagen kurz vor Olympia einen Neustart. Begeben sich zum Ausklang des Winters noch einmal aufs Eis am Königssee.

Teures Notfallprogramm

Mit neuen Varianten des alten und - bislang ein Geheimnis - mit einem völlig neuen Vierer. Man kann diesen Weg als teures Notfallprogramm bezeichnen. Produziert es im nächsten Februar Erfolge, dann wird eine goldwerte Geschichte daraus.

Entspannung hätte am vergangenen Wochenende das Zweier-Rennen der Männer bringen können. Lange war dank der Rückkehr seines Hintermannes Kevin Kuske, dem wohl besten Anschieber, wieder in den Kreis der Titelkandidaten gerückt, Florschütz gehörte als dreimaliger Weltcup-Sieger in dieser Saison auch schon zu den Favoriten. Doch nur Florschütz wurde mit seinem zweiten Platz den eigenen Ansprüchen gerecht - nicht aber Lange, der als Fünfter mit dem schlechtesten Ergebnis seit seinem ersten WM-Rennen 1999 ins Ziel kam. Immerhin, Florschütz' Resultat beweist: Der FES-Zweier läuft. „Aber natürlich müssen wir auch hier intensiv weiterarbeiten“, sagt Schaale selbstkritisch. Trotz der Erfolge steht ein neues Modell zur Disposition. Was belegt, wie intensiv die Deutschen zur Abwechslung mit sich selbst Schlitten fahren.

Für Glanz und Gloria über den eigenen Schatten

Im vergangenen Jahr waren sie sogar bereit, sich einen Teil ihres WM-Erfolges im Vierer von einem privaten bayerischen Bob-Bauer zu erkaufen. Die Gebrüder Singer vermieteten ein Modell ihres Paradestücks an Lange, der in Altenberg prompt Weltmeister wurde. Allerdings auf FES-Kufen. Auch diesmal wäre der BSD für Glanz und Gloria über seinen Schatten gesprungen.

Generalsekretär Thomas Schwab wurde sogar persönlich vorstellig: Doch „leider“, sagte Sepp Singer, durchaus angetan von der hochwertigen Verarbeitung der FES-Bobs, auf Anfrage, „konnte ich aus vertragstechnischen Gründen keinen Vierer hergeben“. Vielleicht nächstes Jahr. Der kluge Schwab hält sich alle Optionen offen. Denn „der Singer“, sagt Langen, ist immer noch „das Maß der Dinge“.

Spion Langen erwischt

So interessant, dass es Langen während der Junioren-WM am Königssee nicht lassen konnte, sich einem Singer-Bob so zu nähern, wie er es zu seiner aktiven Zeit der Konkurrenz niemals erlaubt hätte: „Ja, das gebe ich offen zu. Ich kam zurück aufs Kasernengelände in die Werkstatt“, schilderte der Leiter der Sportfördergruppe Berchtesgaden, „und da stand der Bob. Da habe ich mal unter die Haube geschaut, wie es jeder gemacht hätte. Aber ich habe nichts auseinandergebaut.“

Langen, „erwischt“, wie er sagt, vom bayerischen Landestrainer, meldete den Vorfall persönlich beim Verband. Die Kunde kam auch zu Konstrukteur Singer. Der will den Fall zwar nicht gleich vergessen. Aber schon im nächsten Satz überlagerte der Spaß den Ärger: „Das Geheimnis siehst du so eh nicht. Deshalb haben wir schon geschmunzelt.“

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