15.02.2009 · Nach Gold im Sprint gewann Kati Wilhelm Silber in der Verfolgung. Dennoch ist sie nicht richtig glücklich. Sie habe Angst, „dass sich die Fans von uns abwenden könnten. Dass sie irgendwann sagen: Ihr sei doch eh alle gedopt.“
Von Claus Dieterle, PyeongchangUnd noch ein Bier. Nicht dass Kati Wilhelm besonders dem Alkohol zugeneigt wäre, aber dem Gebräu wird eine treibende Wirkung nachgesagt. Und wenn man Medaillen gewinnt, lauern die Doping-Kontrolleure, die dieser Tage ohnehin sehr rege sind, schon im Hintergrund. Also hat die 32 Jahre alte Thüringerin am Sonntag in Pyeongchang zum zweiten Mal innerhalb von 24 Stunden öffentlich zur Flasche gegriffen, um dann später fließend ihre Pflicht erfüllen zu können.
Der Marke - alkoholfrei versteht sich - blieb sie treu, die Farbe der Medaille freilich wechselte. Am Samstag, als sie vor ihrer schwäbischen Teamkollegin Simone Hauswald den Sprint gewann, war es Gold, am Tag darauf, nach der Verfolgung, baumelte eine Silbermedaille um ihren Hals. Nur die Schwedin Helena Jonsson war besser. „Natürlich wäre mir zweimal Gold lieber gewesen, aber ich habe es beim ersten Stehendschießen vergeigt“, sagte Kati Wilhelm, die sich dort die Hälfte ihrer insgesamt sechs Fehlschüsse geleistet hatte. Im Sprint hatte sie tags zuvor alle zehn Scheiben abgeräumt.
„Wichtig ist, dass man zufrieden aufhört“
Es war dennoch ein Wochenende, wie es die Skijägerin lange nicht erlebt hat. Jedenfalls nicht bei einer WM. „Ich habe ja sieben Jahre auf meinen zweiten Einzeltitel warten müssen“, sagte sie. Da irrte Kati Wilhelm, denn es war schon 2001 im slowenischen Biathlon-Zentrum Pokljuka, als sie - noch als halber Nobody - ihrer prominenten Mannschaftskollegin Uschi Disl den Sprint-Titel wegschnappte.
In diesen acht Jahren ist sie dreimal Olympiasiegerin geworden und hat bei 19 Weltcup-Siegen ihr Markenzeichen - rote Mütze auf rotem Schopf - in der Biathlon-Welt etabliert, aber ihre WM-Sammlung ist, von diversen Staffeltiteln abgesehen, nur um eine Bronzemedaille gewachsen. „Ich war oft nah dran, aber es hat halt nie gereicht“, sagte sie. Umso wichtiger ist dieser WM-Auftakt für das Ego gewesen. „Es ist eine Bestätigung für mich, dass es auch bei einer Weltmeisterschaft noch klappt.“ Vielleicht bei letzter Gelegenheit.
Angst, dass die Fans sich abwenden
Könnte gut sein, dass Pyeongchang Kati Wilhelms Abschied von der WM-Bühne gewesen ist. Ganz so entschieden wie am Vortag hörten sich die Rücktrittsabsichten nach Olympia 2010 nicht mehr an. „Es ist im Moment nicht geplant, dass ich weitermache. Wichtig ist, dass man zufrieden aufhört.“ Dann könnte sie ja gleich Schluss machen. Aber ihre letzte Anstrengung gilt Vancouver. Dafür hat sie noch einmal viel investiert. Auch finanziell. Denn das Trainergespann Odd Lirhus/Andreas Stitzl, das ihr bei Olympia den vielleicht letzten goldenen Treffer der Karriere bescheren soll, bezahlt sie aus eigener Tasche. „Die Zusammenarbeit mit den beiden hat sich schon jetzt gelohnt“, sagt sie.
Kati Wilhelm hat bei vielen Weltmeisterschaften mit ansehen müssen, wie ihre Teamkolleginnen im Mittelpunkt gestanden haben, während sie zur Randfigur schrumpfte. In Pyeongchang ist sie wie selbstverständlich in die Rolle der Führungskraft geschlüpft, nicht nur sportlich. Auch in Sachen Doping ist die Erfahrenste im deutschen Team auf Wunsch ihrer Kolleginnen so etwas wie eine Mannschaftssprecherin geworden. Selbst im Moment ihres Erfolges musste sie mehr Fragen rund um die drei ertappten russischen Doping-Sünder Ekaterina Jurjewa, Albina Achatowa und Dimitri Jaroschenko beantworten als zum eigenen Glück. Wobei am Sonntag bekannt wurde, dass Jaroschenko nicht nur in Östersund, sondern auch noch in Oberhof mit unerlaubten Mitteln nachgeholfen hat.
Ärger über die russische Haltung
Und dann begegnete Kati Wilhelm bei der Siegerehrung auf dem Podium der Russin Olga Saizewa, weil die sowohl im Sprint als auch in der Verfolgung Dritte geworden war. Und jeder war gespannt, ob es zum obligatorischen Händedruck kommen würde. Für Kati Wilhelm hat sich diese Frage nicht gestellt. „Es ist sicher schwierig, denen zu begegnen, nach dem drei ihrer Spitzenathleten erwischt worden sind. Aber so lange gegen jemanden nichts vorliegt, werde ich ihm den Händedruck auch nicht verweigern.“ Also hat sie zugegriffen, „mit einem faden Beigeschmack“.
Der hat sich später noch gesteigert, als sie mit der Verweigerungshaltung von Frau Saizewa konfrontiert wurde. Die Frau, die zuvor ganz extrovertiert Kusshände in die Kameras geworfen hatte, mochte sich partout nicht in die russische Seele blicken lassen: „Ich äußere mich nur zu meiner körperlichen Verfassung.“ Eine Haltung, die Kati Wilhelm nervt. Genau wie der Beitrag des Biathleten Maxim Tschudow, der auf seiner Homepage geschrieben hatte: „Obwohl die Namen nicht veröffentlicht wurden, haben alle gleich auf Russland gezeigt. Es können auch Norweger gewesen sein oder Deutsche, Polen, Schweden oder Österreicher. Stärken die sich wirklich bloß mit deutschen Würstchen?“
„Da macht man sich schon seine Gedanken“, sagt Kati Wilhelm, die „manchmal Angst hat, dass sich die Fans von uns abwenden könnten. Dass sie irgendwann sagen: Ihr sei doch eh alle gedopt.“ Diese Sorge übertrifft die Wut, um den ein oder anderen Sieg betrogen worden zu sein, bei weitem. „Die Weltcup-Punkte kriegen wir zurück, aber den Moment auf dem Podium kann doch niemand ersetzen.“ Zum Glück hat sie ihn in Pyeongchang gleich zweimal genossen.