18.02.2009 · Kati Wilhelm hat bei der Biathlon-WM ihren zweiten Titel gewonnen. Nach Gold im Sprint überzeugte die 32-Jährige auch im Einzelrennen über 15 Kilometer. Der Sieg kam aus ihrer Sicht allerdings ein Jahr zu früh.
Von Claus Dieterle, PyeongchangEs ist das Gefühl, dass nichts schiefgehen kann. Die Sicherheit, die man mit zwei Medaillen in der Hinterhand hat. „Du kommst an den Schießstand und zweifelst nicht“, sagt Kati Wilhelm. Sondern traust dich, das Gewehr vor dem letzten, dem entscheidenden Schuss noch einmal abzusetzen und den Anschlag neu aufzubauen. „Wenn ich das früher gemacht habe, habe ich prompt vorbeigeschossen“, sagt die Thüringerin.
Diesmal, bei der Biathlon-Weltmeisterschaft in Pyeongchang, ist alles anders. Im Biathlonzentrum Alpensia passieren mit einer Selbstverständlichkeit Dinge, die „mir vielleicht keiner zugetraut hat“, wie die 32 Jahre alte Athletin vom SC Zella-Mehlis vermutet. Der Sieg am Mittwoch im 15-Kilometer-Einzel vor der Slowenin Teja Gregorin und Tora Berger aus Norwegen war für Kati Wilhelm so ein ganz besonderer Erfolg. Nicht, weil es das zweite WM-Gold war, sondern weil sie in der schießlastigsten aller Disziplinen endlich eine Lücke in ihrer sportlichen Vita geschlossen hat. Vorher war ein dritter Platz das höchste der Gefühle. Aber sie hat immer gewusst: „Eigentlich kann ich es doch.“ Es irgendwann auch öffentlich zu zeigen, war ihr heimliches Ziel. Wenngleich sie sich den Sieg im Einzel „eigentlich für Olympia aufheben“ wollte.
Die Erfolge kommen keineswegs überraschend
Aber in Pyeongchang hat sich eine Eigendynamik entwickelt, mit der fast automatisch alles zum Selbstläufer wird. Disziplintrainer Gerald Hönig hat es Tag für Tag auch im Training gesehen: „Sie strahlt so eine Souveränität und Sicherheit aus.“ Und er liefert die Erklärung gleich nach: „Mit dem ersten Gold ist alles von ihr abgefallen.“ Bundestrainer Uwe Müssiggang erklärt das Phänomen so: „Wenn es läuft, dann läuft's. Dann fällt auch die Scheibe, wenn der Schuss auf die Kante geht.“ Ein wenig Glück war natürlich auch im Spiel, und hätte die Schwedin Anna Carin Olofsson-Zidek nicht beim letzten Schuss ihre Chance auf Gold verpulvert, wäre aus dem großen Triumph eben ein kleinerer geworden.
Aber Kati Wilhelms Erfolge kommen keineswegs überraschend. Sie war schon die ganze Saison auf konstant hohem Niveau. Das Gelbe Trikot spricht für sich, auch wenn es zuvor der gedopten Russin Ekaterina Jurjewa gehört hat. „Die Kati hat eine phantastische Form mit nach Korea gebracht. Physisch wie psychisch“, sagt Müssiggang.
„Eine ganz andere nervliche Belastung“
Und wenn die Laufleistung stimmt, so eine alte Biathlon-Weisheit, tut man sich am Schießstand leichter. Oder man ist plötzlich in Lage, seinen Rhythmus der jeweiligen Situation anzupassen. Normalerweise ist es erfolgversprechender, gleichmäßig durchzuschießen, aber im Einzel, wo jeder Fehler mit einer Strafminute geahndet wird, gilt immer noch: Präzision vor Tempo. Kati Wilhelm hat im ersten Anschlag jeden Schuss fast mit Bedacht vorgetragen. „Ich kann jetzt umschalten.“ Aber es gab auch eine kritische Phase. „Nach meinem Fehler beim zweiten Schießen bin ich nervös geworden.“ Trotzdem blieb es ihr einziger.
Das spricht für eine Nervenstärke, deren Basis das Selbstvertrauen ist. „Ich war schon die ganze Saison konstant im Schießen, und wenn du gute Wettkämpfe gemacht hast, dann zweifelst du nicht“, sagt Kati Wilhelm. Wenn sie die Situation heute mit der bei der WM 2008 in Östersund vergleicht, dann sind das zwei Welten, vor allem psychisch. In Schweden musste sie sich damals von einem zum anderen Rennen vertrösten, nach dem Motto: Deine Chance kommt schon noch. Aber mit jedem Misserfolg ist der Druck gewachsen. Bis er sich zur Angst ausgewachsen hat. „Das war eine ganz andere nervliche Belastung“, sagt Kati Wilhelm. Stress pur.
Dominierende Biathletin der WM
Es war auch die Zeit, in der sie hilflos mit ansehen musste, wie der Schatten von Magdalena Neuner immer größer wurde, wie die junge Wallgauerin zur neuen Biathlon-Queen wurde. Im deutschen Team ist die Konkurrenzsituation seit je stärker als in jeder anderen Mannschaft, aber diese Situation hatte ihren besonderen Reiz für die dreimalige Olympiasiegerin. „Die Erfolge von Lena haben mich schon motiviert, noch einmal ein bisschen Gas zu geben“, sagt Kati Wilhelm. „Ich habe gedacht: Vielleicht kann ich mir meine Siege so zurückholen.“
Und jetzt steht sie mit zweimal Gold und einmal Silber als dominierende Biathletin der WM da und wird schon gebeten, Vergleiche mit Ole Einar Björndalen zu ziehen. Was Kati Wilhelm dankend ablehnt. Nicht nur, weil der Norweger in Korea schon drei Titel gesammelt hat. „Der Ole ist was ganz Besonderes, er hat so viele Siege mehr als ich. Mit ihm kann ich mich nicht vergleichen.“ In einer Hinsicht hat sie den Vergleich schon gewonnen: in ihrer entschiedenen Art, sich im Anti-Doping-Kampf zu positionieren. Da kann der große Norweger noch etwas lernen.