17.02.2009 · Eigentlich war der Biathlet Christoph Stephan gar nicht für das WM-Rennen über 20 Kilometer vorgesehen. Doch dann nutzt er die Gunst der Stunde - und gewinnt Silber.
Von Claus Dieterle, Pyeongchang„Jetzt bin ich aber wichtig.“ Es ist eine Mischung aus Koketterie und Verlegenheit, mit der Christoph Stephan diesen Satz sagt. Er sitzt auf dem Podium, umringt von Journalisten, und man weiß nicht so recht, ob er diese Situation genießt oder als unangenehm empfindet. Die Silbermedaille, die er gerade im Einzel-Wettkampf hinter dem Rekord-Biathleten Ole Einar Björndalen aus Norwegen (siehe: Biathlon-WM: Björndalen vor Stenmark) und vor dem kroatischen Überraschungsdritten Jakov Fak gewonnen hat, hat er schon weggepackt - aus Angst, sie zu verlieren. Und Stephan wirkt keineswegs so, als habe da einer mit 23 Jahren soeben den größten Erfolg seiner noch jungen Karriere errungen. „Vielleicht habe ich es noch nicht kapiert“, sagt der Biathlet aus Thüringen ungewohnt zurückhaltend und blickt wieder zu Boden: „Ich mag es nicht, im Mittelpunkt zu stehen.“
Das passt irgendwie nicht zum sonst so forschen Polizeimeister Stephan, der für seine lockeren Sprüche bekannt ist. Auf seiner Homepage steht, dass er verrückte Leute mit verrückten Ideen mag. Und dann rutscht ihm auf die Frage, was denn an ihm verrückt sei, doch ein original Stephan-Satz heraus: „Ich bin ein Gesamtkunstwerk: ich, meine Playstation drei und meine Musik.“ Zu dem Gesamtkunstwerk gehört aber noch viel mehr. Die Tätowierungen zum Beispiel: Es sind insgesamt neun, wobei der Rücken ein einziges Riesen-Tattoo ist. Was der Rennanzug noch verbirgt: Links und rechts unterhalb des Bauchnabels baumeln Colts bis in die Leistengegend: Feuer frei?
„Da wusste ich, es geht um was“
Das Schießen ist zwar nicht seine größte Stärke, aber am Dienstag traf Christoph Stephan im windanfälligen Stadion von Pyeongchang nur einmal daneben: „Da hat mich eine Böe erwischt“, sagte er. Was ihn eine Strafminute und den Sieg kostete, denn am Ende trennten ihn nur 14 Sekunden von Björndalen, der nach drei Strafminuten bekannte: „Heute habe ich Glück gehabt.“ Vielleicht hätte Christoph Stephan auch nur ein wenig früher Gas geben müssen. Aber er baute aus taktischen Gründen stets eine Art Bremse ein. „Ich lasse mir nie vor der letzten Runde meine Zeiten geben, um nicht zu übertouren.“
Auch in Pyeongchang erkannte er erst nach dem letzten Anschlag seine Chance. „Da sind plötzlich Menschen in gelben Jacken neben mir hergestiefelt und haben auf mich eingeschrien. Da wusste ich, es geht um was“, sagte er. Und das Finale ist Christoph Stephans Spezialität. Weil er sich quälen kann über den roten Bereich hinaus. Auch im Training. „Er kann auf der Schlussrunde beißen wie kaum ein Zweiter“, sagt sein Heimtrainer Mark Kirchner. Stephan ist eine Art Koma-Läufer, der sogar Spaß daran hat, sich total zu verausgaben, bis ihm schwarz wird vor Augen und die Beine wegknicken - aber erst im Ziel. So hat er auch vor drei Wochen in Antholz seinen ersten Weltcup-Sieg errungen. Mit dem letzten Körnchen Energie, das sein muskulöser Körper hergab.
„Ich mag lieber die Duelle Mann gegen Mann“
„Wenn du einmal oben gestanden und Blut geleckt hast, willst du dieses geile Gefühl immer wieder haben“, sagt er. Dass er bei der WM ausgerechnet im 20-Kilometer-Einzel mit oben stehen würde, hätte er nicht gedacht. Der Zwanziger ist nicht sein Wettbewerb. „Ich mag lieber die Duelle Mann gegen Mann, wo man die Ellbogen gebrauchen muss.“ Normalerweise wäre er auch gar nicht zum Einsatz gekommen, aber weil Andreas Birnbacher wegen einer Viruserkrankung abreisen musste, schlug plötzlich seine Stunde. „Silber für Christoph - das wiegt wie Gold“, bekannte Bundestrainer Frank Ullrich aufgekratzt.
Und Stephan, ein paar Tonlagen gedämpfter, erzählte, wem er den Erfolg zu verdanken habe. Jung und unerfahren sei er gewesen, als er in die Mannschaft gekommen sei, weit weg von der Spitze, mit ein paar Pfunden zu viel auf den Rippen, den Freuden des Lebens nicht abgeneigt. „Ullrich hat mich geprägt und geformt. Er will das Perfekte: Solche Leute mag ich“, sagte Stephan. Mit zehn ist er von zu Hause in Rudolstadt weggegangen, um 70 Kilometer weiter am Sportgymnasium in Oberhof seine Karriere zu beginnen. Mit 13 ist er auf Biathlon umgestiegen, „weil mir Langlauf zu langweilig war“.
„Ich möchte diese Silbermedaille meinem verstorbenen Vater widmen“
Als er zum ersten Mal bei der Oberhofer Trainingsgruppe von Mark Kirchner auftauchte, in Schlabberhosen, dachte sich der routinierte Kollege Alexander Wolf: „Was ist denn das für ein komischer Vogel?“ Und er nahm ihn ein wenig unter seine Fittiche.
Jetzt ist Christoph Stephan oben angekommen. Und doch gibt es keine Geste des Triumphs, sondern vor allem Nachdenklichkeit. „Ich möchte diese Silbermedaille meinem verstorbenen Vater widmen“, sagt er ganz unvermittelt. Dann schweift sein Blick ab.