25.08.2010 · Bei den Olympischen Jugendspielen in Singapur stellt sich die Frage: Wie sollen muslimische Leistungssportler den Geboten des Ramadan nachkommen? Auch bei den Olympischen Spielen 2012 in London könnte diese Frage zum Problem werden.
Von Christoph Hein, SingapurErst die Silbermedaille bei Olympia, dann fasten – der Taekwondo-Kämpfer Ibrahim Ahmadsei aus Bad Godesberg ist hart im Nehmen: „Am Tag nach meinem Kampf habe ich mit dem Fasten begonnen, ganz so, wie es im Ramadan üblich ist“, sagt der 16 Jahre alte Athlet, der bei den ersten Olympischen Jugendspielen in Singapur erfolgreich war. „Es ist nicht einfach. Aber es geht.“ Die Fastenzeit der Muslime hat am 11. August begonnen. Im neunten Monat des islamischen Mondkalenders dürfen die Gläubigen nur bei Dunkelheit essen und trinken – nur so lange, „bis ihr in der Morgendämmerung einen weißen von einem schwarzen Faden unterscheiden könnt“, wie es im Koran heißt.
Wie aber sollen Hochleistungssportler dem nachkommen? Noch dazu in einem Wettkampf auf Weltniveau, wie bei den ersten Olympischen Jugendspielen in Singapur? „Während des Ramadan bietet das Organisationskomitee der Spiele spezielle Vorkehrungen für muslimische Athleten an. Dazu gehört ein sehr frühes Frühstück. Und dazu gehören Snack-Pakete, die Datteln, Früchte und Wasser enthalten für diejenigen, die das Fasten brechen“, sagt Goh Kee Nguan, Vorsitzender des Organisationskomitees für die Olympischen Jugendspiele in der Tropenmetropole. Im olympischen Dorf in Singapur gibt es Gebetsräume für verschiedene Glaubensrichtungen, Muslimen wird Halal-Essen nach islamischen Regeln angeboten.
Wer hier antritt, kennt die Herausforderungen: „Die Sportler sind an das Fasten gewöhnt. Sie werden damit umzugehen wissen“, sagt Sieh Kok Chi, Ehrensekretär des Nationalen Olympischen Komitees Malaysias. Offiziell haben die Veranstalter in Singapur die Zahl der Sportler muslimischen Glaubens unter den 3600 angereisten Jungathleten nicht gezählt. „Aber bislang haben wir weniger als 100 dieser Snack-Pakete ausgegeben“, heißt es bei den Organisatoren. Das dürfte heißen: Die meisten muslimischen Sportler unterbrechen die Fastenzeit.
Constanze Stolz und Florian Haufe sind das deutsche Segelteam bei den Jugendspielen in Singapur - und auf einem ungewohnten, in Europa nicht gebräuchlichen Boot unterwegs. Wie sie damit umgehen, erzählen sie Britta Heidemann.
Ein Wunder ist das nicht. „Wie sollte ein Sportler davon in Wettkampfzeiten leben“, fragt Tahir Gülec, Mannschafts- und Zimmergenosse von Ibrahim Ahmadsei mit Blick auf das Dattel-Paket. Auch Tahir hat das Fasten verschoben – auf die Zeit in Deutschland, nach den Spielen. „Wir dürfen das machen, weil wir unseren Sport andernfalls nicht ausüben könnten“, sagt Ibrahim. Und fügt an: „Es ist aber sehr schade, dass wir den Fastenmonat nicht wie üblich im Kreise unserer Familie verbringen können.“ Christliche Sportler würden ja auch ungern in der Adventszeit fernab von zuhause zu Wettkämpfen antreten.
Das Problem ist die „verzögerte Regeneration“
Da einige Wettbewerbe wie Hockey oder Leichtathletik aufgrund der Hitze in Singapur auf die späten Abendstunden gelegt wurden, könnten fastende Athleten erst nach 22 Uhr Essen zu sich nehmen. Normalerweise ist Muslimen in Singapur das Essen und Trinken in diesen Tagen ab kurz nach 19 Uhr abends wieder erlaubt – und bis 5 Uhr morgens. Das größte Problem sei die „verzögerte Regeneration“ beim Fasten von Sportlern, sagt Wilfried Kindermann, früherer Arzt der deutschen Olympiamannschaft. Nach hohen Belastungen drohten ohne eine schnelle Wiederauffüllung des Kohlenhydratspeichers Infekte, Muskelkrämpfe und -verletzungen. „Der Leistungssport im Ramadan ist problematisch.“
Glaube und Kultur prallen immer wieder aufeinander, auch bei Jugendolympia. So gab es tagelang Wirren um die Kleidung der iranischen Fußball-Mädchen. Am Ende stand ein Kompromiss in Form einer Art weißer Badehaube. Der Fußball-Weltverband Fifa hatte 2007 dem traditionellen Kopftuch einen Platzverweis erteilt. Für die Jugendspiele wies er im April abermals auf dieses Verbot hin. Marzieh Akbarabadi, stellvertretende Vorsitzende der Abteilung für Körperertüchtigung und verantwortlich für Frauen-Sport in Iran, drohte daraufhin mit dem Boykott der Spiele: „Wir müssen nicht um jeden Preis teilnehmen.“
Auch die Mannschaft, so heißt es, wolle in ihren Kopftüchern spielen. Als aber Fifa und iranischer Fußballverband sich am 1. Mai auf die neue Kopfbedeckung einigten, gab sie klein bei. So liefen die Sportlerinnen im 33 Grad heißen Singapur in langärmeligen Sweatshirts mit hohem Kragen, Capri-Hosen mit Kniestrümpfen und eben einer Haube auf. Stolz zeigte sich die Internationale Reiterliche Vereinigung (FEI) über die Teilnahme der ersten Sportlerin Saudi-Arabiens an Olympischen Spielen: Auch Dalma Rushdi Malhas allerdings trug bei den Wettbewerben die vorgeschriebene Kappe.
„Es ist so, als würden die Olympischen Spiele über Weihnachten ausgetragen.“
Singapur wusste, was auf die Stadt zukommen würde. Schon als London vor vier Jahren den Termin für die Spiele 2012 bekanntgab, gab es Ärger rund um die Erde: Denn 2012 wird der Ramadan vom 21. Juli bis zum 20. August dauern. Die Spiele in London aber sind vom 27. Juli bis zum 12. August angesetzt. „Das Datum der Spiele ist schlecht gewählt. Es ist so, als würden sie über Weihnachten ausgetragen“, empörte sich Massoud Shadjareh, Vorsitzender der Londoner Kommission für islamische Menschenrechte, aufgrund der Überschneidung. Alle Athleten aus muslimischen Staaten würden benachteiligt. „Niemand von ihnen will während des Ramadan reisen. Und niemand will Sport schauen, es ist eine geistliche Zeit.“ Dabei erwartet die britische Hauptstadt rund 3000 muslimische Sportler. Rund ein Viertel der gut 11.000 Athleten, die 2004 in Athen an den Start gingen, kamen aus Ländern mit vorwiegend islamischem Glauben.
Deshalb achteten die zahlreichen britischen Entsandten, unter ihnen auch Organisationschef Sebastian Coe, in Singapur besonders darauf, wie der Stadtstaat mit der Überschneidung von Ramadan und Spielen umging. Sowohl Singapur wie London betrachten sich als multikulturelle Städte, die Glaubensrichtungen und Ethnien gleichermaßen respektieren. Auf dem Höhepunkt des Streits über den Termin von London sagte eine Sprecherin des Internationalen Olympischen Komitees, es obliege jedem einzelnen Sportler, wie er mit Überschneidungen umgehe.
Profis zumindest finden ihren Weg: „Die Fastenzeit ist für mich sehr wichtig. Aber als Leistungssportler müssen wir eine ausgewogene Ernährung haben und genügend Flüssigkeit zu uns nehmen“, sagt der türkische Nationalstürmer Halil Altintop von Eintracht Frankfurt. Der gebürtige Gelsenkirchener halte sich nur an freien Tagen vollständig an die Regeln, sagt er. Das könnte er nicht überall: Während im toleranten Singapur jeder Sportler während der Olympischen Spiele seinen Glaube auf seine Weise leben darf, sieht das in Iran ganz anders aus. Anhänger des Fußballklubs Steel Azin Teheran protestieren dort vehement gegen den Ausschluss des ehemaligen Bayern-Profis Ali Karimi. Der 31 Jahre alte Mittelfeldspieler war in der vergangenen Woche von seinem Klub vor die Tür gesetzt worden, weil er während des Ramadan nicht gefastet haben soll. Karimi soll während des Trainings Wasser getrunken haben.
Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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