26.08.2010 · Die erste Ausgabe der Olympischen Jugendspiele in Singapur verlief erfolgreich, aber nicht ausgereift. Schon jetzt aber ist klar: Die Veranstaltung wird bleiben - und kommerzialisierter werden. Die Spirale zum Betrug hat Fahrt aufgenommen.
Von Christoph Hein, SingapurDie ersten Olympischen Jugendspiele sind vorbei, die olympische Flamme in Singapur abgedreht. „Ich bin extrem begeistert von den Spielen“, sagte Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) am Donnerstag. „Sie haben meine größten Hoffnungen weit übertroffen.“ Bei der Erstausgabe waren gut 3600 Athleten von 14 bis 18 Jahren aus 204 Ländern am Start. Die deutsche Mannschaft zählte 70 Sportler. Sie erkämpften 23 Medaillen, davon vier goldene.
Natürlich waren Sportler und Trainer angetan, denen das IOC den zweiwöchigen Aufenthalt in den Tropen spendierte. Für Rogge sind die Spiele sein Vermächtnis, das auch nach seinem Abschied 2013 bleiben wird. Im Rückblick wird ihre Einführung seine Amtszeit wohl stärker geprägt haben, als die umstrittenen „großen Spiele“ in Peking 2008.
Auch die Verbände und Nationalen Olympischen Komitees stellen dem Erstling ein gutes Zeugnis aus. Angeblich zeigen 17 Standorte Interesse, die übernächsten Jugendspiele im Sommer 2018 auszurichten. Das öffentliche Interesse war viel größer als erwartet. Und schon klopfen die Sponsoren für die zweite Ausgabe in Nanjing (China) an.
Auf den zweiten Blick aber bleiben Fragen. Denn das junge Olympia ist immer noch keine ausgereifte Veranstaltung. Die Sinnfrage ist weiter ungeklärt. So betont der deutsche IOC-Vize Thomas Bach, die Veranstaltung „soll kein Mini-Olympia“ werden. Genau das aber ist sie aus Sicht von Athleten und Trainern. Nur für die Allerbesten wird sie der Durchlauferhitzer für die großen Spiele sein. Schon deshalb nehmen alle eine solche Veranstaltung extrem ernst. „Natürlich bedeutet eine Medaille hier mehr als diejenige einer Weltmeisterschaft“, sagte die Münsteranerin Lena Malkus, noch bevor sie ihre Goldmedaille im Weitsprung holte. Annette Stolz, mitgereiste Mutter der Seglerin und Bronze-Medaillengewinnerin Constanze, sorgte sich derweil, dass „der Druck aus Deutschland zu stark wird“.
Illusion bleibt auch der pädagogische Ansatz
In der Nationenwertung nimmt Deutschland Platz zwölf ein. Normalerweise rangiert es bei Sommerspielen um Platz fünf. China und Russland führen sie an. Allerdings ist die Aussagekraft einer solchen Liste gering: Viele Nationale Olympische Komitees entsandten nicht ihre Spitzensportler. Das gilt für das Fußballturnier, aber auch für die Schwimmwettbewerbe, wo starke Amerikaner fehlten. „Viele Länder haben es schon bereut, nicht die Besten geschickt zu haben. Das wird beim nächsten Mal schon ganz anders sein“, sagte Rogge. Mit dem Weltfußballverband Fifa werde das IOC über die Entsendungen noch sprechen.
Illusion bleibt auch der pädagogische Ansatz. Natürlich freuen sich die jungen Athleten über einen Abenteuerausflug. Luftballonspiele oder das Anmalen von Teddybären mag den wenigen Vierzehnjährigen ebenfalls Spaß gemacht haben. Wesentlich interessanter aber waren die Gespräche mit Weltmeistern und Olympiasiegern wie Stabhochspringer Sergej Bubka. Der Aufklärungsstand über Doping war heiß umlagert.
Doch muss sich das IOC fragen, ob die Tipps erfahrener Sportstars oder das Thema Doping wirklich ein „Kultur- und Bildungsprogramm“ ausmachen. Die achtzehnjährige Badminton-Spielerin Fabienne Deprez aus Mühlheim fand etwa, dass dies ein bisschen dünn sei. Im Zentrum von Jugendolympia stand eben doch die Vorbereitung junger Spitzensportler auf ihre Berufung. Kein Wunder, dass Bach noch während der Spiele forderte, Teile dieses „Kulturprogramms“ auch in die Spiele der Erwachsenen aufzunehmen.
Spürbarer Kommerz
Verschämt war auch der Umgang mit Sponsoren. Drei Unternehmen stellte Rogge aufgrund ihrer Sachleistungen heraus – eines davon spendete allen Athleten und Betreuern ein Handy. Wenn Bach nun fordert, die Jugendspiele „kontrolliert für Sponsoren zu öffnen“, dann gibt er die Richtung vor: Schon in Nanjing wird der Kommerz spürbar sein.
Denn keine Zielgruppe ist für die werbende Wirtschaft so interessant wie Jugendliche. Und mehr als fünf Millionen Aufrufe der Singapur-Spiele im Internet dürften Marketing-Leute beeindrucken. Dies wird dann auch den Spitzensport der Jugend weiter prägen: „Wenn ich hier in Singapur eine Medaille hole, bekomme ich vielleicht einen Sponsor“, motivierte sich Gewichtheber Nico Müller vor seinem Wettkampf.
Je kommerzialisierter nun auch der Sport der Vierzehn- oder Fünfzehnjährigen wird, desto schneller wird sich die Spirale drehen, die irgendwann zum Betrug verleiten könnte. Doping könnte an Gewicht gewinnen genauso wie gefälschte Geburtsurkunden. Kein Wunder, dass das IOC demnächst Knochen vermessen lassen wird, um das Alter von Jungsportlern zu überprüfen.
Jugend-Olympia wird bleiben
Das IOC selbst hat ein gutes Geschäft gemacht. Mit dem Einsatz von schätzungsweise 80 Millionen Euro für die Spiele in Singapur verjüngt sich der „Club der alten Herren“, poliert sein eigenes Image. Kommen für die Olympischen Spiele vielleicht zwei Dutzend Länder der Erde als Veranstalter in Frage, so ist Klein-Olympia künftig für alle interessant, die sich an den großen Spielen verheben würden. Damit hat das IOC den Kreis der Länder, wo es mit Spielen auftreten könnte, mehr als verdoppelt.
Dies alles zeigt, dass das IOC realistischer mit seinem Jugendolympia wird umgehen müssen. Denn es wird bleiben. Mehr noch: Das junge Olympia wird auch die Olympischen Spiele prägen. „Wir müssen nun prüfen, welche der speziellen Wettbewerbe hier wir so bald als möglich auch bei Olympia übernehmen können“, sagt Bach mit Blick auf gemischte Teams oder „Street-Basketball“, mit nur jeweils drei Spielern auf dem Feld. So macht das IOC seine jungen Hüpfer im besten Sinne zu Versuchskaninchen.
Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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