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Jugendspiele in Singapur Olympischer Jugendtraum

09.08.2010 ·  Mit den sündhaft teuren Youth Olympic Games in Singapur will das IOC den Nachwuchs von seinen Idealen begeistern - und sein Milliardengeschäft in die Zukunft tragen. Denn ohne Investitionen in die Zukunft droht der schleichende Tod der olympischen Bewegung.

Von Evi Simeoni
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Die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hatten Hunger. Es war Lunchtime, als die britische Prinzessin Anne ihren letzten Redebeitrag zum Thema Olympische Jugendspiele plazierte, die Teilnehmer der Session in Guatemala rutschten mit knurrenden Mägen auf ihren Sesseln hin und her. Ein günstiger Augenblick zum Abstimmen, fand Rogge - und schon hatte er sein Lieblingsprojekt durch. Drei Jahre ist diese Entscheidung her. Das Ergebnis: Am kommenden Freitag werden die ersten Youth Olympic Games in Singapur eröffnet.

Ein sündhaft teures Geschenk des IOC an 3600 Jugendliche aus 205 Nationalen Olympischen Komitees, darunter 70 aus Deutschland. Die Reise wird bezahlt, das Angebot klingt märchenhaft. Zu den Wettkämpfen in den 26 Sportarten der nächsten Sommerspiele in London kommt ein umfangreiches Kultur- und Erziehungsprogramm.

50 Angebote, von Diskussionsrunden bis zum Insel-Abenteuer, können die Jugendlichen wahrnehmen. Dafür, dass sie sich spielerisch die olympischen Werte und einen gesunden Lebensstil vermitteln lassen, ist ihnen das IOC sogar noch dankbar, denn es sieht in den Vierzehn- bis Achtzehnjährigen seine eigene Zukunft. Eine dreistellige Millionensumme, so wird kolportiert, gibt das IOC für seinen Jugendtraum aus. „Besser kann man kaum investieren“, sagt dazu IOC-Vizepräsident Thomas Bach.

Spiele sollen ihren Milliardenwert behalten

Das IOC frönt eben nicht nur seiner Jugend-Liebe, wenn es sich zurückbesinnt auf den ethisch-moralischen Kern der Bewegung, der irgendwann die „Jugend der Welt“ zu tüchtigen Menschen formen sollte. Angesichts von Doping-Monstern und menschlichen Geldschränken, die das moderne Olympia an der Spitze prägen, könnte man vermuten, das IOC begegne mit den Jugendspielen seiner eigenen Sinnkrise, doch die wahren Motive liegen woanders. Bewegt sich das IOC nicht, werden ihm die Jugendlichen verloren gehen. In Guatemala schauten die Olympier erschrocken auf Statistiken, die ihnen einen schrecklichen Alterungsprozess prognostizierten.

Seitdem hat das IOC erhebliche Anstrengungen unternommen, um für junge Leute attraktiver zu werden. Zum Beispiel hat es sich fit gemacht für alle modernen Medien. „Wir müssen in der Zukunft so erfolgreich bleiben, wie wir heute sind“, sagte Rogge damals den IOC-Mitgliedern. Darum dürfe man die Jugend nicht an Konkurrenzangebote verlieren. Das IOC müsse die Jugend vom Computerbildschirm, vom ungesunden Essen und unsportlicher Haltung wegholen. Jugendliche sollten sich nicht mehr - wie das seit Jahren geschieht - in der Pubertät vom Sport verabschieden.

Mit anderen Worten: Die Olympischen Spiele sollen ihren Milliardenwert behalten. „Das IOC hat immer wieder auf die gesellschaftlichen Veränderungen reagiert“, sagte Rogge. „Wir sind in der Lage, die richtigen Entscheidungen zu treffen.“

Chance für neue Sportarten

Im Olympischen Dorf in Singapur, hat der Mediziner Rogge jüngst in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ gesagt, sollten die Jugendlichen sich mit der olympischen Idee „infizieren“. Darüber hinaus sollen die Jugendspiele Hinweise darauf liefern, wie das olympische Programm attraktiv weiterentwickelt werden kann. Bisher allerdings waren die Fachverbände eher phantasielos in der Gestaltung der Wettbewerbe, die meisten Disziplinen blieben im traditionellen Rahmen.

Und neue Sportarten bekamen keine Chance. Immerhin wird Basketball mit Dreier-Teams gespielt. Es wird in einigen Sportarten gemischte Mannschaften und Staffeln geben, etwa im Schwimmen, Triathlon und Radsport. In einigen Sportarten werden in Trostrunden Nationen übergreifende Mannschaften gebildet. Selbst der konservative Bach scheint ein bisschen enttäuscht. „Ich persönlich hätte mir für die erste Ausgabe der Jugendspiele noch mehr Innovation vorstellen können.“ Rogge verweist auf die Zukunft. „Die ersten richtig guten Olympischen Spiele haben auch erst 1912 stattgefunden. Es hat also 16 Jahre gedauert.“

Begegnungen mit Vorbildern

Es bleiben allerdings Widersprüche. Das IOC betrachtet die Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren noch als erziehbar und erreichbar für moralische Werte. Das Erziehungsprogramm der Jugendspiele soll ihnen vermitteln, dass Leistung um jeden Preis nichts wert ist, dass nicht nur die Goldmedaille zählt, sondern jede persönliche Bestleistung, und dass der Mensch sich nicht instrumentalisieren lassen soll. Die olympische Realität konterkariert solche Vorstellungen. So stellte der Welt-Turnverband erst jüngst fest, dass die chinesische Athletin Dong Fanxiao bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney erst 14 Jahre alt war, obwohl in allen Dokumenten ihr Alter mit 17 Jahren angegeben wurde. Ein Fall für Jugendspiele der Vierzehn- bis Achtzehnjährigen? Wieso? Das Mindestalter für Turnerinnen bei Olympia liegt seit 1997 bei 16 Jahren.

Beim „Chat with Champions“ werden die Jugendlichen in Singapur großen Sportstars begegnen und von ihnen lernen können. Zum Beispiel von der Stabhochspringerin Jelena Isinbajewa, die vor einigen Monaten erklärte, sie leide an einem Burn-out-Syndrom. Oder von Usain Bolt, dem jamaikanischen Supersprinter, über dessen pharmakologische Tricks die Welt rätselt. Oder von Michael Phelps, dem überirdischen Schwimmer, der beim Rauchen von Marihuana erwischt wurde. „Role Models“ nennt das IOC diese Leute. Vorbilder also.

Doch natürlich wird jeder der 3600 Jugendlichen in Singapur sein persönliches Abenteuer erleben und unvergleichliche Erfahrungen machen. „Lassen Sie uns doch mal abwarten“, sagt Thomas Bach, der hofft, dass die olympische UrErfahrung der Jugendspiele eine Sportlergeneration prägen wird. Darauf bauen die Olympier. Weder das Doping-Problem noch die Kommerzialisierung haben ihre Spiele entscheidend schwächen können. Doch wachsendes Desinteresse am klassischen Leistungssport wäre ihr langsamer Tod.

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