25.08.2010 · Seinem persönlichen Lieblingskind hat er das Laufen beigebracht: Am Ende der Olympischen Jugendspiele zieht Jacques Rogge zufrieden Bilanz. Der IOC-Präsident über die Premiere in Singapur, Münchens Bewerbungschancen und seinen möglichen Nachfolger.
„Wir werden Fehler machen“, haben Sie vor der Premiere der Olympischen Jugendspiele in Singapur gesagt. Was also lief falsch?
Wir haben viel gelernt. Was wirklich besser hätte laufen können, ist die Zahl der Besucher. Augenscheinlich sind Eintrittskarten an Unternehmen abgegeben worden, die sie an ihre Mitarbeiter oder Kunden weitergereicht haben, die dann nicht erschienen sind. Das erleben wir nicht das erste Mal. Wir kennen das zum Beispiel auch von den Spielen in Peking 2008. Aber hier in Singapur hat es sich jetzt zum Besseren gewendet.
Was steht nach dem Ende der Spiele heute auf der Haben-Seite?
Singapur hat einen phantastischen Job gemacht. Wir wussten, dass es den Athleten gefallen wird. Einige der internationalen Verbände und Nationalen Olympischen Komitees haben an dem Format gezweifelt. Nun haben sie ihre Meinung geändert und sind auch begeistert – klar, dass uns das gefällt. Was uns aber wirklich umgehauen hat, sind die Reaktionen der Öffentlichkeit: Wir haben fünf Millionen Downloads auf Youtube, vier Millionen „Freunde der Spiele“ auf Facebook. 166 Fernsehstationen haben unser Angebot aufgegriffen, täglich eine halbe Stunde Material kostenlos zu erhalten, wenn sie zwölf Minuten davon senden. Eine eigenständige Berichterstattung hatten sie als zu teuer empfunden. Das ist schade, denn hier in Singapur sind die Sieger von Morgen.
Ihr Stellvertreter Thomas Bach sprach von einer „kontrollierten Öffnung“ der Jugendspiele für Sponsoren. Teilen Sie seine Sicht?
Es wird niemals einen Auftritt von Sponsoren bei den Wettkämpfen selber geben. Das macht Olympia einzigartig. Wahr aber ist, dass wir vor dieser Premiere der Jugendspiele praktisch kein Interesse von Unternehmensseite hatten. Die wollten erst sehen, was wir machen. Ausnahmen waren Samsung, Coca-Cola und Visa. Heute, zum Ende der Spiele, sagen sie nun: Wir wollen dabei sein, wollen die Organisatoren unterstützen. In dieser Sicht stimme ich mit Thomas Bach überein. Es geht nicht um nackte Werbung, sondern um Unterstützung, um Sachleistungen.
Man hört, das IOC habe sich die Jugendspiele etwa 80 Millionen Euro kosten lassen. Werden Sie in Zukunft Geld damit verdienen können?
Dieses Mal haben wir als IOC die Anreise aller Mannschaften aus eigener Tasche gezahlt. Wenn nun Sponsoren einsteigen, kommt das den veranstaltenden Städten zugute. Ich glaube, auf mittlere Sicht werden wir auch nicht dazu kommen, Geld mit Übertragungsrechten an den Jugendspielen zu verdienen. Bislang haben wir nicht mal ein Wirtschaftsmodell für die Vermarktung über das Fernsehen. Es geht uns definitiv um Zuschauer, nicht um Einnahmen.
Die nächsten Jugendspiele werden 2014 in der chinesischen Stadt Nanjing ausgetragen werden. Darüber sind viele nicht glücklich – nach Peking 2008 sind es die zweiten Spiele in China, zugleich die zweiten Jugendspiele in Folge in Asien…
Nanjing gewann knapp vor Polen. Die Chinesen haben Erfahrung mit der Veranstaltung von großen Ereignissen. Wir müssen dort aber auf die Größenordnung achten, denn Nanjing ist wesentlich größer als Singapur.
Fürchten Sie nicht die abermaligen Debatten über Menschenrechte, über Umwelt, über Demokratie in China?
Wir sind auf jede Debatte vorbereitet. Ich werden die Menschen davon überzeugen, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben.
Wie bei den Olympischen Spielen geht es auch hier in Singapur bereits um Betrug, etwa bei Doping oder falschen Geburtsurkunden. Wo liegen die Risiken für Jugendspiele?
Ob es Dopingfälle gab, werden wir am Tag nach der Schlussfeier erklären. Soweit sieht es gut aus. Mit Blick auf Altersangaben hat es bislang keine Beanstandungen gegeben. Aber wir schauen sehr genau auf dieses Thema. Denn das könnte ein Problem sein, dem man sehr schlecht beikommt, weil es in einigen Ländern keine korrekten Register gibt. Wir wollen es angehen, indem wir Magnetresonanzuntersuchungen einsetzen werden. Schon für die Winterjugendspiele in Innsbruck, ganz sicher in Nanjing 2014 wird diese Methode bereitstehen. Wenn es dann Zweifel am Alter gibt, werden wir es testen. Bislang sind wir da angewiesen auf zweifelhafte Bescheinigungen oder Erzählungen.
Die deutschen Tennisspieler haben sich früher verabschiedet, ein iranischer Taekwondo-Kämpfer verzichtete auf den Finalkampf gegen einen Israeli und war nicht bei der Siegerehrung. Haben schon die ersten Jugendspiele ihre Unschuld verloren?
Die Abreise der Tennisspieler war eine offiziell genehmigte Ausnahme, weil sie zu einem Turnier mussten. Mit Blick auf Iran und Israel kann ich nur sagen, dass ein unabhängiger Singapurer Arzt eine Verletzung des Iraners festgestellt hat. Das ist das Ende der Geschichte.
Die Athleten und ihre Trainer sagen offen, dass sie in Singapur seien, um eine Medaille zu gewinnen. Ist es da nicht überzogen, wenn das IOC sie auch als Kultur- und Bildungsereignis deklariert?
Natürlich geht es um Sport, wir sind eine Sportorganisation. Aber wir wollen diese Spiele nicht zu einem Mini-Olympia machen oder einer zusammengelegten Weltmeisterschaft von 26 Sportarten. Uns geht es um eine andere Dimension. Wettkampf ist der Mittelpunkt. Aber dazu kommt eine erste Erfahrung eines Olympischen Dorfes – der Hockeyspieler trifft den Schwimmer, der Tischtennisspieler den Ringer. So bereiten wir die Athleten auf die Zukunft vor. Zusätzlich bieten wir ihnen weitere Werte: Den Stand der Anti-Doping-Organisation hier haben täglich 250 Sportler besucht – nach zwölf Tagen waren also praktisch alle einmal dort. Am Stand zur Aids-Vorbeugung waren 200 Athleten täglich. Ein junger Sportler lernte Erste Hilfe an einem der Stände. Er kam aus einem Entwicklungsland, wo Bürgerkrieg herrscht. Er sagte: „Ich will das lernen. Es kann sein, dass ich es schon morgen brauche.“ Um so etwas geht es uns.
Trotzdem gibt es große Unterschiede. Die deutsche Mannschaft will nicht mal über einen Medaillenspiegel sprechen, Singapurs Staatsmedien drucken ihn täglich ab…
Medien wollen immer Ranglisten. Das IOC aber wird niemals eine veröffentlichen, es geht uns nicht um den Kampf der Nationen. Entstanden ist das ganze doch durch die kommunistischen Länder, die beweisen wollten, dass sie besser seien, als die westlichen Länder. Mir macht so etwas Sorgen. Aber es ist wohl menschlich, dass vor allem Sportministerien solche Listen veröffentlicht sehen wollen.
Hinter den Kulissen betrieben die drei Bewerber für die Winterspiele 2018, Annecy, München und Pyeongchang, auch hier in Singapur Lobbyarbeit. Wie stehen die Chancen?
Alle drei sind gute Bewerber. Deutschland, Frankreich und Südkorea sind wirtschaftlich stark, haben eine gute Sportkultur und Menschen, die wissen, wie solche Veranstaltungen organisiert sein müssen. Im Hinblick auf die Qualität gibt es zwischen allen dreien kaum Unterschiede. Ich denke, die drei sind mehr oder weniger auf dem gleichen Stand.
Macht Ihnen der Widerstand der Bauern und Grundeigentümer in Garmisch-Partenkirchen Sorgen?
Wäre die Abstimmung morgen, könnten die Proteste negative Auswirkungen haben. Aber gewählt wird in einem Jahr. Ich bin sicher, dass die Deutschen bis zur Entscheidung am 6. Juli nächsten Jahres dafür eine Lösung gefunden haben werden.
Ist es für ein Land wie Deutschland denkbar, 2011 die Winterspiele 2018 zu bekommen und zwei Jahre später mit Thomas Bach Ihren Nachfolger als Präsident des IOC zu stellen?
Zuerst muss Herr Bach erklären, dass er kandidieren will. Aber natürlich erwartet jeder, dass er antreten wird. Würde er die Wahl gewinnen, hätte das keinen Einfluss auf München. Wenn München gewinnt, ist das nicht negativ für eine eventuelle Kandidatur von Thomas Bach. Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge, die die IOC-Mitglieder voneinander trennen.