05.09.2010 · Der neue Eigentümer von Karstadt kauft kranke Firmen, die früher einmal viel Strahlkraft hatten - und präsentiert sich als kapitalistischer Weltverbesserer. Er macht vor keiner Branche halt, obwohl er von den meisten keine Ahnung hat.
Von Georg MeckDer Mann kam aus dem Nichts, wurde etwas zu vorschnell als Retter gefeiert und hatte am Ende doch Erfolg: Nicolas Berggruen wird tatsächlich neuer Eigentümer von Karstadt. Freitagnachmittag war es amtlich und Berggruen „irre glücklich“, wie er in Berlin sagte: „Karstadt steht.“
25.000 Arbeitsplätze sind damit fürs Erste gesichert, 70 Millionen Euro steckt der kunstsinnige Investor in die Kaufhäuser, die er als „Symbol für Deutschland“ herausputzen möchte. Schon in jungen Jahren hatte der heute 49 Jahre alte Mann sich auf ramponierte Marken spezialisiert, damit brachte er es auf die Forbes-Liste der 500 reichsten Menschen der Welt. Auf ein Vermögen von 2,2 Milliarden Dollar wird er aktuell taxiert.
Berggruen hat den Ruf als Mysterium
Karstadt sei nicht sein schwierigster Deal, sagt Berggruen, wohl aber „das öffentlichste Geschäft“. Noch nie hatte er es mit einer derart komplizierten Gemengelage zu tun, mit Bankern als Vermietern, denen er den Verzicht auf Mieten abtrotzen musste, einer mächtigen und im Zweifel krawallbereiten Gewerkschaft und einem durchaus PR-kundigen Insolvenzverwalter.
Zuvor hatte Berggruen seine Geschäfte weitgehend im Schutz der Anonymität getätigt, in der angelsächsischen Presse verfolgte ihn sein Ruf als „Mysterium“. Bis heute ist nicht exakt nachzuprüfen, wo und wie er seine ersten Millionen verdient hat. Das Vermögen sei jedenfalls nicht geerbt vom Vater, dem legendären Kunstsammler Heinz Berggruen, betont der smarte Unternehmer immer wieder.
Angefangen hat er in der New Yorker Finanzszene, unter anderem als Hedge-Fonds-Manager mit einer Firma, die er schließlich an eine Bank verkauft hat, um die eigene Beteiligungsgesellschaft aufzubauen. Kranke Firmen billig kaufen, sie aufpäppeln und dann mit Profit verkaufen - das ist die Masche. „Ich übernehme fast immer Gesellschaften, die früher einmal erfolgreich waren, eine starke Marke besitzen und schlecht geführt werden“, erklärt er. Deshalb sei er auch in so vielen Branchen unterwegs, „von Medien über Möbel und Getränke bis hin zu Blumen“.
Büros auf der ganzen Welt
Eines der ersten Objekte war ein heruntergewirtschafteter amerikanischer Brillenhersteller, den er entsprechend günstig erstand und nach einigen Jahren mit dem sagenhaften Gewinn von 400 Millionen Dollar losschlug. An die 100 Firmen hat Berggruen sich über die letzten 20 Jahre herausgepickt, mickrige, aber auch solche, für die er dreistellige Millionenbeträge auf den Tisch legen musste.
Berggruens Holding hat heute Büros in New York, Istanbul, Mumbai, Tel Aviv, Berlin. Er selbst hat keinen festen Wohnsitz, seine wichtigsten Hilfsmittel sind der Blackberry sowie sein Privatjet. Sehr viel mehr braucht er nicht, um seine Beteiligungen zu steuern. Das Tagesgeschäft überlässt er angestellten Managern. „Meine operativen Ideen sind oft schlecht.“
In England kaufte er einen Lebensversicherer, in Spanien eine Getränkefirma sowie den Medienkonzern Grupo Prisa mit der angesehenen Tageszeitung „El País“, als Großverleger ist er zudem in Portugal aktiv. In Australien macht er in Landwirtschaft, in Indien besitzt er eine Hotelkette und eine Autovermietung. In der Türkei gehören Berggruen Minen und Aktenlager, außerdem steckt er sein Geld dort in einen Windpark. „Weil er grüne Energie liefert und weil die Türkei mehr Energie braucht - das macht ihn profitabel.“
In Deutschland geht es um Beton und Stein
Schöne Rendite und ökologisch korrekt - so hat es der kapitalistische Weltverbesserer am liebsten, nur geht die Rechnung nicht immer auf. In Amerika investierte er einmal in Ethanol und irrte sich mächtig: „Am Ende stellte sich das als eine ganz große finanzielle und ökologische Katastrophe heraus.“
Nach Deutschland kam Nicolas Berggruen auf der Suche nach realen Werten, sprich nach Beton und Stein, in die zu investieren sich lohnt. Seine 2005 in Berlin gegründete Firma hat inzwischen 225 Millionen Euro in Erwerb und Sanierung von Immobilien gesteckt, 60 Objekte sind so zusammengekommen mit insgesamt 200.000 Quadratmeter Fläche.
Gewöhnliche Mietshäuser sind darunter, aber auch Schmuckstücke wie das traditionsreiche Café Moskau in Berlin oder die Sarotti-Höfe. Im Jahr 2007 hat Berggruen dann die IMS-Gruppe, ein Teil der insolventen Möbelfirma Schieder, übernommen, von daher rührt sein Kontakt zum Sanierungsexperten Thomas Fox, der im Team mit dem Insolvenzverwalter bei Karstadt zuletzt im Einsatz war.
Über diese Verbindung stieß Berggruen schließlich zu den Kaufhäusern, von denen er zugegebenermaßen nicht sonderlich viel versteht. „Ich bin kein Spezialist für diese Branche.“ Für die Kleinarbeit hat der Großinvestor seine Leute.