05.07.2006 · Vor dem Halbfinale Deutschland gegen Italien nahm die Zahl der mit Schwarz-Rot-Gold beflaggten Autos noch einmal sichtbar zu. Julia Bonk war das ein Graus. Die PDS-Abgeordnete kämpft mit skurrilen Mitteln gegen die deutsche Flagge.
Von Reiner Burger, DresdenDienstag mittag. Bis zum Anpfiff des Halbfinalspiels Deutschland gegen Italien sind es noch wenige Stunden, die Spannung steigt. Wie überall im Land hat die Zahl der mit Schwarz-Rot-Gold beflaggten Autos auch in Dresden noch einmal sichtbar zugenommen. Aber Julia Bonk ist das ein Graus. „Ich bin stolz, Ihnen mitteilen zu können, daß an vier Umtauschstellen in Sachsen mit Stand Dienstag, zwölf Uhr, insgesamt 283 Deutschland-Fahnen eingegangen sind.“ Die junge Stimme am anderen Ende der Leitung klingt merkwürdig euphorisiert.
Vor zwei Wochen hat die zwanzig Jahre alte sächsische PDS-Landtagsabgeordnete gemeinsam mit der „Jungen Linken/PDS Sachsen“ dazu aufgerufen, je drei Deutschlandfahnen gegen ein PDS-Hemd mit der sprachlich-verqueren Aufschrift „Nazis raus aus den Köpfen“ und eine DVD bei Büros der Partei in Leipzig, Dresden, Chemnitz und Zwickau einzutauschen. Denn die Farben Schwarz-Rot-Gold stünden „für eine auf Ausgrenzung basierende nationale Zusammengehörigkeit, für ein Wir-Gefühl gegen die anderen. Und im betonten Stolz auf die eigene Heimat liegt die Abwertung des anderen“.
„Fragwürdiges Konzept der Nation“
Diese Selbstübersteigerung habe in der Geschichte Deutschlands schreckliche Folgen gehabt. „Die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands sind singulär, sie müssen immer als außergewöhnlich schrecklich in Erinnerung bleiben. Darum kann es in Deutschland kein mit anderen Ländern vergleichbares Verhältnis zum ohnehin fragwürdigen Konzept der Nation geben. Die deutsche Fahne ist niemals nur ein Fußball-Wimpel.“
Bald darauf brach ein Sturm der Empörung los: Der Vorsitzende der CDU-Fraktion, Fritz Hähle sagte, wer dazu aufrufe, schwarz-rot-goldene Flaggen gegen linksextremistisches Propagandamaterial zu tauschen, mache seine verfassungsfeindliche Gesinnung deutlich. Ein anderer CDU-Mann forderte die Staatsanwaltschaft auf, gegen Frau Bonk die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens wegen Herabwürdigung nationaler Symbole zu prüfen.
„Bonk spricht nicht für die Fraktion“
Bei ihren eigenen Parteifreunden rief die Aktion hektische Reaktionen hervor. Der PDS-Fraktionsvorsitzende Peter Porsch stellte gleich in der Überschrift einer Pressemitteilung klar: „Bonk spricht nicht für Fraktion - in Schwarz-Rot-Gold paßt kein Hakenkreuz“. Wer die Deutschland-Fahne angreife, müsse wissen, daß deren Farben von Anfang an Verfassungsstaat und Emanzipation von Willkürherrschaft symbolisierten. Wohlweislich hätten die Nationalsozialisten Schwarz-Rot-Gold deshalb nie verwendet, schrieb Porsch seiner Kollegin (die übrigens seit 2004 an der TU Dresden Geschichte und Politikwissenschaften studiert) ins Stammbuch. „Man kann nicht glaubwürdig gegen Fremdenfeindlichkeit auftreten und zugleich die Symbole der eigenen Kultur hassen.“
Der parlamentarische Geschäftsführer der PDS-Fraktion, Andre Hahn versuchte die Vitalität des Fußballpatriotismus unter den Sozialisten per Rundmail zu belegen: Im Anhang fand sich ein laienhaft angefertigtes Digital-Foto des Politikers samt schwarz-rot-goldener Brille vor einem Fernsehgerät.
Vergangene Woche befaßten sich schließlich sogar der PDS-Fraktions- und der Parteivorstand mit dem Fall „Balla-balla-Bonk“, wie die „Bild“-Zeitung titelte. Nach den Krisentreffen gaben die beiden Gremien eine klare Strategie vor. „Den Ball flachhalten, die WM genießen, der politischen Verantwortung gerecht werden“, hieß es aus der Fraktion. Eindeutig habe man sich von Bonks Kampagne distanziert.
„Vielfalt des linken Alttagslebens“
Der Landesvorstand äußerte sich ähnlich, bekräftigte jedoch zudem das Recht der in der PDS organisierten „jungen Menschen, ihre eigenen Erfahrungen zu sammeln und dabei auch Fehler zu machen“. Zudem gehöre „zur Vielfalt des linken Alttagslebens“ ebenso die in bunten Farben zum Ausdruck kommende Freude der Fußballfans „wie der Diskurs über das Verhältnis der Linken zur Nation und ihren Symbolen“. Das, frohlockt nun die junge Frau, sei doch ein Beleg dafür, daß ihr Standpunkt eben doch einen Platz innerhalb der PDS habe.
Frau Bonk ist es bitterernst mit ihren bizarren Ideen. Schon kurz nach ihrem Einzug ins sächsische Landesparlament wurde das erstmals deutlich, als sie forderte, Jugendlichen vom vierzehnten Lebensjahr an den Konsum von Rauschgift zu erlauben. Schließlich könne doch auch jeder selbst entscheiden, ob er von einer Brücke springen wolle. Fraktionschef Prosch distanzierte sich eilig. Frau Bonks Äußerungen seien zynisch und bagatellisierten die Verzweiflung von Selbstmördern. Doch Porschs Donnerwetter bewirkte auch damals rein gar nichts: Ziemlich genau vor einem Jahr kündigte die PDS-Jugend auf offiziellem PDS-Briefpapier eine Werbetour durch Sachsen für die Freigabe von Rauschgiften an.
Und in der Flaggen-Frage will Frau Bonk auf ähnliche Weise nachlegen. Nach der WM werde es vier Diskussionsveranstaltungen der PDS-Jugend zum Thema „Fußball und Nation“ geben, sagt sie am Mobiltelefon.