03.02.2005 · Das gesellige Treiben auf den Straßen kennen die Mainzer zu gut: vom Rosenmontag. Im diesen Jahr gibt es zwei „Rosenmontage“. Mainz bereitet sich auf den Besuch des amerikanischen Präsidenten vor.
Von Eckhart Kauntz, MainzMit 500 000 Besuchern wissen die Mainzer umzugehen. Denn diese Zahl an närrischen Gästen beschert ihnen alljährlich der Rosenmontagszug. Der für den 23. Februar geplante, nur wenige Stunden währende Mainz-Besuch eines einzigen Mannes wird dagegen nicht mit der örtlichen Routine begleitet werden.
Bundeskanzleramt, Auswärtiges Amt, Bundespresseamt und Bundeskriminalamt sind gemeinsam mit Vertretern des Landes, der Stadt und mit Mitarbeitern des amerikanischen Generalkonsulates in Frankfurt schon seit Wochen dabei, das Treffen des amerikanischen Präsidenten Bush mit Bundeskanzler Schröder in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt vorzubereiten. Ein Mittagessen und eine Gesprächsrunde sind geplant.
Mögliche Gefahren
Nun haben sich auch die ersten Vorboten aus Washington eingefunden, um die Örtlichkeiten in Augenschein zu nehmen und Sicherheitsstandards zu setzen. Sie werden deutlich machen, daß die einzige Supermacht der Welt allein darüber entscheidet, welchen Gefährdungen ihr Präsident auf seiner Stippvisite zwischen Brüssel und der slowakischen Hauptstadt Bratislava ausgesetzt sein könnte und was unternommen werden muß, um denkbare Zwischenfälle zu vermeiden.
In der vergangenen Woche wurde hier ein mutmaßlicher Terrorist aus dem Nahen Osten festgenommen. Er sollte auf das Bild des friedliebenden Mainz keinen Schatten werfen. Seit dem gewaltsamen Tod des Kaisers Severus Alexander im Jahr 235, der zusammen mit seiner Mutter Iulia Mammaea im schönen Vorort Bretzenheim umgebracht worden sein soll, hat sich in Mainz keine Hand mehr gegen einen Potentaten erhoben - sieht man von der Ermordung eines Mainzer Bischofs durch empörte Bürger im hohen Mittelalter einmal ab. Die „Meenzer Drecksäck“, ein alternativer Karnevalverein, zeigen sich trotzdem beunruhigt. Sie malen schlimmste Befürchtungen an die närrische Mainzer Wand und blicken besorgt auf Mainz und Teheran: „Hier Staatsbesuch, dort Bomben schmeiße, tät er's verwechsle, das wär' Sch . . .“
Kanaldeckel zugeschweißt - Blumenkübel umgepflügt
Vor 16 Jahren war es der Vater des jetzigen Präsidenten, der während der damals heftig geführten Nachrüstungsdebatte Mainz besuchte. Bevor Bush senior damals mit dem Hubschrauber am Rheinufer landete, hatten CIA und die Washingtoner Sicherheitsgruppe dafür gesorgt, daß alle Kanaldeckel zugeschweißt wurden. Jeder Blumenkübel in der Umgebung war von der rheinland-pfälzischen Hundestaffel von dem Verdacht befreit worden, einen Sprengkörper in seinem Erdreich zu bergen. Daß ein mannshoher Zugang zum Kanalsystem am Rheinufer übersehen worden war, entdeckten die Verantwortlichen erst, als das Spektakel vorbei war.
„Das eigentliche Problem“, erinnert sich der damals zuständige Polizeidirektor Siegfried Helm, „war die Übernervosität der Amerikaner gewesen.“ Die Balkone der Wohnungen rund um die Rheingoldhalle wurden von Sicherheitskräften besetzt. Die wenigen Demonstranten bekamen Bush und seine Frau Barbara gar nicht erst zu Gesicht - und nach hundert Minuten, einem Eintrag in das Goldene Buch der Stadt und einer Rede des Gastes in der Rheingoldhalle, war alles vorbei.
Schulfrei in Mainz?
Jetzt kommt Bush junior, und die Mainzer Schüler erhoffen sich wegen der zu erwartenden Verkehrsbeschränkungen einen freien Tag, die Polizei kalkuliert eine Sperrung des Mainzer Autobahnringes ein. Oberbürgermeister Beutel (SPD) würde sich freuen, dem Gast und den mehr als 1500 erwarteten Journalisten das aus Kriegsruinen auferstandene Mainz zu zeigen. Das spätbarocke Schloß der Kurfürsten und die Chagallfenster von St. Stephan böten sich für den Besucher ebenso an wie die Staatskanzlei und das benachbarte Parlament. Von dessen Balkon hatte sich Napoleon nach dem Rußland-Feldzug an die Mainzer gewandt, die damals zum französischen Imperium gehörten.
Wahrscheinlich aber wird sich Bushs Besuch auf das Gebiet um die Rheingoldhalle, das benachbarte Rathaus und den gut 300 Meter entfernten Dom beschränken. Auch eine Besichtigung des Gutenberg-Museums gegenüber sei möglich, heißt es im Rathaus. Dort hatte sich seinerzeit die englische Königin sehr beeindruckt gezeigt - auch wenn Gutenbergs Erfindung, das Drucken mit beweglichen Lettern, die Voraussetzung dafür geschaffen hatte, daß die Bürger sich von ihrer Rolle als blinde Untertanen verabschieden und emanzipieren konnten.
Kreuzzug
Im Angesicht des Domes wird sich George W. Bush an seine Wortwahl vom „Kreuzzug gegen das Böse“ erinnern können. Einen Kreuzzug hatten auch die Reichsfürsten und Lehnsherren im Sinn, als sie im Jahr 1188 unter Kaiser Friedrich I. im großen Kapitelsaal des Domes als Vertreter des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zusammen mit der Geistlichkeit den dritten Kreuzzug beschlossen, um die heiligen Stätten der frühen Christenheit von den Sarazenen zurückzuerobern. Das Unternehmen ging nicht gut aus.