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Eltern gegen Lehrermangel Auf den Barrikaden

19.10.2008 ·  Unterrichtsausfall und Lehrermangel - immer mehr Eltern wehren sich gegen die Zustände an den Schulen ihrer Kinder. Mehr als eine Million Stunden werden pro Woche nicht lehrplanmäßig gehalten. Und die Schulen schnappen sich auf dem Markt gegenseitig die Leute weg.

Von Cornelia von Wrangel
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Frankfurt. Eltern können nerven. Nicht nur ihre Kinder. Eltern können auch Lehrern ungeheuer auf den Nerv gehen oder Schuldirektoren, weil sie permanent nörgeln oder noch Schlimmeres tun. Zum Wohle ihrer Kinder, versteht sich. Dass Eltern Lehrer in Schutz nehmen - solche Fälle gibt es auch. Nein, der Vorwurf richtet sich nicht gegen die Lehrer oder gar die Schuldirektorin. Denn die versuchten, das Beste aus der Situation zu machen. Wolfgang Kremer sagt das ausdrücklich. Trotzdem ist er wütend über das, was an der Schule seiner Tochter passiert ist, wütend über das Ministerium, das staatliche Schulamt, kurzum wütend auf die ganze Bildungspolitik in seinem Bundesland.

Wolfgang Kremer hat vier Kinder und lebt im brandenburgischen Kleinmachnow, einer Gemeinde im Südwesten von Berlin mit knapp zwanzigtausend Einwohnern und drei kommunalen Grundschulen. Auf eine ging seine Tochter in die Klasse 4c. Mit deren Klassenlehrerin fing alles an. Sie war beliebt und - ging in Pension.

Eigentlich ist das keine Überraschung. Viele Lehrer gehen in Pension, in den nächsten fünfzehn Jahren werden es 300 000 von 800 000 sein. Und die ostdeutschen Bundesländer haben inzwischen die meisten Lehrer kurz vor dem Ruhestand. Wir befinden uns im September 2007. Was danach geschah, beschreibt Wolfgang Kremer so: Der erste Lehrer auf der Stelle der ausgeschiedenen Klassenlehrerin geht nach vier Wochen aus familiären Gründen in die Schweiz. Die zweite Kraft, eine Frau, verabschiedet sich nach zwei Wochen nach Berlin, wo sie mehr Geld bekommt und eine unbefristete Stelle. Die dritte Lehrerin tritt ihren Dienst gar nicht erst an, wegen der Entfernung. Das Schulamt kann keinen Ersatz stellen. "Suchen Sie sich selber einen Lehrer", habe es dann geheißen.

„Hilfe, wir brauchen einen Lehrer“

Was die Eltern machen. "Hilfe, wir brauchen einen Lehrer" schreiben sie in einer 1000 Euro teuren Annonce. Da sei das Schulamt wach geworden, habe von einem Einzelfall und der Verkettung unglücklicher Zufälle gesprochen, sagt Kremer und weiter: Es kommt eine Lehrerin aus Potsdam für ein gutes halbes Jahr in die Klasse. Dann quittiert auch sie den Dienst. Jetzt hat die Klasse eine neue Lehrerin.

Ständig wechselnde Lehrer und Unterrichtsausfall - die Eltern hatten genug, taten sich zusammen, gründeten die Initiative "Kinder ohne Lehrer". Sie trommelten, wirbelten, organisierten in Kleinmachnow Diskussionsabende, formulierten mit anderen Initiativen "Brandenburger Thesen für eine bessere Schul- und Bildungspolitik", legten ein alternatives Schulkonzept für eine eigenverantwortliche Schule vor. Mittlerweile wird Kremer von immer mehr Elternvereinen eingeladen, nach Frankfurt an der Oder beispielsweise. "Jetzt geht es los", sagt er stolz und meint die Vernetzung der Unzufriedenen.

Ob Nord oder Süd, überall sind Eltern unzufrieden, aber auch unverzagt. Sie nehmen selbst etwas in die Hand, gehen denen, von denen sie sich Abhilfe erhoffen, auf den Geist. Der Deutsche Philologenverband gibt ihnen dabei recht. Auf inzwischen 1,1 bis 1,2 Millionen schätzt der Verband die Zahl der Stunden, die pro Woche nicht lehrplanmäßig gehalten werden: weil sie komplett ausfallen, von Vertretungen gegeben werden, die entweder fachlich oder pädagogisch nicht für den Unterricht qualifiziert sind, oder die Schüler mit "Stillarbeit" beschäftigt sind. Die Kleinmachnower Eltern sind noch strenger, obwohl sie den Unterrichtsausfall auch in drei Kategorien einteilen: in den tatsächlichen, den gefühlten und den möglichen. Wenn Klassen zusammengelegt werden oder der Förderunterricht ausfällt, weil Lehrer Hauptunterricht halten müssen, lassen sie das als "Ersatzmaßnahme" nicht gelten.

15.000 Lehrer fehlen allein für Mathematik

Klar doch, der Philologenverband betreibt Lobbyarbeit. Aber vor zwei Jahren, im September 2006, sprach er noch von einer Million Ausfallstunden und von 14.000 bis 16.000 fehlenden Lehrern. Jetzt sind es nach seiner Rechnung 20.000, davon 15.000 in Mathematik, Chemie, Physik, Biologie, Informatik oder Technik. Immer weniger junge Leute interessieren sich seit Jahren für diese "harten" Studienfächer, und wenn sie eines studieren, lockt die Wirtschaft mit lukrativeren Angeboten als der Staat. Die Finanzkrise und ihre möglichen Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Wirtschaft und Staat jetzt einmal nicht eingerechnet. Der Lehrerberuf hat nach wie vor ein schlechtes Image. Im neuen Bachelor- und Master-System an den Universitäten müssen die Studenten erst spät entscheiden, ob sie tatsächlich Lehrer werden wollen. Das macht eine Übersicht auch nicht gerade leichter. Der Lehrermangel hat viele Gründe, vom Himmel gefallen ist er nicht.

Konrad Scheuermann lebt Hunderte von Kilometern entfernt von den Kleinmachnower Eltern. Im ebenso schönen Bopfingen, einem Städtchen in Baden-Württemberg mit etwa dreizehntausend Einwohnern. Scheuermann ist Elternbeiratsvorsitzender des dortigen Gymnasiums, hat im Gegensatz zu den Kleinmachnowern keine Website, sammelt über Jahre hinweg Zeitungsausschnitte und Korrespondenzen, fotokopiert sie und streicht dann an, was ihn aufregt. Auch er schimpft nicht über die Lehrer oder die Schulleitung, im Gegenteil. "Wenn die Lehrer nicht freiwillig ihr Deputat erhöht hätten, würde gar nichts mehr gehen", lobt er. Auch Scheuermann schimpft übers Grundsätzliche. Sieben Lehrer und Lehrerinnen sind nach seiner Darstellung Mitte Juli an "seiner Schule" verabschiedet worden, als Ausgleich kamen vier Lehrkräfte, von denen eine schwanger sei. "Es ist überall seit Jahren auf Kante genäht", beanstandet Scheuermann. Nach seiner Meinung bleibt der ländliche Raum bei der Lehrerrekrutierung ohnehin auf der Strecke. Weil niemand aufs flache Land wolle.

Die Länder bemühen sich

Dabei bemühen sich die Länder, den Unterricht abzudecken. Scheuermanns Land Baden-Württemberg beispielsweise hat in dieser Schulrunde 4200 neue Lehrkräfte eingestellt, für nächste Schuljahr sollen es noch einmal 1400 mehr werden, wie es aus dem Kultusministerium heißt. Auch weil die Klassen dann kleiner, fortan geteilt werden sollen, wenn sie 32 Schüler haben. Kleinere Klassen von 2009/2010 an - Leute wie Scheuermann wollen nicht mehr so lange warten. "Da hört doch keiner mehr hin", sagt er und verweist auf die Physikklasse seiner Tochter. "Mit 32 Schülern können Sie doch kein Hauptfach unterrichten."

Jedenfalls wird Baden-Württemberg wieder per Annoncen in anderen Bundesländern auf die Suche nach den besten Lehramtskandidaten gehen - so wie es auch Hessen macht. Was früher undenkbar war, ist heute Realität: Für Lehrer gibt es einen nationalen Arbeitsmarkt, sie können sich das Bundesland aussuchen, welches das beste Angebot macht, etwa mit einer schnellen Verbeamtung lockt oder mit mehr Geld. "Wir starten ins neue Schuljahr mit einer hundertprozentigen Versorgung, doch dann geht es los", sagt der Ministeriumssprecher weiter. Dann werden Lehrer krank, nicht nur für ein paar Tage, sondern eben auch viel länger.

Oder das Beispiel Bayern, wo der Vorsitzende des Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, Schulleiter eines Gymnasiums ist. In seiner Schule habe einmal ein Förster Bio gegeben, sagt er. Eine Diplomübersetzerin unterrichte Englisch, ein Pharmaziereferent Chemie. "Das kann ein Ministerium gar nicht erfassen." Die Schulen schnappten sich auf dem Markt gegenseitig die Leute weg. "Da ist ist ein Riesen-Wildwuchs entstanden." Bayern hat für dieses Schuljahr 2245 zusätzliche Lehrerstellen geschaffen, bei Gymnasien, Real- und Berufsschulen die Mittel für den Aufbau eines Vertretungspools aufgestockt und sogar sein Projekt "Zusammenarbeit mit Personaldienstleistern" ausgeweitet. Das gibt es jetzt in den Regierungsbezirken Mittel- und Unterfranken.

"Wir fühlen uns als kritische Mahner und Unterstützer", sagt Wolfgang Kremer von der Kleinmachnower Elterninitiative. Sie hätten sich auch überlegt, berichtet er, in der nächsten Woche mit zwei Bussen zum Bildungsgipfel nach Dresden zu fahren. Aber nur im Regen vor dem Zaun stehen - das wollen sie dann doch nicht. Und Konrad Scheuermann aus Bopfingen kann bei einer der Lichterketten mitmachen, die eine Elterninitiative wieder Ende November quer durch Baden-Württembergisch organisiert. Sie wurde vor gut einem Jahr in Freiburg gegründet, hat sich zu einem landesweiten Bündnis gemausert und den schönen Namen: "Schule mit Zukunft".

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