21.09.2003 · Höher, tiefer, tragischer - hieß es am Sonntagabend bei der CSU in München. Es war ein Abend der Rekorde und Rekorderklärungen.
Von Albert Schäffer, MünchenSchon vor der Schließung der bayerischen Wahllokale war am Sonntag im Maximilianeum, dem Sitz des Landtags, viel von Rekorden die Rede. Genüßlich wurde rapportiert, wie viele Kabelmeter die Fernsehanstalten verlegt hatten, wie viele Scheinwerfer und Kameras im Einsatz waren, wie viele Journalisten sich auf den Fluren tummelten. Das ist keine Landtagswahl wie jede andere, lautete ein selbstzufriedenes Fazit, noch bevor die Prognosen und Hochrechnungen zur eigentlichen Rekordfrage vorlagen - dem Abschneiden der CSU und ihres Patriarchen Stoiber. Mag in anderen Ländern an Wahlabenden um Mehrheiten gebangt werden, mögen Koalitionsoptionen erwogen und verworfen werden, mag das Wort Wechsel in vieler Munde sein - in Bayern ging es wieder einmal nur um eine Frage: Wie stark wird die CSU?
Als die Prognosen und Hochrechnungen das Maximilianeum erreichten, war die Antwort klar, die je nach Gusto auf verschiedene Formeln gebracht wurde - von "bärenstark" bis "megastark". Drei Namen, drei Jahreszahlen, drei Stimmenanteile machten immer wieder die Runde: Alfons Goppel, 1974, 62,1 Prozent - Franz Josef Strauß, 1978, 59,1 Prozent - und Edmund Stoiber, 2003, mit mehr als sechzig Prozent. Stoiber sah sich in die Königsklasse der CSU katapultiert; alle Befürchtungen, die CSU werde das Bundestagswahlergebnis vom vergangenen Jahr mit 58,6 Prozent nicht mehr erreichen, waren weggewischt. Zufrieden konnte Stoiber am Wahlabend von einem "epochalen Ergebnis" sprechen; die Wähler hätten ein klares Signal gesetzt - gegen die rot-grüne Koalition in Berlin und ihre Mißwirtschaft.
„Höheres Maß an bundespolitischer Verantwortung“
Stoiber zeigte sich im Maximilianeum in einer Rolle, die ihm manche nicht zugetraut hätten - als ein Mann, der im Triumph seine Worte zu wägen weiß und die Kraft der Nuance kennt. Ein höheres Maß an bundespolitischer Verantwortung für die CSU sei mit diesem Ergebnis verbunden, formulierte er eine Botschaft, die in den Reihen seiner Partei nicht übersetzt werden mußte. Genausowenig wie die Feststellung Stoibers, das bayerische Ergebnis sei auch ein deutliches Signal für die Unionsparteien - nämlich anzugreifen. Einer Erklärung, wer die Sturmspitze bei diesem Angriff bilden solle, bedurfte es nicht mehr, um seine Anhänger in Jubelstimmung zu versetzen.
Es mutete fast tragisch an, daß sich für kurze Zeit einige Aufmerksamkeit auf zwei Gruppierungen richtete, die in den nächsten fünf Jahren wieder ins landespolitische Vergessen gerückt sein werden: die FDP und die Freien Wähler. Ihnen kam bei der Frage, ob die CSU eine Zweidrittelmehrheit der Sitze im Landtag erringen werde, besonderes Gewicht zu. Die FDP hatte sich im Wahlkampf besonders bajuwarisch-zünftig gegeben; für ihren Wahlparteitag hatte sie sich das Münchner Hofbräuhaus auserkoren. Auch die Wahlparty fand am Sonntag im angemessenen Ambiente statt - im Hofbräukeller, nur einen Sprung vom Maximilianeum entfernt. Doch früh war klar, daß dieser Sprung ein Wunsch bleiben würde; der FDP blieb nur der Trost, daß sie zumindest das desaströse Ergebnis des Jahres 1998 mit 1,7 Prozent ein wenig hinter sich lassen konnte.
Frecher, zupackender, kompetenter
Auch für die Freien Wähler, einen Zusammenschluß von Kommunalpolitikern, zeichnete sich ein Abend der Enttäuschung ab - auch wenn nach den ersten Hochrechnungen noch Hoffnungen keimten, daß die Fünf-Prozent-Hürde doch überwunden werden könnte. Abermals mußten sie erfahren, wie schwer es ist, Erfolge in Gemeinden und Landkreisen in Stimmen bei einer Landtagswahl zu verwandeln. Ihre Rechnung, bürgerliche Wähler könnten sich in nennenswerter Zahl ihnen zuwenden, um zu verhindern, daß die CSU zu mächtig wird, ging nicht auf. Immerhin habe man deutlich besser abgeschnitten als die FDP, tröstete sich mancher Anhänger der Freien Wähler, die zumindest in einem Punkt der FDP nachgeeifert und ihre Wahlparty ebenfalls in eine Gaststätte nahe dem Landtag gelegt hatten.
Besser erging es einer anderen kleinen Partei am bayerischen Wahlabend - den Grünen. Ihre Matadoren konnten schon nach den Prognosen aufzählen, was sie alles besser gemacht hätten als andere parlamentarische und außerparlamentarische Oppositionskräfte in Bayern, die SPD eingeschlossen. Frecher, zupackender, kompetenter sei man aufgetreten, lobten die Grünen sich selbst - und hatten allenfalls einige mitleidige Bemerkungen für den Berliner Koalitionspartner, die SPD, übrig. Die bayerischen Sozialdemokraten mußten am Wahlabend fortsetzen, was sie schon während des Wahlkampfs eingeübt hatten: Schadensbegrenzung. Im Schlußspurt hatte der Münchner Oberbürgermeister Ude die Melodie vorgegeben, die in den nächsten Tagen unermüdlich intoniert werden wird - eisig sei der bundespolitische Wind gewesen, der dem Landesverband ins Gesicht wehte. Das Bild einer Sozialdemokratie, die nur die Berliner Zeitläufte hinderten, ihre volle Stärke zwischen Bodensee und Bayerischem Wald auszuspielen, wurde am Wahlabend eifrig gepflegt, mögen die Zahlen vergangener Wahlgänge auch eine ganz andere Sprache sprechen. Es sei halt der falsche Zeitpunkt für eine Landtagswahl gewesen, inmitten der Berliner Reformdebatten, hieß es auf der Wahlparty der SPD im Georg-von-Vollmar-Haus immer wieder. Die Geschichte der bayerischen SPD - eine Geschichte der falschen Zeitpunkte, die am Wahlabend um ein weiteres Kapitel fortgeschrieben wurde.
Auf eine vernichtende Formel brachte der SPD-Landesvorsitzende Hoderlein die Niederlage seiner Partei. Die Sozialdemokraten müßten in Bayern ihre Rolle finden, sagte Hoderlein - als sei sein Landesverband gerade erst gegründet worden. Und noch ein anderes Wort von Hoderlein machte am Wahlabend die Runde: Er hatte einmal davon gesprochen, bei weniger als 25 Prozent Wählerstimmen könne nicht von einer Volkspartei gesprochen werden. Damit hat er eine Marke vorgegeben, von der sich sein Landesverband nun weit, weit entfernt hat. Eine "brutalstmögliche Abstrafung" hätten die Wähler vorgenommen, klagte Hoderlein. So zogen Sozialdemokraten auf der Wahlparty der SPD ein ratloses Fazit: Alles müsse sich im Landesverband ändern. Das Ergebnis der vorhergehenden Wahl, jene 28,7 Prozent, schien manchen Sozialdemokraten am Sonntag schon wie ein ferner schöner Traum. Es war eben ein Rekordabend in Bayern - im positiven wie im negativen Sinne.