Home
http://www.faz.net/-g9y-10p8l
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Montag, 13. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Atomlager Asse Unter Tage keine Panik

28.10.2008 ·  Die Bergleute sagen ihr „Glück auf“, die Fotos von umgekippten Fässern stammen aus vergangenen Zeiten: Am Mittwoch übernimmt das Bundesamt für Strahlenschutz die Verantwortung im Atomlager Asse. Grund zur Sorge gibt es dennoch.

Von Robert von Lucius, Asse
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Über Tage werden über die Atommülldeponie Asse seit einiger Zeit nur noch Skandalmeldungen verbreitet: Mutmaßungen über verseuchte Lauge oder stockende Informationsflüsse, Warnungen vor einem bevorstehenden Einsturz des Salzbergwerks. Unter Tage aber scheint alles seinen gewohnten Gang zu gehen: Die Bergleute sagen weiterhin ihr „Glück auf“. Die Fotos von umgekippten Fässern, die zum Beleg von Pannen und Nachlässigkeiten verbreitet wurden, stammen aus vergangenen Zeiten, die Salzlösung, die einfließt, ist unverseucht.

Dort, wo man dem eingelagerten mittelradioaktiven Müll am nächsten ist, er liegt einige Meter unter einer fünfzig Zentimeter dicken Bleischeibe, beträgt die gemessene radioaktive Strahlung etwa ein Sechstel der natürlichen Strahlungen über Tage. Zu den Einlagerungskammern, den Auffangbehältern, den riesigen Kavernen, den „Sümpfen“ gelangt man durch ein abwärts verlaufendes Stollenlabyrinth. Nach der Rückkehr von der 750-Meter-Sohle zeigt das Dosimeter des Besuchers den gleichen Strahlungswert wie bei der Einfahrt in die Grube – 0,000.

Erkenntnisse scheibchenweise preisgegeben

Grund zur Sorge gibt es dennoch. Angefacht wurde sie durch eine verheerend falsche Informationspolitik des alten Betreibers, des Helmholtz-Zentrums München, das glaubte, die breitere Öffentlichkeit werde die komplizierte Materie ohnehin nicht verstehen. So gab sie ihre Erkenntnisse selbst den Aufsichtsbehörden gegenüber nur scheibchenweise und unvollständig preis, was Politiker erzürnte und die Bevölkerung verunsicherte. Dazu kamen falsche Einschätzungen zur Standsicherheit des Grubengebäudes und zu möglichen Gefährdungen durch den Laugeneintritt. In der Asse wurde so die gesamte Endlagerpolitik in Verruf gebracht.

Der Panik folgte Hektik, auch beim Wechsel des Betreibers vom Helmholtz-Zentrum zum Bundesamt für Strahlenschutz in Salzgitter, beide im Bundesbesitz. Neuen Schwung und eine zuvor vermisste Ernsthaftigkeit geben jetzt alle vor – der künftige Betreiber und dessen Präsident Wolfram König, der neue Geschäftsführer des Bergwerks Asse, Detlev Eck, der neue Staatssekretär im Landesumweltministerium in Hannover, Stefan Birkner. Sie stimmen sich ab und beziehen Kritiker und die Bürgermeister der Region ein, beides geschah vorher nicht.

Zu Unrecht in Misskredit gebracht?

Das Bundeskabinett hat seine Entscheidung über den Betreiberwechsel unterdessen mehrfach verschoben, was die Stimmung unter den Mitarbeitern in der Grube nicht gerade hob. Ohnehin haben die Beschäftigten das Gefühl, von der Politik zu Unrecht in Misskredit gebracht worden zu sein. An diesem Mittwoch soll das Kabinett endgültig die Verantwortung für die Asse vom Helmholtz-Zentrum auf das Bundesamt für Strahlenschutz beschließen, was mit der Verlagerung der Zuständigkeit vom Bundesforschungsministerium ins Bundesumweltministerium verbunden ist. Mit dem Übergang zum Jahreswechsel soll zugleich das bisher geltende Bergrecht vom Atomrecht abgelöst werden.

In den vergangenen Tagen gab es neue Schreckensmeldungen. Der alte Betreiber habe wesentlich mehr Lauge aus dem Salzstock in drei andere niedersächsische Bergwerke gebracht als bislang bekannt, sagte Birkner und kritisierte wiederum die Informationspolitik des Helmholtz-Zentrums als unzulänglich. Zugleich aber beruhigte er: Sämtliche Proben abtransportierter Lauge hätten bestätigt, dass die Grenzwerte von Cäsium 137 und Tritium weit unterschritten worden seien. Derzeit werden an insgesamt sieben Stellen täglich 11,4 Kubikmeter Lauge aufgefangen. Sie kommt auf unergründeten Wegen durch das Deckgebirge und Risse im Salz. Bisher wurde sie hochgepumpt und in die Bergwerke Bad Salzdethfurth, Höfer und Hope, allesamt in Ostniedersachsen, gebracht. Birkner verhängte einen Stopp der Weiterbeförderung, bis die Unklarheiten beseitigt sind. So wird die Salzlauge in Asse unter Tage gesammelt – die Notbehälter aber sind in etwa zwei Wochen voll.

Forscher priesen 1967 einen „knochentrockenen“ Salzstock

Das Gefühl der Unsicherheit gründet sich auf radioaktiv verseuchte Altlauge. Sie kam vermutlich in den siebziger Jahren bei der Einlagerung von schwach- und mittelradioaktivem Abfall mit beschädigten Fässern in Kontakt – gesichert ist das, wie so vieles, nicht. Die „Neulauge“, um die es jetzt geht, aber ist nicht mehr oder weniger verseucht als Salzlauge anderswo. Dass sie aber überhaupt kommt, ist der „Skandal“: Forscher hatten 1967 bei der Einrichtung der Asse als „Versuchsendlager“ und lange danach versichert, der Salzstock sei „knochentrocken“ und ein Wasserzutritt sei „in höchstem Maße unwahrscheinlich“. Vermutlich sagten sie das voller Überzeugung.

Seitdem hat sich die Lage verändert. Die Fässer liegen in Tiefen zwischen 511 und 750 Metern unter der Asse in anschließend verfüllten großen Hohlräumen, aus denen das Speisesalz gefördert worden war. Die Lagerstätte ist nahe am Rande des Salzstocks. Der Berg drückt mit seinem Gewicht auf die Hohlräume und bewegt sich ständig um bis zu zwanzig Zentimeter im Jahr – es kommt zu Rissen. Wie sich das entwickelt und welchen Einfluss die einsickernde Lauge auf die Stabilität hat, will derzeit niemand vorhersagen. Das Steinsalz gilt dabei als weniger gefährdet als die aufgefahrenen Kalistrecken; ihre Stabilität kann durch die Lauge aufgeweicht werden mit unabsehbaren Folgen für den eingelagerten Atommüll. Das Steinsalz wechselt, unter Tage immer wieder sichtbar, mit Kalischichten ab.

Salzlauge bedroht Stabilität

So ist die Salzlauge für die Asse wirklich bedrohlich – aber weniger wegen ihrer Strahlung als wegen möglicher Auswirkungen auf den gesamten Salzstock. Dessen Stabilität sehen einige Geologen nur noch für etwa sechs Jahre als gesichert an. So nutzen die Verantwortlichen der Betreiber, der alten wie der künftigen, unterschiedliche Worte und Deutungen; mal sagen sie, das sei kontrollierbar, mal, es sei noch viel schlimmer als erwartet – ein Wettlauf mit der Zeit.

Eine neue Studie wird vor Jahresende erwartet. Vorhandene Gutachten werden überprüft. Alte wie neue Betreiber erwägen, ob und welche stabilisierenden Maßnahmen einige Jahre mehr Sicherheit geben können. Danach wird entschieden, wie mit dem eingelagerten Atommüll zu verfahren ist. Eine „Arbeitsgruppe Optionenvergleich“ untersucht Möglichkeiten und Risiken einer Rückholung von Teilen des Mülls, vor allem des mittelradioaktiven, oder die Verfüllung durch Beton, Salz, Flüssigkeiten, um die Stabilität zu sichern. Das Bundesamt für Strahlenschutz hat viele andere Aufgaben – derzeit aber konzentriert sich dort wie im Umweltministerium in Hannover alles auf die Asse. Dabei geht es zum einen um eine Änderung der Information, der Debattenkultur und der Offenheit. Zudem soll der Strahlenschutz unter Tage verbessert werden. Belastete Zonen sind nun nicht nur für Besucher, sondern auch für Mitarbeiter gesperrt.

Keine weitere Verschleppung erwünscht

Bevor die nächsten Entscheidungen auf der Grundlage des neuen Gutachtens getroffen werden können, geht es jetzt um die Übernahme und Überleitung des Betriebs. Bis vor kurzem gab es weder Strahlenschützer noch Juristen, die sich speziell um die Asse kümmerten, oder eine Störfallanalyse. Das hat sich in den letzten Wochen geändert. Auch für die Bundesregierung gab es noch einiges zu klären: die Rechtsform des Endlagers, die künftige Personalausstattung (die bisherigen Mitarbeiter sollen übernommen, der Stellenplan insgesamt aber deutlich aufgestockt werden), Finanz- und Haftungsfragen.

Damit der Wechsel rasch geschehen kann, will das Bundesamt als Betreiber eine neue Gesellschaft gründen. Die privatrechtliche Gruppe, die derzeit die anderen Endlager in Schacht Konrad, Gorleben und Morsleben betreibt, könnte Asse nach veränderten europarechtlichen Vorgaben nicht ohne eine internationale und damit langwierige Ausschreibung übernehmen – eine weitere Verschleppung will sich zur Asse niemand vorwerfen lassen.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel