Home
http://www.faz.net/-g9y-vd7z
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Abschied in Moskau Stoibers letzter Gipfel

06.07.2007 ·  Edmund Stoiber verabschiedet sich von der Weltbühne: Seine letzte Auslandsreise als Ministerpräsident führte ihn nach Moskau und endet heute in Sankt Petersburg. Washington kam nicht in Frage, heißt es, weil Stoiber noch immer „ein Trauma von 2002“ habe. Wulf Schmiese begleitete ihn.

Von Wulf Schmiese, Moskau
Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (1)

Edmund Stoiber schaut auf das Intarsien-Parkett, das er gleich betreten wird für seinen letzten großen Auftritt als Politiker von Welt. Er wartet in einem Vorraum, blickt auf die Uhr, faltet die Hände unter dem Bauch, geht auf und ab, schaut wieder auf die Uhr. Vor dreißig Minuten sollte es losgehen, es ist fast halb vier am Nachmittag. Dann öffnet sich eine hohe weiße Doppeltür auf der anderen Seite, und Stoiber geht los - zum „Zusammentreffen des Bayerischen Ministerpräsidenten mit S.E. dem Präsidenten der Russischen Föderation, Herrn Wladimir Wladimirowitsch Putin im Kreml“.

So wie das in Protokolldeutsch für das Programm formuliert ist, so feierlich schreiten Stoiber und Putin aufeinander zu. Als beide in der Mitte des Saals stehen, nimmt Stoiber Putins Hand und schaut wie ein Beschenkter. Er hält sie so lang wie eben möglich fest.

Stoiber nennt Putin einen „Freund“

Von der Weltbühne will sich Stoiber hier verabschieden. In Moskau hat seine letzte Auslandsreise als Ministerpräsident am Mittwoch begonnen, an diesem Freitag soll sie in Sankt Petersburg enden. Washington sei nicht in Frage gekommen, weil Stoiber „ein Trauma von 2002“ habe, wie ein hoher CSU-Funktionär und Stoiber-Freund vor der Reise mutmaßte. „Er wurde schließlich wegen des Irak-Kriegs nicht Bundeskanzler.“

Von Putin hingegen spricht Stoiber als von einem „Freund“. Wenn er ihn beschreibt, klingt es, als wolle er sich selbst loben: „Ein sehr disziplinierter Mann, der aber auch sehr emotional sein kann.“ Im letzten Jahr hatte Putin als erster russischer Herrscher seit 1834 Bayern besucht, im Februar war er zur Münchner Sicherheitskonferenz abermals dort.

„Kreml-Parade“ mit Pferden und Blasmusik

„Wir verfolgen das Geschehen in Bayern sehr genau“, sagt nun Putin zu Stoiber am grünen Marmorkamin im Katharinensaal. „Siemens und viele andere Firmen sind sehr bekannte Marken, sie sind sehr zuverlässig“, versichert der Kreml-Herr. Auch über die Haushaltslage Bayerns gibt er sich kundig, „ein ausgeglichener Haushalt im Jahre 2011“, übersetzt der Dolmetscher, wozu Stoiber gewichtig nickt. „Ihre Wirtschaftspolitik ist sehr beständig.“ Stoiber schmeichelt zurück - „der Präsident ist auch exzellent informiert“ - und gratuliert zur Entscheidung, dass die Olympiade 2014 im russischen Sotschi stattfinden soll.

Es sei „absolut unüblich“, dass Putin einen deutschen Ministerpräsidenten im Kreml empfängt, hatte die deutsche Botschaft in Moskau die bayerische Landesregierung in ihrem Stolz bestätigt. Sogar eine „Kreml-Parade“ mit Pferden und Blasmusik wird Stoiber von Putin zum Abschied geschenkt. Bayern ist gefragt in Moskau, denn sein Bruttoinlandsprodukt übertrifft 22 der 27 EU-Staaten. Das Handelsvolumen zwischen Bayern und Russland hat sich in den letzten sechs Jahren verdreifacht, auf über acht Milliarden Euro.

Strauß verärgerte einst die Russen

Mit Demokratie-Kritik an Russland und Putin kann Stoiber nicht viel anfangen. Er spreche Menschenrechte und Pluralismus an, sagt er immer wieder und versprach es auch der Jungen Union, die ihm diese Botschaft mit auf den Weg gab. Aber im Grunde hat er Verständnis für Putin, der Russland nie wieder in das Chaos der Jelzin-Jahre zurückfallen lassen wolle.

Im Kreml endet Stoibers Ära als bayerischer Außenpolitiker, und dort begann sie auch vor zwanzig Jahren. Um Mitternacht vor dem großen Auftritt mit Putin schwärmt Stoiber auf der Dachterrasse seines Hotels vom 27. Dezember 1987. Da hatte Ministerpräsident Franz Josef Strauß Audienz beim sowjetischen Staats- und Parteichef Gorbatschow.

Stoiber hatte als Chef der Staatskanzlei die Reise zu organisieren gehabt und war mit dabei. Im Kreml, erzählt Stoiber, hätte Strauß damals fast Ärger bekommen. Denn auf die Frage, ob er das erste Mal in der Sowjetunion sei, antwortete Strauß: „Nein zum zweiten Mal. Aber das erste Mal bin ich nur kurz bis vor Stalingrad gekommen.“ Gorbatschow habe das aber locker genommen, erinnert sich Stoiber, der seinerzeit Protokoll führte.

Huber muss sich durchs Partyvolk drücken

Auch Erwin Huber, bayerischer Wirtschaftsminister und möglicher Nachfolger Stoibers als CSU-Vorsitzender ist gerade in Moskau; er hat eine Wirtschaftsdelegation von 70 bayerischen Unternehmern dabei. Stoiber vermittelte am Abend vor dem Treffen mit Putin nicht den Eindruck, als freue er sich über Hubers Anwesenheit. Auf dem Empfang nach einem Konzert im Moskauer Haus der Musik sitzen Stoiber, der CSU-Landesgruppenchef im Bundestag, Ramsauer, und der Gastgeber, Moskaus Bürgermeister Luschkow, am abgeschirmten Tisch der Wichtigen.

Huber muss sich durchs Partyvolk drücken. Erst am nächsten Tag, bei Putin, stellt Stoiber Huber offiziell als bayerischen Wirtschaftsminister vor, der wie jedes Jahr in Moskau sei. Auch bei Luschkow darf Huber jetzt dabei sein. Der Russe erfreut die beiden Gäste mit der Bemerkung: „Die Bayern sind nach unseren Erkenntnissen ein erstaunliches Volk. Wir haben viel zu bewundern.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen