28.06.2006 · Die WM 2006 könnte als torärmste in die Geschichte eingehen. In den bisherigen 56 WM-Spielen fielen erst 132 Treffer, im Durchschnitt gerade einmal 2,35 Tore pro Spiel. Taktisch gewiefte Teams mit starken Abwehrreihen bestimmen die Titelkämpfe.
Trotz überschäumender Freude in den Stadien könnte die WM 2006 mit einem Negativrekord enden. In den bisherigen 56 WM-Spielen fielen erst 132 Treffer, im Durchschnitt gerade einmal 2,35 Tore pro Spiel. Damit zeigten sich die Angreifer noch weniger treffsicher als bei der WM 1974: Diese liegt mit durchschnittlich 2,55 Treffern pro Spiel bisher auf dem letzten Platz der Statistik.
„Ab Achtelfinale gibt es keine Experimente mehr. Da muß jedes Team voll gehen, um zu gewinnen“, hatte Fifa-Chef Joseph Blatter vorher gehofft - vergeblich. Gegenüber der Vorrunde (2,52) ging die Trefferzahl in der K.o.-Runde noch weiter zurück. Das nach 120 tor- wie trostlosen Minuten erst im Elfmeterschießen entschiedene Achtelfinale Schweiz gegen Ukraine zur schlechtesten Begegnung der WM. Im Stechen - dessen Tore nicht in der Statistik mitgezählt werden - setzten die Schweizer noch einen drauf: Als erste Mannschaft der WM-Geschichte brachten sie keinen einzigen Elfmeter im Tor unter.
Trinidad und Tobago ohne Torerfolg
Dabei ging das Turnier so schwungvoll los: „Viele haben gesagt, das wird eine torarme Weltmeisterschaft geben. Aber sechs Tore - das ist Wahnsinn“, jubelte Brasiliens Torjäger-Legende Pelé nach dem berauschenden Eröffnungsspiel. Doch dann war des öfteren Magerkost angesagt. Sechs Tore in einem Spiel gab es nur noch einmal, als die Elf von Serbien und Montenegro im Angriffswirbel der Argentinier unterging.
Besonders wirkungslos blieben die Angriffsreihen aus Trinidad und Tobago, die zwar zum Auftakt beim Remis gegen Schweden einen Punkt gewannen, aber ohne einen einzigen Torerfolg nach Hause fahren mußten. Auch Togo schaffte gerade mal einen Treffer in drei Spielen. Selbst einige der WM-Favoriten geizten mit Toren: So verabschiedeten sich die hoch eingeschätzten Niederländer und Tschechen mit dürftigen drei Treffern aus dem Turnier. Italien brauchte ein Elfmeter-Tor in letzter Minute, um den Einzug ins Viertelfinale zu schaffen.
Keine Innovationen auf dem Fußballplatz
Innovation auf dem Fußball-Platz, wie von namhaften Trainern vor Turnierbeginn erhofft - Fehlanzeige. Starke Außenseiter wie Ghana und Australien gefielen durch erfrischenden Fußball, scheiterten aber gleich in der ersten K.o.-Runde an den taktisch gewiefteren Teams aus Brasilien und Italien. Alle anderen Afrika- und auch die 2002 bei der Heim-WM so starken Asien-Vertreter waren schon vorher gescheitert.
„Sie konnten ihre Gegner zu selten unter Druck setzen“, sagt Gunnar Gerisch, Fußballtrainer-Ausbilder an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Viele Mannschaften seien zwar in der Lage gewesen, ein Spiel über längere Zeit in Balance zu halten und Gegentore zu verhindern. „Aber gleichzeitig hatten sie keine Chance, das Spiel für sich zu entscheiden.“
„Man braucht überragende Spieler“
„Daß weniger Tore gefallen sind, liegt vor allem an den enorm kampfstarken Abwehrreihen“, sagt Gerisch: „Ich habe kaum einen Verteidiger gesehen, der nicht auf höchstem konditionellen Niveau gespielt hat.“ Die kreativen Denker und Lenker im Mittelfeld konnten den Experten dagegen weniger überzeugen: „Spieler wie Zidane oder Figo, die früher jederzeit für Überraschungsmomente sorgen konnten, haben ihren Zenit offensichtlich überschritten.“
So manchem Top-Team sei die „Fähigkeit zum tödlichen Angriff“ etwas abhanden gekommen, bedauert der Taktik-Experte. „Es zeigt sich wieder einmal, daß es einfach nicht genügt, ein starkes Kollektiv aufs Feld zu schicken. Man braucht überragende Spieler, die eine Partie mit Einzelaktionen entscheiden können. So einen wie Miroslav Klose.“
In punkto Torausbeute war früher alles besser
In punkto Torausbeute war früher tatsächlich alles besser, wie ein Blick in die WM-Historie beweist: In der „ewigen“ Torstatistik von Fußball-Weltmeisterschaften belegen die sechs Titelkämpfe der 30er und 50er Jahre mit deutlichem Abstand die ersten sechs Plätze. Die weitaus meisten Tore bekam das Publikum bei der legendären WM 1954 zu sehen: Pro Spiel zappelte der Ball 5,38 Mal im Netz. Allein Vizeweltmeister Ungarn ließ es in nur fünf Begegnungen 27 Mal scheppern. Die deutschen „Helden von Bern“ brachten es auf insgesamt 18 Tore. Neben den populären Fernsehübertragungen trug auch die hohe Torquote dazu bei, daß der 54er WM eine bis dahin ungeahnte Aufmerksamkeit zuteil wurde.
Auch das in 90 Minuten torreichste Spiel der WM-Geschichte fand 1954 statt: Bereits nach 23 Minuten führte Gastgeber Schweiz gegen Österreich mit 3:0. Zwölf Minuten später lagen die Österreicher mit 5:3 in Führung und beförderten die Schweizer schließlich mit 7:5 aus dem Wettbewerb. „Solche Ergebnisse sind bei heutigen WM-Spielen undenkbar“, ist Trainer-Ausbilder Gerisch überzeugt. „Die Weltspitze ist viel enger zusammengerückt.“
Falsche Statistik?
Markus Kreutzer (impatial_spectator)
- 28.06.2006, 21:56 Uhr