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WM-Kommentar Gewinn trotz Niederlage

 ·  Der deutsche Fußball hat dank Jürgen Klinsmann eine nicht zu erwartende Leichtigkeit und eine neue Perspektive gewonnen. Das entfachte Feuer wieder verlöschen zu lassen, wäre ein größerer Verlust als die Niederlage im WM-Halbfinale. Ein Kommentar von Michael Horeni.

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Der Traum von der Weltmeisterschaft ist zu Ende - eine Minute vor dem Ende der Verlängerung. Fabio Grosso beendete mit einem Kunstschuß alle Hoffnungen auf ein wundervolles deutsches Finale, bevor die Italiener dank Del Piero noch eine Zugabe zum 2:0 lieferten. Es wird ein bißchen dauern, bis die große Enttäuschung nach dem Abend von Dortmund bei den deutschen Spielern und ihren Fans gewichen ist.

Die Chance, das Endspiel einer Weltmeisterschaft zu erreichen, gehört nun einmal zu den raren, kostbaren und nur schwer zu wiederholenden Momenten einer Fußballkarriere. Und ob die das deutsche Team bei dieser WM tragenden Spieler um die Dreißig wie Mannschaftskapitän Michael Ballack, Bernd Schneider, Mirsolav Klose und nicht zuletzt der auch jetzt schon bei diesem Halbfinale zum Zuschauen verurteilte Torsten Frings in vier Jahren in Südafrika dazu noch ein letztes Mal die Chance haben, ist eine nur vage Hoffnung.

Frings-Sperre riß Team auseinander

Die Chance, den vor Wochen noch so fernen Traum zu realisieren, bei dieser Weltmeisterschaft als Gastgeber den vierten Titel zu gewinnen, war da. Sie schien nach dem grandiosen Erfolg im Viertelfinale gegen Argentinien und dem perfekten Turnierverlauf für das deutsche Team sogar größer denn je. Aber in diesem Freudenfest gegen Argentinien steckte, wie sich ein paar Tage später zeigen sollte, schon der erste Keim des Scheiterns.

Video: Die Nacht der deutschen Tränen

Die nachträgliche Sperre von Torsten Frings durch den Internationalen Fußball-Verband (Fifa) riß ein zuletzt perfekt funktionierendes Team auseinander, das sich von Spiel zu Spiel gesteigert hatte und dem Land einen unvergeßlichen Fußball-Sommer schenkte - aber sie vergiftete nicht die Atmosphäre in Dortmund, weil sich die Legendenbildung, die Italiener hätten den Ausschluß von Frings betrieben, im Stimmungsbild nicht durchsetzen konnte.

Bedenkträger in der Defensive

Es zeigte sich schnell, wie stark die Sperre gegen Frings die deutsche Mannschaft traf. Klinsmann baute sein halbes Mittelfeld deswegen um; auch Schweinsteiger mußte seinen Platz räumen, dafür spielten Borowski und Kehl. Aber diese neue Formation war lange nicht eine so eingespielte Einheit wie das Team in den vergangenen Spielen. Die Deutschen mußten sich Stück für Stück in die Partie hineinkämpfen, nichts fiel ihnen wie von selbst zu. Aber sie arbeiteten sich vor allem in der zweiten Halbzeit an ihren Traum heran, sie kämpften sich durch eine enorme Willensleistung bis in die Verlängerung, die an Spannung und Leidenschaft kaum zu überbieten war.

Daß offensiver und leidenschaftlicher Fußball in diesen Wochen den Deutschen so viel Freude gebracht und die professionellen Bedenkträger in die Defensive gedrängt hat, ist ein Gewinn, der Jürgen Klinsmann auch durch die Niederlage gegen Italien so leicht nicht mehr zu nehmen sein wird. Es ist nun am Bundestrainer, seinem Anspruch von kontinuierlicher Arbeit auch seine persönliche Entscheidung folgen zu lassen. Der deutsche Fußball hat in diesen Wochen dank Klinsmann eine nicht zu erwartende Leichtigkeit und auch eine neue Perspektive gewonnen. Sie nicht zu nutzen und das entfachte Feuer wieder verlöschen zu lassen, wäre ein weit größerer Verlust als die Niederlage in einem WM-Halbfinale - ob mit oder ohne Klinsmann.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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