27.06.2006 · Das Spiel veranlaßte die Fans zu einem gellenden Pfeifkonzert. Daß die Ukraine sich ins Viertelfinale durchgewurstelt hat, lag weniger an ihrem Können als am Versagen der Schweizer. Werden die Ukrainer nun die Griechen dieser WM?
Von Christian Eichler, KölnOleg Blochin hatte es gut. Er tat, was ein großer Teil der 45.000 Zuschauer wohl gern schon vorher getan hätte: Er verkrümelte sich. Aus Sicht des neutralen Beobachters machte er es zwar genau verkehrt herum: Er verfolgte intensiv 120 Minuten Fußball vom Unterhaltungswert des Treffens einer schweizerisch-ukrainischen Handelsdelegation - und verpaßte das einzige Interessante. „Elfmeterschießen ist wie russisches Roulette“, sagte der ukrainische Trainer.
„Ich habe es mir nicht angeschaut. Ich ging in die Kabine. Ich konnte es einfach nicht mehr aushalten. 120 Minuten solch ein Spiel, das war zuviel für mich.“ Blochin, ein Ziehkind der autoritären Fußballschule des Waleri Lobanowski, trägt einen militärischen Haarschnitt und tritt, wie es sportlichen Führungskräften alter Sowjetprägung oft eigen ist, mit dem Gestus des Chefs einer Strafkompanie auf. Doch im wichtigsten Moment seiner Trainerlaufbahn zeigte sich Blochin als westlich-moderne Führungskraft: Man muß delegieren können, Verantwortung abgeben, seinen Untergebenen vertrauen. So sagte Blochin: „Jungs, ihr entscheidet. Wer immer einen Elfmeter schießen will - nur zu.“ Motto: Ihr macht das schon. Ich bin dann mal weg.
Klingt fast wie das Rehhagel-Rezept der EM 2004
Und das war gut für seine Nerven, denn sein Team verschoß gleich den ersten Elfmeter. Ausgerechnet der große Star Andrej Schewtschenko, der mit einem Lattenkopfball die beste Chance des Spiels vergeben und später immer mehr abgebaut hatte, scheiterte an Torwart Zuberbühler. Daß er wenige Minuten später von „einem phantastischen Tag für uns und für die ganze Nation“ und einem „wunderschönen Sieg“ sprechen konnte, lag weniger an der Nervenstärke von Torwart Alexander Schowkowski, dem die Schüßchen von Streller und Cabanas fast in die Arme kullerten, als an der Unfähigkeit der Schweizer. So siegte die Ukraine mit dem kostbaren Resultat von 3:0. Höher kann man ein Elfmeterschießen nicht gewinnen.
Werden die Ukrainer die Griechen dieser WM? Einmal verprügelt, beim 0:4 von den Spaniern, dann dank schwacher Gegner und taktisch getöteter Partien durchgewurstelt - klingt fast wie das Rehhagel-Rezept der EM 2004. Natürlich spielen die Ukrainer einen etwas anderen Fußball, aber die Grundidee ist ähnlich: hinten dicht, und vorne hilft, wenn schon nicht der liebe Gott, dann aber vielleicht Schewtschenko oder der Schiedsrichter.
„Ich werde wohl viel zu tun haben“
Nun stehen sie im Viertelfinale, was für einen WM-Debütanten eine große Leistung ist; nur daß gar nichts Begeisterndes oder Mitreißendes an diesem Durchkommen war. Von allen Viertelfinalisten des Turniers hat die Ukraine am wenigsten zu dessen Schauwert beigetragen: keine Fans, kein Flair, keine Phantasie.
Das dürfte sich auch im Viertelfinale gegen die Italiener nicht entscheidend ändern. Denn den einzigen Überraschungsfaktor im Spiel der Ukraine, den bisherigen Mailänder Star Schewtschenko, kennen die aus dem Effeff. „Ich werde wohl viel zu tun haben in den nächsten Tagen, um all die Fragen zu beantworten, die ich von Freunden und Journalisten bekommen werde“, sagte der Torjäger, der für 50 Millionen Euro zum FC Chelsea wechselt. „Ich habe sieben wunderbare Jahre in Italien verbracht und verdanke dem Land sehr viel, aber nun muß ich gegen sie spielen, im wichtigsten Fußballspiel der ukrainischen Geschichte.“
Know-how der defensiven Netzarbeit
Abgesehen von Schewtschenko, agiert die ukrainische Mannschaft, in der am Schluß sieben Spieler von Dynamo Kiew standen, eher schematisch, ganz in der Tradition von Lobanowski, der schon in den siebziger Jahren einen „Systemfußball“ pflegte, in dem der schnelle Blochin eine Art Star war. Allerdings hat sich Lobanowskis Idee von einem offensiven „totalen Fußball“ nach Art der Holländer der Ära Cruyff bei seinen spielerischen Enkeln in jenen organisierten Sicherheits- und Erstickungsfußball verwandelt, den die Globalisierung des Spiels noch bis in fast jede Liga und jedes WM-Team verbreitet hat.
Das Know-how dieser defensiven Netzarbeit verwandelt anno 2006 selbst mittelmäßige Teams wie die Schweiz und die Ukraine in Abwehrbollwerke. Wenn dann nicht der Zufall, die Unwägbarkeit des Augenblicks, eine offensive Aktion begünstigt und den Ball ins Tor gehen läßt, statt an dessen Umrandung, wie Freis Freistoß oder Schewtschenkos Kopfball, dann kommt so etwas heraus wie der Kölner Null-Kick. Und der späte Gesang der einheimischen Fans, die beide Teams aus der WM eliminieren wollten: „Ihr könnt nach Hause geh'n“, sangen sie, und dann, sarkastisch: „Oh, wie ist das schön, so was hat man lange nicht geseh'n.“
„Wir spielen für Resultate“
Die Optik der Sieger ist natürlich eine andere. „Wir spielten mit viel Herz“, fand Kapitän Schewtschenko, „und das hat all das andere ausgeglichen, das uns fehlte.“ Das andere, es war ziemlich viel. Doch eine WM kennt keine B-Note, so geht jede Stilkritik ins Leere. Schon gar nicht kann man damit dem Außenseiter kommen - von dem fordert die Fußballromantik immer etwas Verwegenes, Aufregendes, doch die Ukraine ist ein Außenseiter ohne jedes Flair, und das ist ihr gutes Recht.
„Nach dem Spiel gegen Tunesien kritisierte man unsere Taktik“, sagte Blochin. „Aber wir spielen für Resultate.“ Mehr als das sportliche kann sich schon das finanzielle Resultat sehen lassen. Von Freunden und Förderern des Nationalteams gab es 4,5 Millionen Dollar als Prämie für den Sieg gegen die Schweiz. Am besten gleich aufs Schweizer Tor-Konto. Da ist es sicher.