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Nationalmannschaft Stallgeruch, Teamgeist und eine neue Spielergeneration

01.03.2006 ·  Italiens Nationaltrainer Marcello Lippi ist das ziemliche Gegenteil von Jürgen Klinsmann. Während der kalifornische Schwabe als Reformer immer wieder aneckt, wirkt Lippi wie ein „Elder Statesman“: stets perfekt gekleidet, ruhig und gelassen.

Von Dirk Schümer, Venedig
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Italiens Nationaltrainer Marcello Lippi ist als Typ das ziemliche Gegenteil von seinem Kollegen Jürgen Klinsmann. Während der kalifornische Schwabe als ungestümer Reformer den Betrieb aufrüttelt und immer wieder aneckt, wirkt der grauhaarige Lippi wie ein „Elder Statesman“ des Fußballs: stets perfekt gekleidet, ruhig und gelassen, zuweilen mit einem Zigarillo zwischen den Lippen, verkörpert der Toskaner aus dem Badeort Viareggio die feine fußballerische Elite, seit er mit Juventus Turin in den neunziger Jahren nationale und europäische Titel sammelte. Um diese schöne Tradition fortzuführen und dabei nicht mit den eitlen und mächtigen Vereinsfunktionären in Konflikt zu geraten, hat man Lippi fürs Nationalteam verpflichtet.

Vor dem wegweisenden Testspiel gegen Deutschland hat der Nachfolger von Giovanni Trapattoni denn auch gar nicht erst versucht, einen Hockeytrainer anzuheuern, sondern seinen verdienten Veteranen Ciro Ferrara, ebenfalls von Juventus Turin, als „technischen Berater“ für die harten Tage in Deutschland verpflichtet. Bei soviel Stallgeruch fügt es sich, daß Stammtorhüter Gigi Buffon erstmals nach seiner schweren Schulterverletzung wieder mit von der Partie ist.

Großer Gruppengeist

Der Weltklassetorwart reist gutgelaunt mit dem Rückenwind der frischgebackenen Olympiastadt Turin an, ebenso wie sein Kapitän bei Juventus, Alessandro del Piero, dessen Einsatz nach einer Blessur zwar fraglich blieb, aber wenigstens für einen Teil des Spiels erwartet wird. Unter den Fittichen ihres alten Trainers Lippi werden die Azzurri denn auch nicht müde, den „spirito di gruppo“ zu loben, denn Gruppengeist ist bei den oft eitlen und kommerziell belasteten Stars der Serie A nicht selbstverständlich. Sogar für den verlorenen Sohn Christian Vieri, der zur Winterpause vom AC Mailand an Olympique Marseille abgetreten wurde und dort nicht in Tritt kommt, hat Lippi diesmal einen Posten im Kader vorgesehen. Der bullige Altstar wetteifert noch mit seinem Altersgenossen Filippo Inzaghi - in Florenz nicht dabei - um einen Platz unter den WM-Stürmern.

Auch an den schwerverletzten Kapitän Francesco Totti richtete Lippi im nationalen Trainingszentrum von Coverciano, einem Vorort von Florenz, herzlichste Genesungswünsche. Totti, der nach einem Wadenbeinbruch mit Bänderschaden am Knöchel noch mindestens drei Wochen lang einen Gips tragen muß, soll unbedingt mit nach Germania, weshalb Lippi den endgültigen Kader nicht bereits Mitte Mai, sondern erst nach dem Finale der Champions League bei der Fifa einreichen möchte. Sollte Totti nicht rechtzeitig wieder fit werden, hängt fürs italienische 4-3-3-System viel vom Mittelfeldstrategen Pirlo ab, der gegen Deutschland die Offensivaktionen planen soll, wenn er auch längst nicht so torgefährlich ist wie Totti.

Klinsmann keine Ahnung?

Zusätzlich werden die deutschen Spieler aber auch Bekanntschaft mit einer neuen Spielergeneration machen. Ein Stürmer wie Luca Toni wurde darum zum Star, weil er in Florenz nicht soviel internationale Konkurrenz vorgesetzt bekam und regelmäßig Treffer erzielte. Ähnliches gilt für hoffnungsvolle Kräfte im Defensivbereich wie Cristian Zaccardo und Fabio Grosso (beide Palermo) oder Daniele De Rossi (AS Rom) - wobei aber ungewiß ist, ob sie sich in der Formation der WM-Spiele letztlich gegen die mächtige Lobby der reichen Mailänder und Turiner Vereine durchsetzen werden. Lippi hat sich erst gestern die Einmischung von Managern, Beratern und Medien noch einmal mit deutlichen Worten verbeten: „Wer spielt, bestimme nur ich.“

Bei soviel Konkurrenzkampf seiner Ragazzi kann es der „commissario tecnico“ denn auch mitnichten gutheißen, daß sich Jürgen Klinsmann - einst Stürmerstar bei Inter Mailand - unlängst despektierlich über den unattraktiven italienischen Defensivfußball geäußert hat. Klinsmann habe aus der Distanz doch überhaupt keine Ahnung - dieses Dementi wirkte für Marcello Lippis noble Verhältnisse schon fast wie ein Wutausbruch. Statt sprachlicher Scharmützel liegt dem Coach daran, vor dem Beziehen des WM-Quartiers in Duisburg die Konkurrenzfähigkeit seiner Mannschaft gegen Spitzenteams zu testen. Nach einem vielversprechenden 3:1-Sieg in Amsterdam gegen die Niederlande im November kam ein vorgesehenes Kräftemessen mit Brasilien nicht zustande. Daß nun Deutschland den Weltmeister ersetzt, dürfen Klinsmanns Schützlinge als kleines Kompliment verbuchen.

Quelle: F.A.Z., 01.03.2006, Nr. 51 / Seite 33
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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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