03.07.2006 · Die Squadra Azzurra steht endlich mal wieder im WM-Halbfinale, und daheim brechen die Fundamente des Profifußballs zusammen. Doch statt die schmutzigen Auswüchse des bestechlichen Calcio zu beklagen, ziehen sich die Spieler in eine Wagenburg zurück: Jetzt erst recht.
Von Dirk Schümer, VenedigIn seiner langen und ruhmreichen Geschichte hat der italienische Fußball selten ähnlich aufwühlende und dramatische Tage durchgemacht wie gerade jetzt. Da steht die Nationalmannschaft endlich einmal bei einem Weltturnier im Halbfinale, und daheim brechen die Fundamente des Profifußballs unter Bestechungsvorwürfen, drohendem Zwangsabstieg und dem Ende einer Generation mächtiger Funktionäre weg.
Der Maxiprozeß rund um die Schiedsrichtermanipulationen im römischen Olympiastadion, der unter anderen Umständen die Nation bewegt hätte, kommt in den Nachrichten angesichts der Erfolge der „Squadra azzurra“ einstweilen kaum vor. Den mit dem Tode ringenden neuen Juve-Manager Gianluca Pessotto können und wollen Spieler und Tifosi jedoch um keinen Preis verdrängen.
„Pessotto“-Sprechchor und „Marsch der Ehre“
Die wichtigste Demonstration nach dem beeindruckenden Sieg der Italiener über die Ukraine bestand demnach nicht in den Autocorsi in den Großstädten, sondern im „Marsch der Ehre“, den eingefleischte Juve-Anhänger im Fiat-Viertel von Turin schon länger geplant hatten. Rund dreißigtausend „Bianconeri“, oft in die schwarzweißen Vereinsfarben gekleidet, zogen mittags von der legendären Autofabrik Mirafiori zum Juve-Stammsitz am Corso Galileo Ferraris und anschließend weiter zum Krankenhaus von Molinette, wo Pessotto auf der Intensivstation - passend zur Unterstützung der Getreuen - am Samstag erstmals wieder die Augen öffnete und ihm Nahestehende erkannte. Auch auf dem Trainingsgelände der Nationalmannschaft in Duisburg-Meiderich wurde die Mannschaft von den Fans nicht mit „Italia“-Anfeuerungen, sondern mit einem bewegenden „Pessotto“-Sprechchor zu ihren Lockerungsübungen empfangen.
Gerade die Verzweiflungstat des ehemaligen Nationalspielers könnte Spieler und Fans paradoxerweise immer enger zusammenschweißen und den Italienern für das Halbfinale gegen die deutschen Gastgeber neue Kräfte verleihen. In der Anteilnahme für Pessotto wird dabei gern übersehen, daß das kriminelle Chaos einer manipulierten Serie A maßgeblich zum Suizidversuch des überforderten Jungmanagers beigetragen haben dürfte. Der einzige Juve-Profi, der bisher seiner Bitterkeit Worte verlieh, der von geraubten sportlichen Erfolgen und betrogenem Ehrgeiz eines Champions sprach, war jedoch der Tscheche Pavel Nedved. Italiens Kapitän Fabio Cannavaro dagegen widmete dem diabolischen Manager Luciano Moggi ehrende Worte und gab die Parole einer allgemeinen Verdrängung der Tatsachen aus.
Jetzt erst recht, lautet das Motto
Auch andere Juve-Spieler versuchen, den Skandal vom sicheren Quartier des Nationalteams aus zu bagatellisieren. Alessandro Del Piero erklärte die umstrittenen Meistertitel pathetisch zu „Kindern“, die man auch nicht so einfach hergebe. Und Zambrotta unkte an allen Tatsachen vorbei: „Ich sehe meine Mannschaft nicht in der Serie B.“
Statt also ihrerseits die Auswüchse des schmutzigen Calcio zu beklagen, ziehen sich die italienischen Spieler - und mit ihnen große Teile der Öffentlichkeit - in eine symbolische Wagenburg zurück: Jetzt erst recht, lautet das Motto dieser eigentümlich freudlosen Weltmeisterschaft der Italiener. Doch der Erfolg gibt den Azzurri bislang recht. Man sollte nicht vergessen, daß um den Führungsspieler Del Piero der gesamte Führungsstab über die Moggi-Seilschaft von Juventus Turin zur Nationalmannschaft stieß: Trainer Marcello Lippi ebenso wie der erst jüngst als Betreuer verpflichtete langjährige Juve-Kapitän Ciro Ferrara.
Spielen gegen eine belastete Vergangenheit
Ist es Zufall, daß sich gerade Spieler der angeklagten Mannschaften bisher besonders auszeichnen? Im Tor steigert sich Juves Gigi Buffon zum bisher besten Schlußmann des Turniers und kassierte bis zum Halbfinale nur einen Treffer - ein Eigentor. Juves Verteidiger Zambrotta spielt wie entfesselt, und sein Mannschaftskamerad Cannavaro hält die beste Abwehr des Turniers mit großartigem Stellungsspiel fest zusammen. Hinzu kommt nun noch Stürmerstar Luca Toni, der auch ohne den Fußballskandal beim gleichfalls angeklagten AC Florenz kündigen wollte. Bei allem grimmigen Erfolgsstreben läuft es auf dasselbe hinaus, ob diese Spieler in Deutschland gegen eine belastete Vergangenheit oder für eine unbelastete Zukunft kämpfen - auf jeden Fall sind sie blendend motiviert.
Daß sie es dabei zum dritten Mal nacheinander mit dem Gastgeber der Titelkämpfe zu tun bekommen, stimmt die immer selbstbewußteren Tifosi und die Journalisten keineswegs traurig. Argentinien, so stand in mehr als einem Kommentar zu lesen, spiele den kreativeren Fußball; Deutschland sei viel leichter auszurechnen. Gerne erinnern die italienischen Medien an die großartige WM-Bilanz von zwei Siegen, zwei Unentschieden und keiner Niederlage gegen Deutschland. Ganz besonders genüßlich wird immer wieder der 1. März dieses Jahres ins Gedächtnis gerufen, als die Italiener ihre überforderten deutschen Gäste mit 4:1 abfertigten.
„Entscheidend ist, daß wir in Deutschland bleiben“
Wer wollte es den Italienern verdenken, daß sie in ihrer heiklen Lage gegenüber manchem Spott in deutschen Medien ungewohnt dünnhäutig reagieren? Der heißblütige Kalabrese Rino Gattuso griff die Internetausgabe des „Spiegel“ für eine deftige Italien-Satire an, und der deutsch-italienische Chefredakteur der „Zeit“ mußte in einem Interview der „Repubblica“ die schlimmsten Wogen bereits glätten: „Die Deutschen sind keine Rassisten.“
Witze über sich selbst und ihren geliebten Calcio fabrizieren die Italiener eben immer noch am liebsten selbst. So war im „Corriere della Sera“ der neue Premier Romano Prodi im Nationaltrikot abgebildet, um bis Dienstag die Parole auszugeben: „Reden wir nicht mehr über den Abzug unseres Militärs aus Irak oder Afghanistan. Entscheidend ist, daß wir in Deutschland bleiben.“