13.05.2006 · Unterhielt der Manager von Juventus Turin ein System von „Drohungen und Gewalt“? Der Skandal im italienischen Fußball zieht immer weitere Kreise und hat nun auch die Squadra Azzura erreicht. Auch Torhüter Buffon und Nationalcoach Lippi sind im Visier der Ermittler.
Von Tobias Piller, RomDer Skandal, der gerade im italienischen Fußball immer weitere Kreise zieht, hat nun auch die Fußball-Nationalmannschaft Italiens erreicht: Nationaltorhüter Gianluigi Buffon ist im Mittelpunkt von Ermittlungen wegen illegaler Fußballwetten und könnte deshalb gesperrt werden. Von Nationaltrainer Marcello Lippi heißt es, er sei dubiosen Pressionen des Turiner Fußballmanagers Luciano Moggi ausgesetzt gewesen, der einzelne Spieler aus rein geschäftlichem Interesse in der Nationalmannschaft sehen wollte.
Wie die italienischen Zeitungen berichteten, soll Moggi 29 von 38 Spielen seines Klubs in der vergangenen Saison mit Hilfe von Schiedsrichtern und Profis manipuliert haben. Insgesamt soll gegen 50 Personen ermittelt werden. Gegen den italienischen WM-Schiedsrichter Massimo De Santis wird schon seit einigen Wochen wegen angeblicher Manipulation von Spielen ermittelt.
Doch die Fußball-Weltmeisterschaft ist derzeit eher noch ein Randthema im Vergleich zu den Dimensionen der italienischen Fußball-Affäre, die bereits verglichen wird mit „Tangentopoli“, dem Netzwerk der Korruption zwischen Wirtschaft und Politik, das Anfang der neunziger Jahre in Mailand aufgedeckt wurde und dann das Ende der Sozialistischen Partei und der Traditionspartei der Christdemokraten bedeutete. Genau so könnte nun mit Juventus Turin eine tragende Säule des italienischen Fußballs einstürzen.
Lukratives Netzwerk
Denn Dreh- und Angelpunkt der Skandalgeschichten ist Luciano Moggi, der Generaldirektor des Turiner Fußballklubs Juventus, der schon 28mal die italienische Meisterschaft gewann und an diesem Sonntag den 29. Titel feiern wollte. In diesem Jahr hatte Juventus in der italienischen Meisterschaft die anderen Mannschaften zeitweise so distanziert, daß der Vorsprung uneinholbar schien und der Ruhm von Juventus als dem Aushängeschild des italienischen Fußballs immer weiter wuchs. Nun zeigt sich aber, daß dabei womöglich nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist.
Ausgangspunkt des Skandals ist eine Gesellschaft zur Betreuung von Fußballspielern und Schiedsrichtern namens „Gea World“, zu deren Aktionären Luciano Moggis Sohn Alessandro und die Bankierstochter Chiara Geronzi gehören. Zeitweise waren auch noch andere illustre Söhne im Spiel, etwa der des Fußballverbands-Präsidenten Franco Carraro, der des früheren Lazio-Besitzers und Bankrotteurs Sergio Cragnotti und derjenige des Parmalat-Gründers und Fußballpatrons Calisto Tanzi.
Die Verbindungen der Väter dienten dazu, ein lukratives Netzwerk zu betreiben, in dem sich die Dinge den eigenen Interessen entsprechend zurechtbiegen ließen. Die Agentur soll 200 Fußballspieler und zwölf Fußballtrainer unter Vertrag haben. Juventus-Manager Luciano Moggi und andere Väter sorgten dafür, daß die Spieler bei den richtigen Vereinen unterkamen. Damit wiederum auch diese Vereine für ihr Entgegenkommen belohnt oder für ihre Hartnäckigkeit bestraft werden konnten, soll Moggi dann die Schiedsrichter beeinflußt haben.
Abgehörte Telefongespräche
Aufgeflogen ist die Geschichte schließlich durch abgehörte Telefongespräche. Die Turiner Staatsanwälte hatten Moggi im vergangenen Jahr belauschen lassen und dabei Aufschlußreiches gehört. Der Juventus-Manager hatte unter anderem mit einem der beiden Verantwortlichen für die Auswahl der Schiedsrichter gesprochen, für wichtige Spiele genehme Leute erbeten und zudem gesagt, die „Unparteiischen“ sollten gut hinsehen: „Manchmal müssen sie auch Dinge sehen, die man gar nicht sehen kann.“
Die Macht, manche Dinge geradezurücken oder manchen Spielen zumindest eine gewisse Richtung zu geben, soll Moggi dann gegenüber anderen Klubpräsidenten benutzt haben. Der Luxusunternehmer Diego Della Valle etwa hatte in Florenz den in Konkurs gegangenen Verein Fiorentina erworben und sich aufmüpfig gezeigt. Nun heißt es, man habe alles darangesetzt, um Fiorentina verlieren zu lassen bis zur Abstiegsgefahr, um Della Valle und seinen Bruder Andrea zu beugen.
Die mehr oder weniger gefügigen Besitzer der Fußballklubs waren dann wiederum beim Einkauf und Verkauf ihrer Fußballspieler abhängig von Moggi. Gemehrt wurde dessen Macht auch durch Cesare Geronzi, dem gut vernetzten Präsidenten von Italiens viertgrößter Bankengruppe Capitalia. Ohne dessen finanzielle Hilfe gäbe es die beiden römischen Vereine AS Roma und SS Lazio schon lange nicht. Auch dem zum Parmalat-Konzern gehörenden Klub Parma hatte Geronzi Überlebenshilfe gewährt und sich zudem die Aktien von Perugia verpfänden lassen. Geronzis Luxusangestellter als Präsident der zu Capitalia gehörenden Investmentbank war wiederum der Fußballverbandspräsident Franco Carraro.
Lawine von Ermittlungen und Verhören
Ermittelt wird offiziell wegen Manipulationen im Fußballjahr 2004/2005; doch hatte Juventus auch die vergangene Saison immer so dominiert wie die aktuelle, die an diesem Sonntag zu Ende geht. Die Staatsanwälte, die in Turin die Abhöraktionen organisiert hatten, fanden im vergangenen Jahr nicht genug Anhaltspunkte, um die Ermittlungen gegen Luciano Moggi in Turin weiterzuführen. In Rom haben diese Akten aber eine ganze Lawine von Ermittlungen und Verhören ausgelöst, die sich alle um die Spielermanager von „Gea World“ drehen. Offiziell steht Moggi im Verdacht, mit „Drohungen und Gewalt“ den italienischen Fußball manipuliert zu haben. Nutznießer des Ganzen war Juventus Turin.
Dort hat nun nicht nur der Klubvorstand samt Moggi den Rücktritt erklärt, sondern der gesamte Aufsichtsrat. Sollten sich die vielen Verdachtsmomente zumindest so weit erhärten, daß die Sportgerichte entscheiden können, könnte Juventus Turin womöglich noch im Sommer die bevorstehende Meisterschaft wieder aberkannt werden. Auch das bislang Undenkbare läßt sich inzwischen vorstellen, der Zwangsabstieg in die zweite oder dritte Liga.