21.03.2006 · Der amerikanische Fußball-Nationaltrainer Bruce Arena spricht im Interview mit der F.A.Z. über seinen deutschen Kollegen, die Psychologie vor einer WM und den Druck im Fußball.
Der amerikanische Fußball-Nationaltrainer Bruce Arena spricht im Interview mit der F.A.Z. über seinen deutschen Kollegen, die Psychologie vor einer WM und den Druck im Fußball.
Ihr Team hat in Ihrer Trainerzeit viermal gegen Deutschland gespielt. Die Bilanz ist mit zwei Siegen und zwei Niederlagen ziemlich gut.
Nein, das ist sie nicht. Wir haben bei der WM verloren.
Wir dachten eher an die Gesamtbilanz. Erwarten Sie am Mittwoch einen Sieg, oder wollen Sie in erster Linie eine Niederlage vermeiden?
Wir sind eingeschränkt, weil wir nicht alle Spieler zur Verfügung haben. Die deutsche Mannschaft steht unter großem Druck. Es wird für uns also nicht einfach sein, ein gutes Ergebnis zu erzielen.
Aber Sie wollen das Spiel gewinnen und werden uns sicher verraten, wie Sie das anpacken wollen, oder?
Ich kann Ihnen zumindest soviel verraten: Wir haben Probleme im Sturm. Landon Donovan, einer unserer besten Angriffsspieler, wird verletzungsbedingt nicht dabeisein. Viele andere, die in europäischen Klubs spielen, stehen gar nicht erst zur Verfügung. Wir werden erst kurz vor dem Anpfiff entscheiden, wer spielen wird und wie wir spielen werden.
Bleiben wir bei Donovan. Er war zweimal in Leverkusen und kam beide Male nicht zum Zuge. Heute spielt er in der amerikanischen Liga. War das eine gute Entscheidung?
Landon denkt, daß es gut für ihn gewesen ist. Ich denke, er hätte beim zweiten Mal mehr Geduld haben sollen. Aber der Klub hätte ihn auch mehr einsetzen können. Landon hat sicher das Zeug zu einem guten Bundesligaspieler.
Sie haben vor acht Jahren die amerikanische Nationalmannschaft übernommen. Was war das für ein Team, und wie unterscheidet es sich zum heutigen?
Ich habe eine Mannschaft mit wenig Selbstvertrauen geerbt, in der es bei der WM 1998 sehr viele Meinungsverschiedenheiten gegeben hatte. Eine Mannschaft, die bei der wichtigsten Sportveranstaltung der Welt gezeigt hatte, daß sie nicht mithalten kann. Meine Aufgabe war einerseits schwierig und andererseits einfach. Viele unserer Spieler waren alt. Und wir mußten dem Team neues Blut zuführen. Es ist gelungen, eine Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern zusammenzubringen, besser zu spielen und bessere Ergebnisse zu erzielen. Bei der WM 2002 hatten wir einen guten Auftritt. Diesmal haben wir uns als Erster aus unserer Region qualifiziert. Wir bewegen uns also weiter nach vorne. Das nächste Ziel ist, die Vorrunde zu überstehen. Wir spielen bei dieser WM mit Italien, der Tschechischen Republik und Ghana in der vermutlich stärksten Gruppe.
Sie waren früher Torwart. Prägt dieser defensive Blick aufs Spiel die Einstellung eines Trainers?
Nein. Man muß das große Ganze sehen können und die Mentalität der unterschiedlichen Positionen und die innere Verfassung von Spielern verstehen. Man muß wissen, was sie auf dem Spielfeld und was außerhalb zum Erfolg führt. Trainieren heißt, daß man in der Lage ist, viele Dinge zu bewältigen. Zu den entscheidenden Fähigkeiten im modernen Spitzenfußball gehört es, mit Spielern umgehen zu können. Die psychologische Komponente ist mindestens ebenso wichtig wie die taktische, wenn nicht sogar wichtiger.
Jürgen Klinsmann macht gerade die härteste Zeit seines Lebens durch. Er hat bei Ihnen hospitiert, ehe er den Trainerschein gemacht hat. Wie war das?
Er ist ein brillanter Mensch. Ein guter Mensch. Er bringt eine andere Perspektive mit.
Haben Sie ihm damals Tips gegeben?
Nein. Er hat uns bei unserer Arbeit mehr oder weniger beobachtet. Und wir haben uns unterhalten und uns ausgetauscht. Ich habe eine Menge von Jürgen gelernt. Und ich bin sicher, Jürgen hat ein paar Sachen von mir gelernt.
Machen Sie sich keine Sorgen, daß Sie am Mittwoch seine derzeitige Misere noch verschlimmern könnten?
Wir sind Profis. Jürgen Klinsmann wird sich nichts mehr wünschen, als uns zu schlagen. Das kann ich Ihnen versprechen. Er war als Spieler sehr ehrgeizig. Er hat nie aufgegeben und über 90 Minuten voll gespielt. Und ich rechne damit, daß seine Mannschaft genauso ist.
Als Sie noch aktiv waren, hat sicher kein Spieler und kein Fan davon geträumt, daß die amerikanische Nationalmannschaft mal zu den Top ten in der Welt gehören würde. Die Vereinigten Staaten sind ihre Rolle als ewiger Außenseiter los.
Sicher, wenn man unsere letzten 35 Spiele anschaut. Wir haben nur viermal verloren. Wir betreten das Spielfeld, und wir wollen gewinnen. Wir tun es auf unterschiedliche Art und Weise. Wir sind dabei sehr flexibel in unserer Taktik, denn wir haben fast nie alle Spieler zur Verfügung. Das ist in vielerlei Hinsicht gut. Aber natürlich auch schlecht.
Ein Resultat Ihrer Arbeit ist: Die Erwartungen der amerikanischen Öffentlichkeit an die Mannschaft dürften noch nie so groß gewesen sein.
Aber sie sind gewiß nicht so extrem wie die Erwartungen, denen Jürgen ausgesetzt ist. Druck ist gut. Wenn du keinen Druck vertragen kannst, solltest du nicht in diesem Geschäft sein.
Das Gespräch führte Jürgen Kalwa.