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Fußballskandal Folgenreiches Foulspiel in Italien

22.05.2006 ·  Die Ermittlungen um Italiens Fußballskandal bedrohen die finanzielle Existenz der italienischen Klubs, vor allem die des bisherigen Vorzeigevereins Juventus Turin, dem der Zwangsabstieg angedroht wird.

Von Tobias Piller, Rom
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Die immer weiter ausgreifenden Ermittlungen um Italiens Fußballskandal und die immer neuen Enthüllungen der Presse bedrohen nun auch die finanzielle Existenz der italienischen Klubs, vor allem die des bisherigen Vorzeigevereins, des Turiner F.C. Juventus. Enttäuschte Fußballfans wenden sich ab von der Sportberichterstattung. Die bisher oft üppig sprudelnden Einnahmen aus Fernsehrechten und Sponsorengeldern sind in Frage gestellt.

Als der Bösewicht Nummer eins im italienischen Fußballskandal gilt schließlich Luciano Moggi, bis vor kurzem noch Generaldirektor des Vereins und verantwortlich für alle sportlichen Aktivitäten. Ihm wird offenbar inzwischen von den Staatsanwälten unterstellt, er sei der Kopf einer „kriminellen Vereinigung“ gewesen, die in Italien die Fußballspiele und die Meisterschaft zurechtgebogen hat.

Schiedsrichter und Sportjournalisten angewiesen

Alles dreht sich dabei um eine Firma für die Vertretung der Interessen von 200 bis 300 Spielern und um die von 20 Fußballtrainern namens Gea World. Die gehörte dem Sohn von Moggi und der Bankierstochter Chiara Geronzi. Früher waren unter den Aktionären auch noch Sprößlinge von Calisto Tanzi und Sergio Cragnotti, beide ehemalige Konzernchefs und Herren von Fußballklubs (Parma und Lazio), die schließlich im Bankrott endeten. Dem Unternehmen mit einem Beratervertrag verbunden ist auch der Sohn des italienischen Nationaltrainers Marcello Lippi.

Fast alle Spiele der italienischen Fußball-Liga sollen in der vergangenen Saison zugunsten von Juventus Turin manipuliert worden sein. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe trat der gesamte Juve-Aufsichtsrat zurück.

Um den Erfolg dieser Gesellschaft und von Juventus zu begünstigen, soll Luciano Moggi im Hintergrund dienstbare Schiedsrichter für wichtige Spiele ausgewählt haben, die je nach Bedarf „Elfmeter“ übersahen oder erfanden und manchmal damit die Spiele entschieden. Wer sich als Spieler der Gea World anvertraute, konnte offenbar mit Förderung rechnen, wer als Verein die Spieler aufnahm und mit Moggi kooperierte, offensichtlich ebenso. Während andere offenbar bestraft wurden. Selbst Sportjournalisten soll Moggi angewiesen haben, ihre Kommentare und die Darstellungen in Zeitlupe seinen Wünschen anzupassen.

Juventus Turin droht Zwangsabstieg

Weil Juventus Turin - italienischer Meister in der abgelaufenen Saison, im Spieljahr 2004/2005 und 27 Mal zuvor - von den Machenschaften Moggis profitiert haben soll, droht dem Verein nun der Zwangsabstieg zumindest in die B-Liga. Die daraus folgenden finanziellen Risiken haben den Börsenkurs einbrechen lassen. Die Juventus-Aktien haben damit seit dem Börsengang rund 60 Prozent des Wertes verloren.

Um die Gesellschaft - zu 62 Prozent in den Händen der Agnelli-Holding Ifil, zu 7,5 im Besitz von Gaddafis libyscher Investmentholding Lafico und zu 3,6 Prozent in den Händen des mit Moggi zurückgetretenen Chief Executive Antonio Giraudo - ranken sich noch weitere Ermittlungen zum Verdacht auf Bilanzfälschung beim Einkauf und Verkauf von Spielern.

Galt als „Musterknabe“ in den Bilanzen

Während andere italienische Fußballklubs oft riesige Verluste produzierten, galt Juventus nicht nur wegen der sportlichen Leistungen, sondern auch wegen Bilanzen und Management bisher als Musterknabe des italienischen Fußballs. In Italiens erster Fußball-Liga teilten sich die anderen 19 Fußballklubs in der Saison 2004/2005 einen Umsatz von 1,03 Milliarden Euro, einen Verlust aus dem gewöhnlichen Geschäft von gut 550 Millionen Euro sowie Gesamtschulden von rund 1,4 Milliarden Euro, wandten aber dennoch gut 700 Millionen Euro für Spielergagen auf. Juventus dagegen konnte mit kleinen Gewinnen 2003/2004 und 2004/2005 den Verlust auf relativ kleine Beträge begrenzen.

2004/2005 erwirtschaftete der Verein bei einem Umsatz von 229 Millionen Euro aus dem gewöhnlichen Geschäft, ohne Spielerein- und verkäufe, einen Verlust von rund 20 Millionen Euro, insgesamt einen Nettoverlust von 3 Millionen Euro. Die Gesamtverschuldung lag zum Ende des Bilanzjahres 2004/2005 bei 170 Millionen Euro, die Nettoverschuldung bei 16 Millionen Euro. Für die gerade abgelaufene Saison ließ sich ein Gewinn erwarten, nach einem Neunmonatsergebnis zum 31. März mit einem Umsatzplus von 27 Prozent auf 210 Millionen Euro und einem kleinen Gewinn.

Abstieg eher unwahrscheinlich

Doch das Einnahmeplus, aus Fernsehrechten (in neun Monaten von Juli 2005 bis März 2006 plus 15 Millionen Euro auf 106 Millionen Euro) und Sponsoreneinnahmen (plus 2 Millionen Euro auf 41 Millionen Euro), ist nun wieder gefährdet. Falls Juventus zur Strafe in die zweite Liga relegiert würde, könnten die Vertragspartner für die Fernsehübertragungsrechte, vor allem Silvio Berlusconis Mediaset, Nachverhandlungen verlangen und die Preise drücken. In der zweiten Liga, in der Juventus eventuell spielen müßte, sind die Fernsehverträge zudem schon festgezurrt, ohne daß man mit einem großen Klub wie Juventus und dessen Ansprüchen gerechnet hatte.

Die Sponsoren, darunter die libysche Tankstellenkette „Tamoil“, können sich ebenfalls auf Abstiegsklauseln berufen. Zudem hat schon ohne Abstieg der Name Juventus viel von seinem Nimbus verloren. Bisher beriefen sich die Turiner darauf, daß Juventus der beliebteste Fußballklub in Europa sei, mit 14 Millionen Fans und Sympathisanten in Italien, aber zum Beispiel auch 5 Millionen in Deutschland und vielen Besuchen im Internet von asiatischen Interessenten. Auf der Ausgabenseite hat Juventus offenbar in seinen Spielerverträgen keine Klauseln eingebaut, die etwa Gehaltskürzungen für den Fall eines Abstiegs in die zweite Liga vorsehen.

Fußballeuphorie in Italien gedämpft

Zwar könnte der Klub einige seiner Fußballspieler verkaufen. Doch der früher hochspekulative Markt könnte auch dadurch noch einmal ins Rutschen geraten, mit niedrigeren Ablösepreisen für die Fußballer, neuem Abschreibungsbedarf für die Fußballerbeine in den Klubbilanzen, und womöglich dem Zusammenbruch einiger ohnehin schwer verschuldeter Fußballklubs.

Teure Einkäufe kann zumindest in Italien so schnell keiner mehr finanzieren. Denn die enttäuschten Fans kündigen ihre Abonnements im Bezahlfernsehen oder wollen nicht mehr so oft zum Fußballplatz. Die Einnahmen für die Fernsehrechte werden dann wieder sinken. Wenn Juventus als Publikumsmagnet ausfällt, werden davon auch die bisherigen Spielpartner getroffen.

Quelle: F.A.Z., 23.05.2006, Nr. 119 / Seite 20
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