Der Fußball-Weltverband Fifa hat Torsten Frings für das WM-Halbfinale gesperrt und damit im deutschen Lager neben Entsetzen großes Unverständnis aufgelöst. „Wir finden es natürlich schade, daß etwas aufgerollt wurde, was zum einen abgeschlossen war. Und was zum anderen allein von den Argentiniern ausging. Wir waren nur die Reagierenden“, erklärte Bundestrainer Jürgen Klinsmann zu den überraschenden und weitreichenden Nachwirkungen der Tumulte im Anschluß an das Viertelfinale Deutschland gegen Argentinien.
Die Kommission sah es als erwiesen an, daß Frings dem Spieler der argentinischen Nationalmannschaft, Julio Cruz, im Anschluß an das WM-Viertelfinalspiel Deutschland - Argentinien am 30. Juni einen Faustschlag versetzt hatte. Diesen Vorgang qualifizierte die Kommission als Tätlichkeit. Der Mittelfeldspieler kann erst in einem Finalspiel wieder eingesetzt werden und steht in dieser Partie unter Bewährung. Bei einer weiteren Verfehlung im nächsten halben Jahr müßte Frings, der auch 5000 Schweizer Franken Strafe zahlen muß, erneut aussetzen.
„Opfer“ Cruz hatte Frings entlastet
Frings selbst hatte seine Unschuld beteuert und war auch vom vermeintlichen Opfer entlastet worden. „Ich bin nicht geschlagen worden oder habe es zumindest nicht gemerkt“, sagte Cruz der italienischen „La Gazzetta dello Sport“. Die Disziplinarkommission unter Vorsitz des Schweizers Marcel Mathier sah Frings dennoch schuldig und sperrte den 29jährigen Bremer für das Halbfinale am Dienstag in Dortmund gegen Italien. Die Fifa war bereits durch die verspätete Sichtung von belastenden Fernsehbildern im „Fall“ Frings in Bedrängnis und Erklärungsnot geraten. „Das kann passieren. Wichtig ist, daß so etwas nicht durchgeht“, entgegnete Fifa-Mediendirektor Markus Siegler und betonte scharf: „Ich lasse es nicht zu, daß man uns vorwirft, daß wir die Arbeit nicht richtig gemacht haben.“
Die als neue Beweise deklarierten TV-Bilder, die einen Faustschlag von Frings gegen Cruz belegen sollten, waren schon seit Samstag im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt worden. Auch für Klinsmann war die Sache eigentlich schon erledigt. „Das sind Emotionen, die da hochkommen. Dafür ist der Schiedsrichter da, und der Schiedsrichter hat reagiert, hat einem Spieler nachträglich die Rote Karte gegeben“, sagte der Bundestrainer und erinnerte an den „üblen Tritt an Per Mertesacker“.
Klinsmann: „Wir lassen uns nicht stoppen“
Die Fifa hatte am Sonntag morgen noch mitgeteilt, daß die Disziplinarkommission zwar gegen den Rot- Sünder Leandro Cufre und Maxi Rodriguez ein Disziplinarverfahren eingeleitet habe, nicht aber gegen deutsche Spieler. Stunden später folgte die unerwartete Wende. „Wenn man einen neuen Sachverhalt hat, kann ein Verfahren jederzeit eröffnet werden“, verteidigte Siegler die Vorgehensweise und verwies auf die Fälle bei der Euro 2004, wo die Nationalspieler Alexander Frei (Schweiz) und Francesco Totti (Italien) erst durch TV-Beweise des Anspuckens von Gegenspielern überführt und nachträglich sanktioniert wurden.
Die Hinweise im aktuellen Fall seien keinesfalls vom italienischen Fußball-Verband gekommen, der „keine Anstalten gemacht hat, daß die Fifa etwas anstellen“ solle. Vielmehr hätten laut Siegler mehrere Fifa-Verantwortliche die TV-Bilder zu Frings entdeckt. Bei der Verhandlung am Nachmittag war der DFB durch Team-Manager Oliver Bierhoff und Anwalt Christoph Schickhardt vertreten. Für Klinsmann stellt der Ausfall von Frings im Klassiker der dreimaligen Weltmeister zwar „generell kein Problem“ da, „weil wir immer so planen, daß alle Gewehr bei Fuß stehen“. Doch das jetzt Justiziare darüber entscheiden würden, „wie man mit so einer Geschichte umgeht“, sei sehr schade. Und kämpferisch fügte der Bundestrainer an: „Wir sind voller Elan, diesen Elan lassen wir uns auch am Dienstag nicht stoppen.“
Kehl oder Borowski als Nachrücker
Der Geschäftsführender DFB-Präsident Theo Zwanziger sagte zu dem Urteil: „Ich bin schon ein Stück enttäuscht. Ich bin davon ausgegangen, daß wir eine große Chance auf einen Freispruch haben. Die Mannschaft wird jetzt Flügel bekommen, daß Torsten Frings zu seinem Endspiel kommt. Es wird ein großer Ansporn sein für Trainer und Mannschaft.“
Durch die Sperre für Frings ist Bundestrainer Jürgen Klinsmann gezwungen, seine Erfolgsmannschaft ausgerechnet vor dem Halbfinal-Klassiker gegen Italien umzubauen. Als erste Anwärter auf den Platz im defensiven Mittelfeld gilt der Dortmunder Sebastian Kehl. Auch ein Einsatz des Bremers Tim Borowski in der Anfangself ist denkbar.
Frings beim Abschlußtraining dabei
Beim Abschlußtraining am Abend in Dortmund konnte Bundestrainer Jürgen Klinsmann alle 23 Spieler begrüßen. Die nach dem Viertelfinal-Krimi gegen Argentinien angeschlagenen Michael Ballack, Miroslav Klose und Per Mertesacker waren ebenso dabei wie der gesperrte Frings. Ihm war trotz der großen Enttäuschung sogar ein kurzes Lächeln über das Gesicht gehuscht.
Frings zählte im bisherigen Turnierverlauf zu den stärksten deutschen Spielern. Im Viertelfinale war es ihm im Zusammenspiel mit Kapitän Michael Ballack gelungen, den argentinischen Spielmacher Juan Roman Riquelme auszuschalten. Im Eröffnungsspiel gegen Costa Rica war dem 29jährigen der Treffer zum 4:2-Endstand gelungen.
Italien ohne Innenverteidiger Nesta
Italien wird im Halbfinalspiel ohne den verletzten Alessandro Nesta antreten müssen. Das erklärte Trainer Marcello Lippi am Montag abend nach dem Abschlußtraining seines Teams am Montag. Zwar hatte die Genesung des Innenverteidigers, der schon die letzten zwei Spiele wegen einer Oberschenkelverletzung ausfiel, Fortschritte gemacht, einen Trainingsversuch am Montag mußte der Spieler vom AC Mailand aber abbrechen.
Dagegen meldete sich Mittelfeldspielers Mauro Camoranesi wieder zurück. Camoranesi hatte sich im Achtelfinale gegen die Ukraine am Knie verletzt und konnte am Sonntag nicht trainieren, am Montag machte er die Übungseinheit aber wieder mit - ebenso wie Ersatzkeeper Angelo Peruzzi, der zuletzt Rückenbeschwerden hatte.
„Nesta steht für das Spiel morgen nicht zur Verfügung“, sagte Lippi. „Wir haben versucht, ihn hinzubekommen, aber dann haben wir entschieden, das Risiko nicht einzugehen. Wir hoffen, er kehrt für ein wichtiges Spiel zurück“, sagte Lippi in Anspielung auf einen möglichen Finaleinzug der Italiener. Nesta wird voraussichtlich durch Marco Materazzi ersetzt, der im letzten Spiel wegen einer roten Karte pausieren mußte. Außerdem fehlt Mittelfeldspieler Daniele de Rossi, der noch wegen seiner roten Karte aus dem Spiel gegen die Vereinigten Staaten in der Vorrunde gesperrt ist.
Mittelfeldspieler Gennaro Gattuso machte unterdessen klar, die italienische Elf wolle sich von der ganzen Aufregung um die Sperre des deutschen Nationalspielers Torsten Frings und Berichten über eine Beteiligung italienischer Medien an dem Fall nicht verunsichern lassen. „Wir müssen an uns denken. Wir dürfen uns nicht in Unruhe versetzen lassen oder Energie darauf verschwenden, was andere getan haben“, sagte er. „Das Drumherum wird sehr schwer für uns, wenn 70.000 Fans die Deutschen anfeuern.“
Sperre für Frings
Erol Bilecen (Bilecen)
- 03.07.2006, 19:38 Uhr
Sperre für Frings
Gert Sieger (Gert.Sieger)
- 03.07.2006, 19:53 Uhr
Superstimmung in Dortmund?! Danke Fifa!
Hans-Peter Mertens (MertensHP)
- 03.07.2006, 19:56 Uhr
Fifa - Urteil
Hans Chr. Riedelbauch (riedelbauch)
- 03.07.2006, 19:58 Uhr
Konzessionsentscheidung der FIFA
(Nordlicht99)
- 03.07.2006, 19:59 Uhr
