30.06.2006 · Gerade zwei Wochen ist es her. Da wäre ein Duell gegen das argentinische Hochgeschwindigkeitskollektiv als ein völlig unmögliches Unterfangen angesehen worden. An diesem Freitag ist es ein gefühltes Finale - sportlich, psychologisch und perspektivisch.
Von Michael Horeni, BerlinIn den vergangenen Tagen öffnete die Nationalmannschaft mal wieder die Pforten des Schloßhotels. Aber natürlich nur für ausgesuchtes Publikum. Franz Beckenbauer begehrte Einlaß. Nachdem er sich zwei Stunden im Quartier bei einer Mannschaft und einem Trainerstab umgeschaut hatte, die dem deutschen Publikum seit drei Wochen das allergrößte Vergnügen bereiten, richtete der Fußball-Kaiser seine salbungsvolle Botschaft an die Nation: „Alle haben einen sehr gelösten, aber auch selbstbewußten Eindruck gemacht. Das ist die Gefühlslage, in der sich Weltmeister entwickeln.“
Wenn Beckenbauer, der dem Bundestrainer vor wenigen Monaten noch einer schlechten Kinderstube und der Beratungsresistenz zieh, das nationale Fußball-Loblied anstimmt und der Antipode Klinsmann von der außerordentlichen Bedeutung an diesem Freitag gegen Argentinien für die Zukunft des deutschen Fußballs spricht, dann steht ganz offensichtlich mehr auf dem Spiel als nur ein gewöhnliches Viertelfinale einer Fußball-Weltmeisterschaft. Im Berliner Olympiastadion findet, zumindest aus deutscher Sicht, schon ein gefühltes Finale statt - sportlich, psychologisch und perspektivisch.
„Es ist eine ganz besondere Konstellation“
Vor zwei Monaten, ach, vor zwei Wochen noch wäre das Duell für die Gastgeber gegen das kombinierende Hochgeschwindigkeitskollektiv von Trainer Jose Pekerman als ein völlig unmögliches Unterfangen betrachtet worden. Aber das erstaunliche Sommerwachstum der Deutschen hat daraus ein Duell auf „Augenhöhe“ werden lassen, wie Abwehrchef Christoph Metzelder ganz realistisch behaupten kann. „Das ist ein ganz besonderes Spiel, es ist eine ganz besondere Konstellation“, sagt der Bundestrainer über eine Begegnung, in der die deutsche Mannschaft nun auch noch die letzte Grenze hinter sich lassen will.
Das Team glaubt mittlerweile ganz fest, daß es keinen besseren Gegner als den vor Wochenfrist noch übermächtigen südamerikanischen WM-Favoriten gibt - um zu beweisen, daß ihr enormes Wachstum nicht nur einen deutschen Scheinriesen hervorgebracht hat, der bei der ersten Begegnung mit einem seit Jahren anerkannten Team von Weltklasse wieder auf teutonische Normalgröße von gestern schrumpft. Denn, bei allem Staunen über Wandlung und Wachstum: Die schwarze Serie von knapp sechs Jahren ohne Sieg gegen eine Topnation, sie besteht noch immer. Aber seit Jahren haben sie die Deutschen nie kleiner als in diesen Tagen geredet, so als ob die autosuggestive Kraft den Makel unsichtbar machen könnte.
„Aggression, Leidenschaft und Engagement“
Bedingungslos offensiv, bedingungslos optimistisch - einen anderen Weg ins Halbfinale und zum ganz großen Ziel glauben die Gläubigen Klinsmanns auch gegen Argentinien nicht einschlagen zu können. „Wir werden voller Aggression, Leidenschaft und Engagement ins Spiel gehen - und werden sehen, wie Argentinien antwortet“, sagt der Bundestrainer. Sein Team, daran ließ er keinen Zweifel, werde mit all den in den ersten vier Spielen ständig gewachsenen Qualitäten versuchen, sein offensives Spiel auch gegen die kombinationssicherste Mannschaft des WM-Turniers durchzusetzen. „Wir müssen an unsere Grenze gehen - und wir werden an unsere Grenzen gehen“, verspricht Klinsmann vor einem Fußball-Klassiker, der ihn vor 16 Jahren in einem Endspiel, allerdings ohne jede Rasanz, selbst zum Weltmeister gemacht hatte.
Über die argentinischen Stärken - das atemberaubende schnelle Umschalten von Abwehr auf Angriff (und umgekehrt), die kühle Präzision im Paßspiel, dem mit Weltklassestürmern verschwenderisch ausgestatteten Sturm - verlieren die Deutschen nur die nötigsten, wenngleich ehrlich anerkennenden Worte. Aber viel lieber reden sie in diesen Tagen nur von sich und ihren Qualitäten. Und die Zahl ihrer Zuhörer und Liebhaber in der Fußballwelt wächst beständig.
Klinsmann muß das „German wonder“ erklären
Vor wenigen Tagen, am Morgen des Achtelfinals gegen Schweden, besuchte die argentinische Trainerikone Cesar Luis Menotti seinen ehemaligen Spieler Klinsmann, und dabei fiel dem Bundestrainer Klinsmann erst einmal auf, daß Menotti, als er Argentinien 1978 mit mutigem Offensivfußball zum Weltmeister machte, genau in seinem Alter war. Menotti erzählte ihm von seinem Credo: „Das Wichtigste ist, daß sich die Spieler in dem Stil, für den die Mannschaft steht, wiederfinden.“
Und genau diese Übereinstimmung hat die Trainerlegende mittlerweile auch in Klinsmanns Team ausgemacht. Menotti ist begeistert - ebenso wie Jorge Valdano, der Fußballphilosoph, der 1986 im Finale gegen Deutschland auch noch in der Praxis Weltmeister wurde. „Klinsmann weiß den Spielern einen Sinn von Freude und Abenteuer zu vermitteln“, sagte er, um dann zu bekennen, daß allmählich die Angst vor dem neuen Stil Deutschlands in ihm aufsteige. Die gewachsene internationale Bedeutung des deutschen Fußballs ließ sich am Tag vor dem Duell des widererstarkten dreimaligen Weltmeisters Deutschland gegen den zweimaligen Titelträger im Berliner ICC auch in Zahlen fassen. Über 100 ausländische Journalisten, so viele wie noch nie seit dem WM-Endspiel vor vier Jahren, wollten sich vom Bundestrainer noch einmal das „German wonder“ erklären lassen.
„Das Fragezeichen ist jetzt weg“
Aber es sind für Klinsmann derzeit gar nicht die jungen Spieler, die entgegen dem öffentlichen Bild das Team derzeit tragen und einen neuen Geist in die Fußballwelt schicken. „Was ich nicht vorhergesehen habe, war die bei dieser WM unglaublich starke Präsenz der älteren Spieler. Derjenigen um die dreißig: Miro Klose, Torsten Frings, Bernd Schneider und Kapitän Michael Ballack. Wie sie diese für sie einmalige Chance, sich international bei der WM im eigenen Land zu präsentieren, ergreifen würden, das war das große Fragezeichen. Das Fragezeichen ist jetzt weg“, stellte der Bundestrainer in diesen Tagen hochzufrieden über Fortschritte auch im gesetzten Fußballalter fest.
Bei seinem letzten Auftritt am Donnerstag in Berlin reduzierte er die bisherige deutsche Erfolgsformel dann aber nicht einmal auf die halbe Wahrheit. „Wir haben aus sechs Wochen intensiver Arbeit unser Selbstvertrauen geholt“, sagte er. Mehr nicht. Den Rest solle man sich am Freitag doch bitte schön selbst anschauen.