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Der deutsche Gegner Italien Harter Hund, sprechende Füße, müder Superstar

04.07.2006 ·  Die Squadra Azzurra hat bei der WM erst einen Gegentreffer kassiert - ein Eigentor. Zahlreiche Stars sind in der italienischen Nationalelf vertreten und rote Karten keine Seltenheit. Der deutsche Gegner im Porträt.

Von Uwe Marx
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Signore Lippi läßt keinen sitzen. Na ja, fast keinen. Seine beiden Ersatztorhüter blieben bei dieser WM beschäftigungslos, von den Feldspielern aber setzte der italienische Nationaltrainer jeden mindestens einmal ein. Dieses statistische Merkmal gilt ihm als Beweis für den großen Zusammenhalt: „Wir sind ein Team.“

Allerdings spielten auch Platzverweise eine Rolle. Daniele de Rossi sah Rot nach einem Ellenbogencheck, Marco Materazzi nach einer (nicht weiter schlimmen) Grätsche; deshalb mußten andere einspringen. Innenverteidiger Alessandro Nesta wird gegen Deutschland wohl wieder verletzt fehlen, die Offensive dürfte - wie beim 3:0 gegen die Ukraine im Viertelfinale - abermals spärlich besetzt sein: mit Totti, dem Pendler zwischen Mittelfeld und Sturm, und Toni. Mit ihrem Sinn für das Nützliche und das Machbare haben die Italiener vier von fünf WM-Spielen gewonnen und erst einen Gegentreffer hinnehmen müssen - es war ein Eigentor.

Gianluigi Buffon (Torwart): So manchem gilt er als bester Torhüter der Welt. Der Juve-Profi, 1,90 Meter groß, kann eigentlich alles: Er ist auf der Linie stark, im Herauslaufen und im Spiel eins gegen eins. Es heißt, wer auf ihn zulaufe, habe eine Ahnung davon, wie klein ein 7,32 Meter breites Tor wirken kann. Buffon, Sohn einer früheren italienischen Meisterin im Kugelstoßen und Diskuswerfen, war zweimal Welttorhüter des Jahres. Er wird sich demnächst wohl einen neuen Verein suchen müssen, denn Juve ist wegen des Manipulationsskandals massiv vom Zwangsabstieg bedroht. Auch Buffon ist von der Staatsanwaltschaft vernommen worden. Er hat zugegeben, hohe Summen - angeblich 1,6 Millionen Euro - für Sportwetten ausgegeben zu haben.

Gianluca Zambrotta (rechter Verteidiger): Spielt eine großartige WM und war gegen die Ukraine mal wieder einer der Besten. Er traf einmal selbst und bereitete ein weiteres Tor vor - mit seiner großen Stärke: Vorstöße an den gegnerischen Strafraum. Der 29 Jahre alte Abwehrspieler flog während der WM mit Juve-Kollege Alessandro del Piero nach Turin, um Manager Gianluca Pessotto nach dessen Selbstmordversuch beizustehen.

Fabio Cannavaro (Innenverteidiger): Ein Abwehrphänomen, nur 1,75 Meter groß, aber immer präsent, geschickt und mit 32 Jahren sehr erfahren. Cannavaro ist Kapitän und Wortführer der Italiener. Er bestimmt, wo sich die Abwehr formiert. Breitet er die Arme aus und bewegt sich nach vorne, gehen seine Nebenleute in der Viererkette mit, geht er nach hinten, folgen sie ihm auch dorthin.

Marco Materazzi (Innenverteidiger): Er wird vermutlich Nesta vertreten, der mit Cannavaro normalerweise eine der besten Innenverteidigungen im Weltfußball bildet. Materazzi ist mit seinen 1,93 Metern eine gute, wuchtige Ergänzung zu Cannavaro. Das 3:0 gegen die Ukraine hat er wegen einer Rot-Sperre verpaßt. Materazzi weiß seine Größe nicht nur in der Defensive einzusetzen: Beim 2:0 gegen Tschechien traf er per Kopfball.

Fabio Grosso (linker Verteidiger): Angeblich die Schwachstelle in der italienischen Abwehrreihe. Er war ursprünglich im Mittelfeld zu Hause, spielte sich unter Lippi allerdings hinten links fest. Nicht der Schnellste und nicht der Erfahrenste - weshalb Jürgen Klinsmann einen Einsatz von Sprinter David Odonkor erwägen dürfte, sollte die Partie lange offen sein.

Mauro Camoranesi (rechter Mittelfeldspieler): Ein gebürtiger Argentinier, der dort einiges Aufsehen erregte, als er sich entschied, für Italien zu spielen, das Land seiner Großeltern. War in Argentinien, Mexiko und Uruguay aktiv, bevor er über Hellas Verona bei Juventus Turin landete. Ein dynamischer Spieler, dem Gelbe und die eine oder andere Rote Karte nicht unbekannt sind. Regelmäßiger Unterstützer des italienischen Angriffs. War zuletzt als Zugang beim FC Bayern im Gespräch.

Andrea Pirlo (zentraler Mittelfeldspieler, defensiv): Ein ganz spezieller Spieler auf dieser Position: eine Art Regisseur als Abfangjäger, den der große Johan Cruyff einst als „Genie“ bezeichnete. Außerhalb des Platzes zurückhaltend, auf dem Platz auffällig allein schon wegen seiner vielen Ballkontakte und seiner guten Technik. Lippi sagt, Pirlo lasse „seine Füße für sich sprechen“. Gefährlich bei Fernschüssen. Pirlo spielte bereits mit 16 zum ersten Mal in der Serie A.

Gennaro Gattuso (zentraler Mittelfeldspieler, defensiv): Der Wadenbeißer vom Dienst. Sinnbild des selbstlosen Abräumers, der sich nicht schont, andere aber auch nicht. Spitzname: „Knurrer“. Hatte in der Champions League einen unerquicklichen Auftritt: Im Halbfinale zwischen seinem AC Mailand und Barcelona spielte ihn Ronaldinho vor einem entscheidenden Treffer schwindelig. Spielte zwei Jahre für die Glasgow Rangers in Schottland und ist laut Lippi „Italiens härtester Hund“.

Simone Perrotta (linker Mittelfeldspieler): Er ist neben Cannavaro und Torhüter Buffon der einzige Italiener, der in jeder der bislang 450 WM-Minuten auf dem Platz stand. Spielte meist auf der rechten Seite, rückte aber zuletzt nach links, um Camoranesi Platz zu machen. Nutzt seine Position, um überall aufzutauchen: vorne, hinten, mitunter auch auf der anderen Platzseite. Singt gerne das Loblied auf den guten alten Cattenaccio: Schön spielen zählt nicht, Hauptsache, du gewinnst.

Francesco Totti (zentraler Mittelfeldspieler, offensiv): Ärgernis, Augenweide, Superstar, Prügelknabe, Retter. Er soll für die magischen Momente sorgen, was ihm aufgrund fehlender Fitness allerdings schwerfällt. Totti schaffte es nach einem Wadenbeinbruch gerade noch zur WM, vor allem, weil er in Lippi einen enthusiastischen Förderer hat. Lippi nimmt hin, daß Totti weniger und langsamer läuft als alle anderen in seinem Kader. Hauptsache, der Premiumtechniker schlägt irgendwann eine entscheidende Flanke oder gibt eine kunstvolle Vorlage. Totti, seit seiner Jugend beim AS Rom, bewahrte Italien im Achtelfinale gegen Australien vor Schlimmerem, als er einen Elfmeter in der letzten Sekunde des Spiels zum 1:0 verwandelte.

Luca Toni (Stürmer): Statistisch betrachtet der beste Angreifer Europas. Der 29 Jahre alte Spätentwickler, der einige Jahre in der zweiten und dritten Liga vertrödelt hat, erzielte in der vergangenen Meisterschaft 31 Treffer für den AC Florenz. Mit 1,93 Metern ein guter Kopfballspieler, allerdings auch sehr einfallsreich mit dem Ball am Fuß. Inter Mailand, Real Madrid und der FC Barcelona sollen Interesse an ihm haben. Toni traf gegen die Ukraine zum ersten Mal bei dieser WM - und zwar gleich zweimal.

Quelle: F.A.Z., 04.07.2006, Nr. 152 / Seite 34
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Jahrgang 1964, Sportredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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