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Costa Ricas Taktik: Mauern und sich Mut machen

09.06.2006 ·  In der Vorbereitung des ersten deutschen Gegners bei der WM gab es viele Pleiten und Pannen. Dennoch fühlen sich die Spieler von Trainer Guimares gewappnet und bereis vor dem Anpfiff um 18 Uhr in München als Sieger.

Von Uwe Marx
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Wenn Alexandre Borges Guimaraes über Fußball spricht, dann klingt das so, als gehe es um etwas sehr ernstes, eine Firmenpleite etwa oder verlorene Wahlen. Guimaraes ist gebürtiger Brasilianer, Trainer von Costa Rica und ein augenscheinlich nachdenklicher Mann. Die, die ihn gut kennen, sagen, daß er durchaus fröhlich sein kann. Also liegt es vermutlich an seinem schwierigen Auftrag in Deutschland, daß Guimaraes in diesen Tagen etwas bedrückt wirkt.

"Wir haben eine gute Mannschaft", sagt Guimaraes wacker, "ich habe großes Vertrauen in meine Spieler." Diesen Mutmacher vor der Partie gegen den Gastgeber bringt er mit unverändert grimmiger Miene unters Volk. Botschaft und Mimik passen nicht richtig zusammen. Aber es paßte zuletzt ohnehin wenig zusammen bei der Mannschaft, die sie "Ticos" nennen.

Wo kommt der Optimismus her?

Es ist schwer auszumachen, worauf der erste Gegner der deutschen Elf seinen Optimismus gründen soll. Im Grunde genommen ist so gut wie alles schiefgegangen in den vergangenen Wochen. Der Versuch, Form und Selbstvertrauen zu finden, scheiterte. Vier Testpartien hatte Guimaraes organisieren lassen, viermal mußte er hinterher erklären, warum seine Mannschaft so mäßig gespielt und verloren habe. 0:2 gegen eine Auswahl Kataloniens - nun ja, kann passieren. 0:4 gegen die Ukraine, angetreten ohne ihren großen Star Andrej Schewtschenko - ein frustrierendes Erlebnis. 0:1 gegen Tschechien - ein mühsam ermauerter Aufwärtstrend. 2:3 gegen eine Rhein-Neckar-Auswahl aus Amateurspielern - eine Blamage zum Abschluß, auch wenn kaum Stammspieler auf dem Platz standen. Da muß jeder Ausblick auf die WM wie eine Durchhalteparole klingen. Die erfolgreiche Qualifikation jedenfalls - Costa Rica reichte Platz drei in Nord- und Mittelamerika hinter den Vereinigten Staaten und Mexiko und vor Trinidad und Tobago - wirkt angesichts der jüngsten Mißerfolge wie ein längst verblaßter Triumph.

Es ist Guimaraes, der die Hoffnung nährt. Halbherzig mit seinen Worten, überzeugender mit seiner Vergangenheit. Er war als Spieler dabei, als Costa Rica 1990 in Italien das Achtelfinale erreichte - bei der ersten WM-Teilnahme des Landes. Und er saß auf der Bank, als 2002 nur wegen der marginal schlechteren Tordifferenz eine Wiederholung des Coups verpaßt wurde - bei der zweiten Teilnahme. Warum soll es nun bei der dritten wesentlich schlechter laufen, wenn Guimaraes verantwortlich ist, fragen sich die meisten Anhänger unerschütterlich gut gelaunt. Der Trainer jedenfalls hat schon vor dem Beginn des Turniers seinen Vertrag bis 2008 verlängert. Man weiß, was man an ihm hat.

Zurückziehen und die anderen stürmen lassen

Fragt sich nur, was Guimaraes an seinen Spielern hat. An Angreifer Paulo Wanchope etwa, der Rekordtorschütze Costa Ricas ist, wie die meisten seiner Mitspieler aber in der fußballerisch wenig anspruchsvollen Heimat statt im Ausland spielt. An Verteidiger Gilberto Martinez, der als einziger in Europa einen Verein gefunden hat, Brescia Calcio in der zweiten italienischen Liga, der aber angeschlagen sein soll. Oder an Jose Franciso Porras, seinem Torwart, dem nach langer Verletzung ein Durchgang im letzten, so niederschmetternden Testspiel ausreichen mußte, um ein wenig Spielpraxis zu sammeln. Vermutlich wird es gegen die Mannschaft von Jürgen Klinsmann am Ende so sein, wie unlängst gegen Tschechien: Costa Rica läßt die anderen stürmen, zieht sich weit zurück, versucht, dem Gegner die Leichtigkeit zu nehmen, und hofft auf ein gutes Ende.

Beim 0:1 hätte das fast geklappt - Tschechien kam erst kurz vor Schluß zum Siegtreffer. Wanchope wird zwar der einzige Stürmer sein, aber er glaubt noch an die Kraft des vorsichtigen Angriffsspiels. "Wir werden nicht nur mauern", sagt er. "Und warum sollten wir nicht trotzdem gewinnen?" Das klingt zwar unbegründet mutig, erinnert aber an die Attitüde, mit der Costa Rica 2002 in Japan und Südkorea die WM bestritten hat. Da kam der respektlose Außenseiter zu einem 2:0 gegen China, einem 1:1 gegen die Türkei und einem sehr ansehnlichen 2:5 gegen den späteren Weltmeister Brasilien. Wanchope schoß damals ein Tor. Von der Mannschaft, die Ronaldo und Co. ärgerte, werden gegen Deutschland wohl noch sieben Spieler in der Startaufstellung sein: Wanchope, Gomez, Centeno, Solis, Fonseca, Martinez, Marin.

Eigentlich könnten sich diese costaricanischen WM-Routiniers und ihre Kollegen schon jetzt als ein Gewinner bei diesem Turnier fühlen. Nach der Gruppenauslosung in Leipzig war von zwei großen Profiteuren die Rede: Deutschland, weil die Gruppe A so wenig furchteinflößend ist, und Costa Rica, weil sich die Mannschaft im Eröffnungsspiel der Weltöffentlichkeit zeigen kann. Auch deshalb sagt Gilberto Martinez: "Wir haben nichts zu verlieren."

Quelle: F.A.Z., 09.06.2006, Nr. 132 / Seite 36
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Jahrgang 1964, Sportredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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