20.03.2006 · Seit Bruce Arena Verantwortung für die amerikanischen Fußballer innehat, geht es aufwärts. Im Viertelfinale der WM 2002 gegen Deutschland fehlte nicht viel zu einem Sieg. Heute ist das Team auf Platz fünf in der Fifa-Rangliste.
Von Jürgen Kalwa, New YorkAls ein Mann mit sonnigem Gemüt hat Jürgen Klinsmann in Kalifornien schon an vielem Gefallen gefunden. Sogar am Fußball. So fuhr er in den Jahren, als er noch als Vizepräsident einer Sport-Marketingfirma arbeitete, zum Training der Los Angeles Galaxy. Die Mannschaft gehört zu den zwölf Profiklubs, die in den Vereinigten Staaten im Rahmen der Major League Soccer (MLS) ihren Meister ausspielen.
Von dem modernen Stadion "europäischen Formats" war Klinsmann schon angetan, ehe er bei Galaxy einen Beratervertrag unterschrieb. Das Urteil war verständlich. Schließlich hatte Klinsmann seinen Einfluß schon bei der Planung des 27.000-Zuschauer-Projekts geltend machen können, als ihn die mächtige Anschutz Entertainment Group erstmals zu Rate zog. "Die Entwicklung", sagte der Bundestrainer vor zwei Jahren über das Fußballentwicklungsland Vereinigte Staaten, "geht beständig nach oben."
Platz fünf in der Fifa-Rangliste
Theoretisch wäre sein Kollege Bruce Arena der ideale Kronzeuge für diese Feststellung. Denn seitdem der 54 Jahre alte Fußballehrer aus Virginia die Verantwortung für die amerikanische Nationalmannschaft innehat, geht es mit dem Team aufwärts. Im Viertelfinale der vergangenen Weltmeisterschaft gegen Deutschland fehlte nicht viel zu einem Sieg. Und während der Gegner von Ulsan vier Jahre später einem Blues anheimgefallen ist, schafften die Vereinigten Staaten etwas noch nie Dagewesenes: Sie arbeiteten sich bis auf Platz fünf in der Fifa-Rangliste vor. Deutschland ist derzeit auf Platz 22 der allerdings umstrittenen Liste.
Dennoch hätte Arena Grund zu stöhnen. Was Klinsmann unterschlug: Das Home Depot Center ist nur eines von gerade mal zwei Stadien im ganzen Land auf Weltniveau. Das Ausbildungswesen, das auf dem Prinzip Zufall beruht und - abgesehen von Schul- und Collegemannschaften und einer Sportakademie in Bradenton/Florida für schulpflichtige Teenager - über keinen nennenswerten Unterbau verfügt, ist jammervoll. Und die Profiliga, die bislang nicht den Durchbruch beim Publikum geschafft hat, muß Nationalspieler nach Europa ziehen lassen, damit sie dort die Finessen lernen, die sie in der MLS mit ihrem stereotypen Hurra-Fußball nicht aufsaugen können.
„Du mußt schneller sein, mental und körperlich“
So spielen zehn von Arenas Topspielern in Europa, darunter Kasey Keller (Borussia Mönchengladbach) und Steve Cherundolo (Hannover 96). Diese Konstellation legt die Vermutung nahe, daß der Erfolg der Amerikaner vor allem auf einem Hauptfaktor beruht: auf der Arbeitsweise ihres Trainers Bruce Arena, eines Mannes, der ein ungeheuer robustes Verständnis von seinem Beruf besitzt: Seine Aufgabe sei es, "Resultate und nicht Unterhaltungsprogramme" vorzulegen. Geheimwissen scheint der frühere Torwart nicht zu besitzen. Gerede über Formationen ist ihm fremd. Alles, was er sieht, sind ein "rechteckiges Spielfeld, ein runder Ball, elf Spieler": "Die Leute sagen mir, das Spiel habe sich geändert. Das stimmt. Du mußt schneller sein, sowohl mental als auch körperlich."
Selbst an guten Tagen wie beim Sieg in der Qualifikation über den Erzrivalen Mexiko spielt die Mannschaft eher bieder. Was ihr unter Arena jedoch besser gelingt als unter seinen Vorgängern: Sie holt aus ihrem geradlinigen offensiven Spielverständnis, das auf enormer Fitness basiert, eine Menge heraus. "Unsere Stärke ist immer gewesen, daß wir als Gruppe gut zusammenspielen, daß wir uns mental als Einheit verstehen und wissen, um was es jeweils bei einem bestimmten Spiel geht", sagt Arena.
„Druck ist gut“
Am kommenden Mittwoch geht es für Arena - anders als für Klinsmann - um vergleichsweise wenig. Und zwar vor allem, weil das Team, das in der WM-Vorrunde in einer Gruppe gegen Italien, die Tschechische Republik und Ghana antreten muß, stark gehandicapt ist. Die Spieler aus der Premier League und der holländischen Ehrendivision stehen nicht zur Verfügung. Ebenso fehlt der derzeit beste Angriffsspieler Landon Donovan (Los Angeles Galaxy) aufgrund einer Verletzung.
Die Ausgangslage gefällt Arena. Das gibt ihm die Möglichkeit, Klinsmann die Favoritenrolle zuzuschieben. Bei der WM wird der Druck dann größer. Aber davor fürchtet sich Arena nicht: "Druck ist gut. Wenn du keinen Druck vertragen kannst, solltest du nicht in diesem Geschäft sein."