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WM-Taktik Dürre auf dem Spielplatz

 ·  Es gab bei diesem Turnier nicht das eine unvergeßliche Spiel. Die Torverhinderungsgeneraltaktik auf hohem Niveau ist der Trend der WM. Verteidigen ist einfacher. Angreifen ist eine Kunst, die es immer schwerer hat. Eine Analyse von Roland Zorn.

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Auch der Präsident ist ein Connaisseur. Darauf legt Joseph Blatter bei aller Funktionärsanmutung, die dem ersten Mann des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) eigen ist, aber auch großen Wert. Schließlich war der heute 70 Jahre alte Walliser selbst mal ein passionierter Mittelstürmer. Also sagt der Mann, der als Fußball-Liebhaber und Kenner des Spiels von niemand in Frage gestellt werden will: "Die Stars haben keinen Platz mehr zu spielen, weil die Räume immer enger werden." Damit verrät der Schweizer nichts als die Wahrheit über die am Sonntag zu Ende gehende 18. Weltmeisterschaft.

In Deutschland schlugen allerorten die Wellen der Sommerbegeisterung über das Weltereignis des weltweit beliebtesten Sports hoch; aber es herrschte in der Hitze der Tage und Abende auch eine manchmal erschreckende Dürre, wenn es um das Wesentliche des Fußballspiels ging: Tore.

Vor den beiden letzten Runden der 64 Etappen langen, einmonatigen Rallye durch Deutschland ist von den Statistikern eine Durchschnittsquote von gerade mal 2,30 Treffern pro Spiel errechnet worden - das ist fast so wenig wie bei der Minus-WM 1990 in Italien, die für Deutschland mit einem noch dickeren Plus als diesmal endete. Damals, als die Mannschaft von Teamchef Franz Beckenbauer am Ende den Titel gewann, natürlich nur mit einem 1:0, gegen Argentinien, waren 2,21 Tore pro Partie notiert worden.

Beschäftigungslos am Arbeitsplatz Fußballtor

Wie erklärt sich bloß soviel Enthaltsamkeit vor dem Tor? Auch deshalb, weil viele Stürmer erst gar nicht mehr vor dem gegnerischen Torwart auftauchen. Um mit mehr als nur ein paar Jedermann-Paraden aufwarten zu können, mußten renommierte Keeper wie der Deutsche Jens Lehmann und der Portugiese Ricardo schon auf ein Elfmeterschießen in den K.o.-Spielen hoffen. Da wurden sie dann endlich verdientermaßen zu strahlenden Helden nach bis dahin ziemlich beschäftigungslosen Tagen an ihrem Arbeitsplatz Fußballtor.

In der ersten Hälfte des Turniers verhalfen den besseren Mannschaften gegen zähe, aber deutlich unterlegene Widersacher oft noch ansehnliche Weitschüsse oder spektakuläre Kombinationen zum Torerfolg. Doch inzwischen scheint der Platz auch für solche Ausflüge ins Waghalsige versperrt. Wer einen Blick auf die Viertelfinalisten warf, stellte schnell fest, daß bis auf den Sonderfall Brasilien - der Titelverteidiger scheiterte mit einer sorglosen Harlem-Globetrotter-Mentalität auch an sich selbst - nur noch abwehrstarke Teams um den Lohn für die Torverhinderungsgeneraltaktik auf hohem Niveau miteinander stritten. Mit Akribie wurde an der Perfektionierung des mit schmalen Erträgen kalkulierenden Ergebnisfußballs gearbeitet.

Aufräumer vor der Abwehr

Portugal, mit prinzipiell gerade vier offensiven Spielern bis ins Halbfinale vorangekommen, entnervte die sowieso schon gedanklich müde durch die WM gestolperten Engländer mit seinem Geduldsspiel. Aber auch die im Elfmeterschießen unterlegenen Profis aus der Premier League traten nur mit einer Spitze an. Zu allem Übel war Wayne Rooney nach langer Verletzung noch nicht ganz fit und auch deshalb bis zu seinem Platzverweis nach einer Tätlichkeit ziemlich allein auf weiter Flur, weil sich der Kollege Owen schon mit einem Kreuzbandriß aus Deutschland verabschiedet und der junge Mann Theo Walcott auch daheim keinerlei First-Class-Spielpraxis hatte.

WM-Finalist Frankreich, in der Runde der letzten Acht 1:0-Gewinner gegen Brasilien und im Halbfinale 1:0-Sieger über Portugal, vertraut wie die meisten erfolgreichen Teams der Gegenwart gleich zwei defensiven Aufräumern vor der eigenen Abwehr: den jeweils überragenden Vieira und Makelele.

Da Trainer Raymond Domenech wie so mancher Kollege die Lösung mit einer Spitze bevorzugt, muß Thierry Henry schon auf geeigneten Nachschub aus dem gedrängten, aber inzwischen wieder wohlgeordneten Mittelfeld mit dem Genius Zinedine Zidane an der Spitze hoffen. So aber schied auch Frankreich, das seit Jahren mit Treffern geizt, aus dem Kreis der im Zweifel stürmischen Kandidaten von vornherein aus.

Verkappter Stürmer und erklärter Spielmacher

Mit maximal ausdifferenzierter Defensive beherrscht Italien die WM bisher, zumal die Squadra Azzurra auch noch alles andere kann, was den Fußball sehenswert bis spektakulär macht. Nur ein Gegentreffer in sechs Spielen, und der war noch selbst geschossen: Die Abwehrstrategen um Kapitän Fabio Cannavaro und Torwart Gianluigi Buffon sind auf WM-Rekordkurs; Italien setzt aber auch Zeichen des modernen Fußballs im Mittelfeld, wo Andrea Pirlo, bei dieser WM der feinfühligste defensive Mittelfeldorganisator, gemeinsam mit dem Löwenherz Gennaro Gattuso und dem verkappten Stürmer und erklärten Spielmacher Francesco Totti den Kombinationsfluß steuert.

Trainer Marcello Lippi kann es sich unter den Umständen sogar leisten, wie gegen Deutschland im Halbfinale, zunächst nur eine Spitze, Luca Toni, Stiche machen zu lassen; wenn es eng wird und Lippi eine Entscheidung herbeiführen will, rücken halt noch ein, zwei oder drei Stürmer nach. Wer sowohl das 4-4-2-System wie auch eine 4-4-1-1-Formation souverän intus hat, ist bei diesem Turnier ganz weit vorn. Lippi stehen alle Optionen zu Gebote, von denen der 56 Jahre alte Fußball-Lehrmeister jederzeit Gebrauch machen kann.

An den ausgefuchsten Italienern mußten letztlich auch die Deutschen scheitern, die mit Hurra und unbändigem Offensivgeist in die WM starteten und am Ende eine defensiv solide Mannschaft beisammen hatte, die wie alle großen Kollektive der Weltmeisterschaft auf einen Sechser (Frings, ersatzweise Kehl) und einen Verbindungsmann nach vorn (Ballack) baute. Die zunächst heftig gescholtene deutsche Linienabwehr gewann im Verlauf der Spiele an Format, weil sie sich nicht mehr so weit herauslocken ließ wie in der ersten Partie gegen Costa Rica. Nur so konnten Metzelder und Mertesacker zu konsequenten Abblockern gegnerischer Attacken werden.

Pekerman vercoachte sich

Gegen Italien führte diese Grundhaltung nicht zum erwünschten Erfolg, weil Lippi die Strukturen im Spiel seines Teams im Schlußspurt nachhaltig veränderte. Gegen Argentinien erreichten die Deutschen das von ihnen gewonnene Elfmeterschießen, denn Jose Pekerman, der Trainer einer der kompaktesten Mannschaften bei diesem Turnier, hatte sich vercoacht und beim Stande von 1:0 zu früh auf bloße Spielkontrolle und reine Defensive gesetzt.

Eine Mannschaft, die mehr als andere riskierte, war Spanien, dessen manchmal kompliziertes, schnelles Kurzpaßspiel bei dieser Weltmeisterschaft noch nicht zum großen Erfolg führte. Doch die im Achtelfinale an Frankreich gescheiterten Iberer gelten, weil jung, als lernwillig und dynamisch, als internationale Hoffnung für künftige Großereignisse.

Verteidigen ist einfacher

Irgendwie aus der Mode dagegen scheint das niederländische 4-3-3-System gekommen. Bondscoach Marco van Basten hielt zwar nach alter Väter Sitte auch aus Qualitätsgründen an zwei Außenstürmern (Robben, van Persie) fest, doch diese beiden spielten sich mit ihren individuellen Stärken derart in den Vordergrund, daß die Mittelstürmer, hießen sie nun van Nistelrooy oder Kuiyt, darunter litten. Da die Niederlande sich bereitwillig dem defensiven Trend der WM anschlossen und im Mittelfeld manchmal gänzlich ohne Ideen zu Werke gingen, fiel van Bastens Gesellenstück in Deutschland durch. Ganz anders der ebenfalls 41 Jahre alte Bundestrainer: Jürgen Klinsmann gehörte mit seiner zunächst geringer eingeschätzten Mannschaft zu den Mutmachern und damit Gewinnern des Turniers.

Da sich über alle Kontinente - mit wenigen Ausnahmen - die Viererabwehr durchgesetzt hat und die Abläufe im Kettenverbund weitgehend automatisiert scheinen, stand bei so gut wie allen 32 Teilnehmern von vornherein eine schwer zu überwindende Hürde der Improvisationskunst und Angriffslust im Wege. Verteidigen ist einfacher, rollt doch das Spiel auf die Abwehrspezialisten zu. Angreifen, das Spiel machen ist eine Kunst, die es immer schwerer hat, große Interpreten zu finden. Eben deshalb liebt alle Welt die letzten großen Auftritte des Maitres: Zidane. Einer wie er war und ist ein Unikat in der oft gleichförmig wirkenden großen Fußballwelt.

Auch deshalb gab es bei diesem Turnier nicht das eine unvergeßliche Spiel, zumal mögliche neue Stars wie der Argentinier Lionel Messi oder der Spanier Cesc Fabregas noch nicht die Gelegenheit bekamen, sich frei zu entfalten. Beide glänzen in ihren Klubs FC Barcelona und FC Arsenal schon länger, und es ist kein Wunder, daß das Spielniveau dieser beiden Hochgeschwindigkeits-Ensembles höher einzuschätzen ist als die Klasse der besten WM-Mannschaften - mit Ausnahme vielleicht der Italiener. Bei Arsenal wie bei Barca wird der "One-touch"-Tempofußball gelehrt.

Den mit einer Nationalmannschaft zu verinnerlichen, brauchte aber mehr Zeit als ein WM-Turnier dauert. Insofern können sich Fans und Kenner freuen: Es gibt ein produktives und phantasiegesteuertes Fußball-Leben auch nach der Weltmeisterschaft 2006.

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