12.05.2006 · In der WM-Geschichte hatte es zuvor kaum einen ähnlichen Finalsieg gegeben wie den der Franzosen beim 3:0 über die Brasilianer 1998. In neunzig Minuten fand im Stade de France eine kaum für möglich gehaltene Umkehrung der sportlichen Verhältnisse statt.
Von Michael HoreniJeden Montag und Freitag blickt FAZ.NET bis zum Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in einer Serie auf die vergangenen Turniere zurück. Der sechzehnte Teil beschäftigt sich mit dem Turnierfinale 1998 in Frankreich. Für die Deutschen war bei dieser Veranstaltung bereits nach dem peinlichen 0:3 gegen Kroatien im Viertelfinale Schluß.
Weltmeister dürfen alles. Ehe es sich Jacques Chirac versah, kletterte Didier Deschamps mit verschmutzten Fußballschuhen auf den Tisch, vor dem der Präsident der Republik stand, und drehte dem Staatsoberhaupt auch noch den Rücken zu. Seine unbedeckten Oberschenkel hatte der Präsident geradewegs vor der Nase. Doch über gewisse Nachlässigkeiten in Fragen der Etikette sah auch Chirac zu später Stunde in Glanz und Gloria nur noch strahlend hinweg.
Deschamps hatte die protokollarisch nicht haltbare Stellung allein im Dienst der Nation erklommen. Der Spielführer der Equipe Tricolore wollte Frankreich und aller Welt nur besonders deutlich zeigen, wonach sich die Grande Nation sportlich bisher vergeblich gesehnt hatte: den WM-Pokal. Um 23.09 Uhr genau, als Fifa-Ehrenpräsident João Havelange und Chirac dem Kapitän unter dem Jubel der 80.000 Zuschauer im Stade de France das beste Stück überreichten, das der Fußball zu vergeben hat, vereinigte sich ganz Frankreich in egalitärer Fußballfreude.
Eine historische Leistung
Auch Chirac mochte in diesen unvergeßlichen Momenten nicht mehr auf dem vermeintlich besten Platz im Stadion verharren. Mit dem Fanschal um die Schultern tanzte dann auch der Präsident als erster Vorsitzender des französischen Fanklubs gemeinsam mit den Lieblingen auf dem Tisch, der das Glück der Franzosen in Mannschaftsstärke trug. 3:0 im Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft gegen Titelverteidiger Brasilien, erspielt und errungen von einer Auswahl mit Herz und Verstand, diese sportliche Großtat empfanden aber nicht nur Franzosen als historische Leistung.
Den Sturz der Könige dieses Sports, wer anders als die Franzosen hätte dies am Vorabend der Feiern zum Sturm auf die Bastille vollbringen können? Die Spieler selbst konnten kaum glauben, daß ihnen mit einem imponierenden Gemeinschaftswerk der höchste WM-Sieg gegen eine brasilianische Mannschaft seit dem Beginn der Titelkämpfe vor fast siebzig Jahren gelang. Auf dem Rasen weinten Torhüter Fabien Barthez und Stürmer Christophe Dugarry eng umschlungen, der gesperrte Verteidiger Laurent Blanc, der die Trophäe als erster von Kapitän Deschamps erhielt, gab diesmal nach dem für Frankreich überglücklichen WM-Ende dem Torwart den schon traditionellen Kuß auf die Glatze.
Ein Buch voller Geheimnisse
Vom Freudenfest schien Trainer Aimé Jacquet zunächst völlig unbeeindruckt. Mit großer Ruhe schritt er dem brasilianischen Nationaltrainer Mario Zagallo entgegen und nahm den Verlierer, der schon alles gewonnen hatte, in den Arm. Sein schwarzes Notizbuch, in dem sich alle Geheimnisse der WM befinden, gab Jacquet aber beharrlich auch nach dem Schlußpfiff nicht aus den Händen. Von seinen Spielern wurde er schließlich auf Schultern getragen, und später, als sie ihre Worte wiedergefunden hatten, setzten sie ihm mit dutzendfachen Komplimenten ein Denkmal. „Er hat es geschafft, aus uns allen 200 Prozent herauszuholen. Wir verdanken ihm alles“, sagte nicht nur Christophe Dugarry, der, nach seiner Verletzung im ersten Spiel, im Finale in der zweiten Halbzeit noch einmal zum schönsten Einsatz seiner Karriere kam.
In der Fußball-Geschichte hat es seit dem 4:1 von Brasilien im Endspiel 1970 keinen ähnlichen Finalsieg mehr gegeben. Weder vom Ergebnis noch von der sportlichen Demonstration der spielerischen Stärke her. In neunzig Minuten fand eine kaum für möglich gehaltene Umkehrung der sportlichen Verhältnisse statt. Favorit Brasilien brach im entscheidenden Moment unter dem Druck zusammen, der auf einer Mannschaft von Stars und Superstars seit Tagen, Wochen und Monaten in unerträglicher Weise lastete. Im Finale waren von der ersten Minute an keine unantastbaren Wundermenschen aus der Werbung mehr am Werk, sondern ganz menschliche Fußballspieler mit all ihren Schwächen.
Sportliche Science-fiction
Bis zum Finaltag schien der Erfolg für die Franzosen noch wie sportliche Science-fiction, und wohl nicht zufällig, als das Imperium Ronaldo zu Fall gebracht war, jubelten die über sich hinausgewachsenen französischen Fußball-Normalgrößen zur Filmmusik von „Krieg der Sterne“. Mit ganz irdischen Mitteln und einem phantastischen Regisseur Zinedine Zidane, der mit zwei Kopfballtoren schon in der ersten Halbzeit den brasilianischen Mythos ins Wanken brachte, vollzog sich die französische Sternstunde. Von keiner Macht dieser Welt schienen sich die Gastgeber der WM ihr großes Finale noch nehmen zu lassen. Selbst die berechtigte Gelb-Rote Karte gegen Marcel Desailly in der 68. Minute vermochte die Kräfteverhältnisse nicht mehr zu verändern. Die Franzosen hatten auch in Unterzahl dank ihrer kollektiven Kraft noch die besseren Torgelegenheiten. Der Treffer von Emmanuel Petit in der Nachspielzeit zum 3:0 ließ nicht nur Chirac auf der Tribüne schreien und die Fäuste ballen.
Trainer Aimé Jacquet hatte nach dem dramaturgisch mitreißenden Finale nun die allerbesten Argumente gegen seine Langzeitkritiker an der Hand. „Wir haben alle Widrigkeiten dieses Turniers überwunden“, sagte Jacquet mit tiefer Zufriedenheit. Beim Auftakt verletzte sich Stürmer Dugarry, in der zweiten Weltmeisterschaftsbegegnung hatten Frankreich und ausgerechnet der wie nun kein anderer Spieler umschwärmte Zidane eine Rote Karte zu verkraften. Im Achtelfinale mußten die Gastgeber gegen Paraguay bis zum Golden Goal durch Blanc warten, im Viertelfinale war Nervenstärke im Elfmeterschießen gefragt, im Semifinale trübte ein Platzverweis für Blanc die Hoffnungen auf den Triumph. Doch den Bogen zum Erfolg konnte die verschworene Gemeinschaft immer wieder schlagen.
„Ich werde einem Teil der Presse die Unwahrheiten über uns nicht verzeihen“, sagte Jacquet mit Goldmedaille um den Hals den französischen Fußball-Theoretikern, die glauben machen wollten, die Mannschaft lache über ihren Trainer. Daß sein Ruf schon jetzt unter den Kollegen legendär ist, verdeutlichte zum Abschied der an allen vier brasilianischen Titelgewinnen beteiligte Mario Zagallo. Er präsentierte voller Respekt ein mit dem Namen des französischen Meistertrainers beschriftetes Trikot. Der Geehrte bedankte sich höflich: „Um die Erfolge von Zagallo zu haben, benötige ich zwei Leben.“ Der Anfang zumindest ist gemacht.