08.05.2006 · Bei der WM-Premiere von Bundestrainer Berti Vogts enttäuschte die Nationalelf, Stefan Effenberg wurde nach der „Stinkefinger-Affäre“ nach Hause geschickt. Brasilien versprühte wenig Glanz wurde aber zum vierten Mal Weltmeister. Die WM-Serie bei FAZ.NET.
Jeden Montag und Freitag blickt FAZ.NET bis zum Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in einer Serie auf die vergangenen Turniere zurück. Der fünfzehnte Teil beschäftigt sich mit dem Turnier 1994 in den Vereinigten Staaten.
Brasilien schlug der alten Welt bei der Weltmeisterschaft in der neuen Welt ein Schnippchen. Die Ballzauberer vom Zuckerhut waren bei der Fußball-WM 1994 in den Vereinigten Staaten zwar der einzige Südamerika-Vertreter im Viertelfinale. Doch trotz der Übermacht von sieben Europäern errangen die Brasilianer zum vierten Mal nach 1958, 1962 und 1970 den Titel und avancierten damit zum alleinigen Rekordtitelträger.
Doch den Glanz vergangener Triumphe hatte der Erfolg der Selecao nicht. Es reichte aber, um in einem der wohl langweiligsten Endspiele der WM-Geschichte in der Rose Bowl von Pasadena Italien mit 3:2 im Elfmeterschießen niederzuringen. Weder in der regulären Spielzeit noch in der dreißig Minuten dauernden Verlängerung wollte den beiden besten Mannschaften der Welt ein Tor gelingen. Ausgerechnet „Azzurri“-Star Roberto Baggio setzte dann den entscheidenden Elfmeter über das Tor.
„Gute Resultate sind wichtiger als guter Fußball“
Damit blieb dem europäischen Fußball auch im siebten Anlauf ein WM-Titel auf dem amerikanischen Kontinent versagt. Umgekehrt gelang es bekanntlich nur Brasilien 1958, in die Phalanx der Europäer bei WM-Turnieren auf dem alten Kontinent einzubrechen.
Brasilien verfügte in Romario und Bebeto über das überragende Sturmduo des World Cups, aber entscheidend war die gute Defensivarbeit der Elf von Trainer Carlos Alberto Parreira. „Die Brasilianer haben nicht mit acht Offensivkräften gespielt, sondern waren erst erfolgreich, als sie mehrere Defensivleute eingebaut haben“, resümierte der damalige Bundestrainer Berti Vogts. Parreira bilanzierte: „Guter Fußball ist eine schöne Sache, aber wichtiger sind gute Resultate.“ Er hatte auf die gesunde Mischung mit Zauberern wie Romario und Bebeto sowie Kämpfern wie Dunga und Jorginho gesetzt. Mit dem Pokal in der Hand sagte er „meine Mission ist erfüllt“ - und ging. Als bester Spieler wurde Romario mit dem „goldenen Ball“ ausgezeichnet.
„Stinkefinger-Affäre“ und ein frühes Ausscheiden
Die enttäuschende Vogts-Elf war unterdessen als Titelverteidiger im Viertelfinale gegen das Überraschungsteam aus Bulgarien gescheitert. Ausgerechnet der damals noch für den Hamburger SV spielende Jordan Letschkow beförderte den dreimaligen Weltmeister durch das 2:1-Siegtor per Kopfball im Giants Stadium von New York aus dem Wettbewerb.
Der bei seiner WM-Premiere glücklose Bundestrainer Berti Vogts ging nach dem vorzeitigen Aus durch ein Fegefeuer der Kritik, wurde offen zum Rücktritt aufgefordert. Bundeskanzler Helmut Kohl überredete den Trainer zusammen mit DFB-Präsident Egidius Braun zum Weitermachen. Herausragender Akteur der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) bei der WM war Stürmer Jürgen Klinsmann, dem fünf Treffer gelangen.
Ein anderer, der zum großen Star hätte werden können, war der Verlierer des Turniers: Stefan Effenberg. Beim glücklichen 3:2-Sieg im letzten Gruppenspiel gegen Südkorea mußte er bei 50 Grad in der Cotton Bowl von Dallas auf der ungeliebten rechten Seite verteidigen, wurde nach 75 Minuten ausgewechselt und zeigte den pfeifenden deutschen Fans den „Stinkefinger“. Vogts war sich mit Egidius Braun einig und schickte den Unverbesserlichen postwendend heim - so wie es Beckenbauer 1986 mit Uli Stein getan hatte, der ihn „Suppenkasper“ genannt hatte.
Maradona gedopt, Escobar ermordet
Während der Weltmeister von 1990 dem Turnier im Fußball-Entwicklungsland Amerika keine Glanzlichter aufsetzen konnte, gehörten Afrikameister Nigeria, die Bulgaren und erst recht der WM-Dritte Schweden zu den positiven Überraschungen. Ein Höhepunkt war auch der Torrekord des Russen Oleg Salenko, dem gegen Kamerun fünf Treffer gelangen. Zusammen mit dem Bulgaren Christo Stojtschkow wurde der „Sbornaja“-Stürmer auch WM-Torschützenkönig (jeweils sechs Treffer).
Allerdings litt der World Cup, der eine Rekordzuschauerzahl von 3,568 Millionen Zuschauer (Schnitt 68.626) verbuchen konnte, unter einigen Negativ-Schlagzeilen. So dominierte zunächst der Dopingfall Diego Maradona einige Tage die Nachrichten. Der exzentrische Argentinier, der einen Doping-Cocktail eingenommen hatte, verabschiedete sich unwürdig von der WM-Bühne, auf der er 1982, 1986 und 1990 noch einer der Hauptdarsteller gewesen und zweimal ins Endspiel eingezogen war. Acht Jahre nach seiner Galavorstellung beim WM-Triumph in Mexiko blieb nur eine wehmütige Erinnerung an den Maradona von 1986.
Einen Tiefpunkt erlebte die Weltmeisterschaft durch den Mord an dem kolumbianischen Eigentorschützen Andres Escobar. Der Abwehrspieler hatte beim 1:2 gegen die Vereinigten Staaten zum 0:1 ins eigene Netz getroffen. Nach seiner Rückkehr in die Heimat wurde er erschossen.