03.04.2006 · Im fünften Teil der WM-Serie blickt FAZ.NET auf das Turnier 1954 in der Schweiz zurück. Während des Spiels gab es kein Wasser, vor dem Bankett kein Alkohol und gejubelt wurde zurückhaltend - Horst Eckels Erinnerungen an das „Das Wunder von Bern“.
Von Roland ZornJeden Montag und Freitag blickt FAZ.NET bis zum Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland in einer Serie auf die vergangenen Turniere zurück. Der fünfte Teil beschäftigt sich mit dem Turnier 1954 in der Schweiz, mit den Erinnerungen von Horst Eckel an die Stunden rund um das „Wunder von Bern“.
Ob Werktag oder Sonntag, jedes Jahr am 4. Juli telegraphierte Kapitän Fritz Walter an die Weltmeister: „Männer, denkt dran, heute ist unser Feiertag.“ Er ließ die Anrede, wie der damalige Hörfunkreporter Rudi Michel beschreibt, bewußt im Plural stehen. Für Walter eine Selbstverständlichkeit. Auf diese Weise vermittelte er jedem einzelnen das Gefühl der Zugehörigkeit und des Zusammenhalts.
Eckel - Eckpfeiler in der deutschen Elf
Der Kontakt blieb bestehen, besonders dann, wenn einer aus der verschworenen Gemeinschaft Schwierigkeiten hatte, privat, finanziell, gesundheitlich. Dann war auch Hilfe zu finden in der Sepp-Herberger-Stiftung, die bis heute unverschuldet in Not geratenen Nationalspielern zur Seite springt. „Wer oben ist, darf die unten nicht vergessen“. lautete das Motto des „Chefs“.
Horst Eckel, der Kaiserslauterer Jahrgang 1932, bestritt 32 Länderspiele, das erste 1952. „Windhund“ des Weltmeisters wurde er genannt; Techniker, Dribbler, Renner - und im Endspiel dann als rechter Läufer taktischer Eckpfeiler in der deutschen Elf, denn er störte entscheidend den ungarischen Spielaufbau.
Unaufgeregt wie Urlauber
Der Tag fängt grau an. Es ist 14 Grad kühl, und die Wolken über dem Thuner See verheißen auch den Gästen des Hotels „Belvedere“ in Spiez nicht das, was unter Sommerfrische zu verstehen ist. Doch die Delegation aus Deutschland, die hier seit drei Wochen im Namen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) logiert, ist nicht zum Vergnügen hier. Egal, welche Kapriolen das Wetter an diesem Sonntag, dem 4. Juli 1954, noch schlagen wird: Es wird sie nach draußen drängen, gen Bern, wo der englische Schiedsrichter Willy Ling um 16.50 Uhr im Wankdorfstadion das Endspiel um die Weltmeisterschaft anpfeift.
In einem der vom DFB gebuchten Zimmer wachen Hans Schäfer, der Kölner Linksaußen, und Horst Eckel, der Kaiserslauterer Außenläufer, auf. Beide werden am Nachmittag in jener Mannschaft stehen, deren Spieler vom frühen Sonntag abend an Helden sind. Bern ist noch weit, und Toni Turek, Jupp Posipal, Werner Kohlmeyer, Werner Liebrich, Karl Mai, Helmut Rahn, Max Morlock, Ottmar Walter, Fritz Walter, Hans Schäfer und Horst Eckel sitzen unaufgeregt wie Urlauber, die sich noch ein Bild von diesem diffusen Tag machen wollen, am Frühstückstisch. Eckel erinnert sich:
So überheblich, daß wir gesagt hätten, heute werden wir Weltmeister, waren wir nicht. Unsere Gefühlslage war ganz normal. Wir hatten Selbstvertrauen und wußten, daß wir gut aussehen konnten, wenn wir ein bißchen Glück hätten. Wenn wir viel Glück hätten und das Spiel ungefähr so gut liefe wie beim 6:1 im Halbfinale gegen Österreich, würden wir sogar die Chance haben, gegen die seit viereinhalb Jahren ungeschlagenen Ungarn Weltmeister zu werden.
Ein Schlüssel zum Sieg
Beim gemeinsamen Frühstück mit Bundestrainer Sepp Herberger und den Betreuern merkt Eckel, mit 22 der jüngste Spieler der deutschen Elf, nur seinem Kapitän Fritz Walter eine gewisse Nervosität an - wie immer vor großen Länderspielen. Eckels Kölner Zimmerkumpel Schäfer und der zu flotten Sprüchen neigende Essener Rechtsaußen Helmut Rahn lockern die ruhige Atmosphäre mit ein paar vorlauten Bemerkungen auf. Herberger dagegen sagt nichts, worauf die Mannschaft geschlossen hören müßte. Horst Eckel zum Beispiel, der nimmermüde Anschaffer im Mittelfeld, weiß längst, daß er es im Wankdorfstadion mit Nandor Hidegkuti zu tun haben wird.
Herberger hat mit uns alles am Tag vor dem Endspiel abgeklärt. Mir hat er gesagt, daß ich diesen Weltklassespieler, den Kopf der ungarischen Mannschaft, so gut wie möglich decken soll. Er war ein ganz gefährlicher Stürmer und Torschütze, der aus dem Mittelfeld heraus kam. Herberger hat ihn ein-, zweimal beobachtet. Und wenn Herberger einen Spieler ein- oder zweimal gesehen hat, konnte er ihn auch mit seinen Stärken und Schwächen genau schildern. Mir hat er gesagt, der Hidegkuti ist sieben oder acht Jahre älter, so daß ich ihm auf Dauer von der Kondition und der Wendigkeit her überlegen sein müßte. Eigentlich war der Mittelstürmer Hidegkuti eine hängende Spitze und dazu der Spielmacher der Ungarn so wie Fritz Walter bei uns. Das aber haben die anderen Trainer nicht erkannt. Nur Herberger hat darauf reagiert, indem er mich auf Hidegkuti und unseren Mittelläufer Werner Liebrich auf den ebenso brandgefährlichen Puskas abstellte. Damit waren die beiden wichtigsten Spieler der Ungarn zwar noch nicht ganz ausgeschaltet, aber doch eingeengt in ihren Entfaltungsmöglichkeiten. Das war vielleicht ein Schlüssel zum späteren Sieg.
Den Regen habe ich gar nicht gespürt
Beim Frühstück an diesem 4. Juli und danach, als ein Teil der Spieler entlang des Thuner Sees spazierengeht, ein anderer Teil sich lesend abzulenken versucht, werden keine taktischen und strategischen Fragen mehr erörtert. Der Stundenplan des 4. Juli erinnert an die Tage davor, da die deutsche Mannschaft spielend gefordert war. Um 13 Uhr wird zu Mittag gegessen, es folgt eine kurze Bettruhe - und dann geht's per Bus zum Stadion. Eckel sitzt wie immer in der dritten Reihe am Fenster - neben ihm der robuste Schäfer.
Bei der Busfahrt hat sich das Wetter eingetrübt, und es begann, zuerst leicht, während des Spiels wie aus Kübeln, zu regnen. Als wir gegen 15 Uhr am Stadion ankamen, waren noch nicht viele Zuschauer da. Wir sind sofort in unsere Kabine gegangen und haben uns danach hinter der Tribüne in einem abgeschirmten Bereich aufgewärmt. Den Rasen haben wir erst kurz vor dem Anpfiff betreten, die Ungarn, die sich auf einem Nebenplatz aufwärmten, erst dann gesehen. Für die Arena, in der wir zum ersten Mal bei der Weltmeisterschaft spielten, hatte ich keinen Blick; die Stadien waren doch irgendwie alle ähnlich. Kurz vor Spielbeginn hat uns Herberger noch einmal mit wenigen Worten gesagt, was jeder gegen die Ungarn zu tun habe. Ich hatte ein gutes Gefühl vor dem Finale, war voll austrainiert und konditionell auf der Höhe. Mir ging es sogar von Spiel zu Spiel und den damit gewonnenen Erfahrungen besser. Das Endspiel konnte kommen. Den Regen, der nun schon prasselte, habe ich gar nicht gespürt. Ich weiß aber noch, daß mir bei der Hymne ein Schauer über den Rücken lief, denn wir alle wußten: Wir sind die Elf, die für Deutschland spielt. Uns guckt eine ganze Nation, ja sogar die ganze Welt zu.
„Wir packen das noch“
Dann endlich, nachdem die Deutschen, um sich letztmals auf ihr größtes Abenteuer einzuschwören, einen Kreis gebildet haben, pfeift Ling ein Spiel an, das in die deutsche Geschichte eingehen wird. Schon nach sechs Minuten führen die favorisierten Ungarn 1:0. Liebrich spielt Hidegkuti den Ball in den Lauf, der paßt weiter zu Kocsis, und dessen Schuß prallt von Eckel ab zu Puskas. Der „Major“, wie er genannt wird, hat keinerlei Mühe, den Ball zum 1:0 ins lange Eck zu schießen. Zwei Minuten später müssen die Deutschen für ein paar Momente befürchten, daß sie wie bei der 3:8-Niederlage in der Vorrunde aufs neue zum Spielball der Ungarn werden. Kohlmeyers Rückgabe ist zu kurz, Turek wehrt den glitschigen Ball so ab, daß er Czibor vor die Füße rollt, der ihn nur noch ins leere Tor zu schieben braucht. 0:2 - auch der meist unbekümmerte Horst Eckel braucht etwas Zeit, um sich von diesem Schreck zu erholen.
Danach war die Moral für einen Augenblick nicht gut. Wir haben uns aber vom Torwart bis zum Linksaußen wieder Mut gemacht und uns gesagt: „Wir packen das noch.“ Nachdem der erste Schreck vorbei war, hat man unserer Körpersprache angemerkt, daß da niemand war, der den Kopf hängenließ. Und dann hat Max Morlock ja schon hundert Sekunden später eine von Zakarias abgefälschte Hereingabe Rahns ins ungarische Tor gespitzelt. Als dann noch Helmut Rahn in der 18. Minute aus kurzer Entfernung nach einer Ecke von Fritz Walter mit einem wuchtigen Schuß aus kurzer Entfernung das 2:2 erzielt hatte, haben wir gemerkt, daß an diesem Tag noch mehr gegen die Ungarn drin war. Die haben miteinander geschimpft und sind danach ganz unruhig geworden. Wir aber wurden nicht zu euphorisch, denn Herberger hatte uns immer wieder eingetrichtert, nie überheblich zu werden.
„Jetzt wollen wir Weltmeister werden“
Bei Halbzeit ist es nahezu still in der deutschen Kabine, nachdem Herberger einen aufflammenden Disput zwischen Kohlmeyer und Turek - wer war der Schuldige am 0:2? - unterbindet. Der „Chef“, wie sie den Bundestrainer nennen, sagt nur soviel: „Männer, es ist großartig, was ihr bisher geleistet habt. Gebt auch in der zweiten Halbzeit keinen Millimeter Boden preis. Spielt weiter so, dann kann kommen, was mag. Selbst wenn ihr jetzt verliert, wird euch niemand einen Vorwurf machen.“ Das Spiel geht weiter, und der junge Eckel sieht den Ungarn an, wie ihre Kräfte auf dem durch den Regen aufgeweichten, tiefen Boden nachlassen.
Sie waren nicht mehr so beweglich, ihre Pässe kamen nicht mehr wie gewohnt an. Und dann, es war die 84. Minute, hatte Rahn auch noch seinen Auftritt, den er mit dem 3:2, einem gewaltigen Flachschuß mit links, krönte. Diesen unvergeßlichen Augenblick aber konnten wir nur kurz genießen, dann hieß es für uns bei aller Begeisterung aufpassen, daß nicht noch was passiert. Wir mußten das Letzte aus uns rausholen, da auch die Ungarn zurückkamen und beinahe den Ausgleich geschossen hätten. „Komm, es sind noch ein paar Minuten“, so haben wir uns gegenseitig angefeuert, „jetzt wollen wir Weltmeister werden.“ Und dann hat Ling endlich nach einem Einwurf der Ungarn abgepfiffen. Wir waren nur noch glücklich, durften aber, so hat es uns der Pädagoge Herberger beigebracht, nicht überschwenglich feiern. Als Deutsche sollten wir, der Zweite Weltkrieg war erst neun Jahre vorbei, nicht übermäßig jubeln, zumal die ganze Welt auf uns schaute. Es mit der Begeisterung ein wenig zu übertreiben war aber sowieso nicht die Mentalität unserer Mannschaft. Wir waren gut erzogen und fast ein bißchen demütig. Unsere gute Kameradschaft und unsere Kondition hat uns zum Titelgewinn verholfen.
Für die Ungarn war der zweite Platz ein Albtraum
Die Spieler laufen zu den deutschen Fans, wo schwarzrotgoldene Fahnen geschwenkt werden. Der Regen hat aufgehört. Kurz darauf nimmt die Elf Aufstellung vor Jules Rimet, dem Ehrenpräsidenten des Internationalen Fußball-Verbandes. Der übergibt nach einer kurzen Ansprache Fritz Walter, dem Kapitän des Weltmeisters, den Jules-Rimet-Pokal. Der Kaiserslauterer bedankt sich mit einer Verneigung und unternimmt auch sonst nichts, was nach deutschem Triumphalismus aussehen könnte. Die Mannschaft erlaubt sich, ihren Trainer, der in seinem vom Regen aufgeweichten langen Trenchcoat wie eine trotzige Vaterfigur die Ikonographie der Gewinner abrundet, auf Schultern zu tragen. Der junge Eckel, der mit dem 1. FC Kaiserslautern schon zweimal deutscher Meister geworden war, sieht Tränen in den Augen so manchen Mitspielers und auch Tränen in den Augen einiger Ungarn.
Wir wußten in diesem Moment zwar, daß wir Weltmeister geworden waren, doch wir wußten nicht, was das für uns, aber auch für unser Land bedeutete. Die Ungarn, das sah ich ganz deutlich, waren am Boden zerstört. Hidegkuti hat mir im Vorübergehen die Hand geschüttelt. Man konnte sehen, was in ihm vorging. Wenn wir Vizeweltmeister geworden wären, es wäre ein Triumph gewesen; für die Ungarn aber war der zweite Platz ein Albtraum.
Ehrenrunde, Siegerehrung, ein letzter Gruß an die Zuschauer - es dauerte nur rund eine halbe Stunde, da saß die neue Weltmeistermannschaft wieder in der Kabine beisammen. Und es war fast so still wie vor dem Spiel und bei Halbzeit.
Herberger hat uns gern singen gehört
Der Chef hat sich kurz bei uns bedankt, es schauten ein paar Gäste und Freunde vorbei, doch Champagner, wie das heute üblich ist, wurde keineswegs getrunken. Statt dessen Wasser. Vor dem Bankett gab es keinen Tropfen Alkohol für uns, während des Spiels im übrigen auf Anweisung von Herberger, der damit im Einklang mit den Ratschlägen der Mediziner zu jener Zeit war, nicht mal einen Tropfen Wasser. Unter der Dusche haben wir dann schon mal ein Lied angestimmt, „Hoch auf dem gelben Wagen“. Herberger hat uns gern singen gehört. Manchmal hat er im Bus den Text vorgelesen, und wir haben ihn dann nachgesungen.
Auf der Rückfahrt vom Stadion zum Hotel sitzt Eckel wieder neben Hans Schäfer. Die Straßen auf dem Weg zum Hotel „Belvedere“ sind keineswegs gesäumt von siegestrunkenen Fans.
Es hatte ja kaum jemand ein großes Auto oder ein Motorrad. Am Hotel standen ein paar Menschen, die uns gratuliert und zugewinkt haben. Wenige Journalisten waren abends beim Bankett da, dazu vielleicht zwei Kameraleute. Überhaupt wurde ich nach dem Endspiel von niemandem interviewt. So erging es auch anderen in unserer Mannschaft. Eine Pressekonferenz gab es nicht. Wenn überhaupt, ist Herberger vor den Spielen und nach den Spielen auf die Presse zugegangen, aber ohne Spieler. Die drei Wochen in Spiez blieben wir nahezu ungestört unter uns, es war sehr angenehm. Beim Bankett nach dem Endspielsieg waren dann auch unsere Frauen dabei.
Man hat gemerkt, daß sich die Welt verändert hat
Dort haben der Fritz, Herberger und DFB-Präsident Dr. Peco Bauwens kurze Reden gehalten. Zu essen gab es endlich mal kein Hühnerfrikassee wie vor fast jedem Spiel. Gefeiert wurde nicht allzu lange. Gegen Mitternacht oder kurz danach lagen fast alle Spieler schon im Bett. Beim Bankett wurde auch die Prämie bekannt, die der Fritz für uns ausgehandelt hatte: 1.000 Mark für alle 22 Spieler und 200 Mark pro Einsatz. Da ich neben Fritz Walter alle Spiele mitgemacht hatte, kam ich am Ende auf 2.200 Mark. Das war damals viel Geld. Doch über Geld geredet haben wir nicht. Wer mit dem Thema vor Turnierbeginn gekommen wäre, hätte die Reise in die Schweiz wohl gar nicht mitgemacht. Ich behaupte heute, daß mit der Schweiz und uns zwei echte Amateurmannschaften bei der WM 1954 dabei waren.
Am Morgen nach dem denkwürdigen Finale machen sich Trainer, Mannschaft und Offizielle um sieben Uhr in der Frühe auf den Weg zu einem Sonderzug, der den neuen Weltmeister nach Deutschland zurückbringt. Erste Station auf deutschem Boden ist Singen, wo Massen das Team um Fritz Walter und Sepp Herberger empfangen. Jetzt weiß auch einer wie Horst Eckel, was am Abend zuvor in Bern tatsächlich passiert ist.
Egal, wo man auf der Fahrt nach München hinkam: Man hat gemerkt, daß sich die Welt verändert hat. Die Menschen haben ja nicht gesagt, die elf Spieler und Herberger sind Weltmeister geworden. Sie haben immer wieder gesagt, wir sind Weltmeister geworden. Leider wurde immer nur über die elf Leute gesprochen, die gegen die Ungarn auf dem Platz gestanden haben. Aber es gab ja noch elf andere. Spieler, die genauso ihren Anteil am großen Erfolg hatten und unheimlich viel dazu beigetragen haben, daß wir am 4. Juli 1954 den Weltmeistertitel gewonnen haben.