27.03.2006 · Italien verteidigte 1938 souverän seinen WM-Titel. Die „großdeutsche“ Mannschaft, in der acht Spieler aus dem annektierten Österreich standen, blamierte sich. Dritter Teil der FAZ.NET-WM-Serie.
Jeden Montag und Freitag blickt FAZ.NET bis zum Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland in einer Serie auf die vergangenen Turniere zurück. Der dritte Teil beschäftigt sich mit dem Turnier 1938 in Frankreich.
Nach dem unrühmlichen Titelgewinn vier Jahre zuvor polierte Italien bei der Fußball-WM in Frankreich 1938 sportlich gesehen seinen Ruf auf und gewann zum zweiten Mal den „Coupe Jules Rimet“.
Deutschland schlug dagegen ein düsteres Kapitel seiner Geschichte auf. Ein Vierteljahr nach der Annexion Österreichs durch Hitler blamierte sich Nerz-Nachfolger Sepp Herberger zudem mit der neu formierten deutschen Mannschaft, in der acht Spieler aus dem Nachbarland standen. Die erzwungene Fusion der erfolgreichen „Breslauer-Elf“ mit dem „Wiener Wunderteam“ wurde zum Flop auf der ganzen Linie.
Die Welt lachte über die „häßlichen Deutschen“
Zwei Jahre nach der Niederlage bei Olympia in Berlin gab es im Eröffnungsspiel im Pariser Prinzenpark für „Großdeutschland“ gegen die Schweiz ein 1:1 nach Verlängerung. Schon beim zweiten Duell kam im Achtelfinal- Wiederholungsspiel das Aus - die Welt lachte über das 2:4 der „häßlichen Deutschen“. Im Finale trafen Italien und Ungarn aufeinander. Die Magyaren hatten Niederländisch Indien (6:0), die von den beiden Deutschland-Spielen ausgelaugten Schweizer (2:0) und Schweden (5:1) besiegt. Italien, das nur noch Meazza und Ferrari aus dem 34er-Team aufgeboten hatte, setzte sich mit 2:1 Toren nach Verlängerung gegen Norwegen durch, besiegte Frankreich 3:1 und die Ballartisten aus Brasilien 2:1.
Haß gegen Italiener
Als die verhaßten Nazi-Deutschen ausgeschieden waren, entlud sich der ganze Widerwillen der Zuschauer am italienischen Team, das sich der Unterstützung von „Duce“ Mussolini „erfreute“. Beim Halbfinale in Marseille zwischen Italien und Brasilien ergoß sich eine unglaubliche Welle des Hasses der 35.000 Zuschauer über dem Titelverteidiger. Doch die Truppe von Erfolgstrainer Vittorio Pozzo blieb dank eines umstrittenen Strafstoßes 2:1 erfolgreich. Brasiliens Protest schmetterte der Weltverband ab, die Südamerikaner mußten die Heimreise antreten. Da nutzte es auch nichts, daß sie in Leonidas da Silva - den sie „Schwarze Perle“ tauften - den erfolgreichsten Torschützen (sieben Treffer) und überragenden Spieler des Turniers hatten.
Im Finale am 19. Juni wurden die Italiener von den 60.000 Zuschauern im Stade de Colombes reserviert bis ablehnend empfangen. Doch die von Pozzo glänzend vorbereiteten, in kein Schema gepreßten Azzurri begeisterten. Mit 4:2 schlugen sie Ungarn, weil sie einfach noch besser waren als die Fußball-Künstler des Gegners. Das erkannten am Ende auch die Zuschauer an. Und als der greise Staatspräsident Lebrun dem alten und neuen Weltmeister den „Coupe Jules Rimet“ überreichte, brausten Beifallstürme durchs Stadion, als hätte Frankreich den Titel geholt.