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WM-Serie: 1930 WM-Premiere in Winterpullovern

20.03.2006 ·  Bei der Uraufführung der Fußball-WM 1930 in Uruguay fehlte das Gros des europäischen Fußballs. Tolle Geschichten gab es dennoch: Das erste Tor fiel im Schneetreiben und wurde im Bordell gefeiert. Das letzte Tor schoß ein Einarmiger. FAZ.NET-Serie.

Von Christian Eichler
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Jeden Montag und Freitag blickt FAZ.NET bis zum Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland in einer Serie auf die vergangenen Turniere zurück. Die Zeitreise beginnt 1930 in Uruguay.

Gäbe es die Fußball-Weltmeisterschaft nicht, man müßte sie erfinden. Das dachte man schon vor 100 Jahren. Vor 76 Jahren tat man es dann endlich: 1930 in Uruguay. Man mußte sie einfach erfinden, schon wegen dieser tollen Überraschungen. Zum Beispiel: Ein erstes Tor, das im Schneetreiben fällt und im Bordell gefeiert wird. Ein letztes Tor, das ein Einarmiger schießt. Ein Spiel, das der Schiedsrichter nach 84 Minuten abpfeift. Ein Elfmeter, der mindestens ein Vierzehnmeter war. Ein Halbfinale, bei dem ein Betreuer protestierend auf den Platz rennt, seine Tasche fallen läßt, dabei ein Chloroformfläschchen zerbricht und in Ohnmacht fällt.

Und ein Finale, bei dem beide Mannschaften wie im Sandkasten verlangen, mit ihrem eigenen Ball zu spielen, bis der Schiedsrichter, der Knickerbocker und Krawatte trägt, die Streithähne beruhigt, indem er allen ihr Spielzeug gibt: der eine Ball wird in der ersten Hälfte benutzt, der andere in der zweiten.

1905 wollte noch keiner mitspielen

Die gute Nachricht: All das kann eine Fußball-WM bieten. Die schlechte: Die WM 2006 wird es wohl nicht schaffen. Man muß dafür bis zur Premiere vor 76 Jahren zurückgehen. Es hätten auch über hundert Jahre sein können. Denn schon beim zweiten Kongreß des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa), 1905 in Paris, schlug der Niederländer Carl Hirschmann ein Weltturnier vor. Man besorgte eine Trophäe, organisierte Spielstätten in der Schweiz, teilte die zwölf Teilnehmer ein - nur leider wollte dann von denen keiner teilnehmen. Man war der Geschichte noch ein paar Jahrzehnte voraus.

Ende der zwanziger Jahre aber war Fußball zum Weltereignis geworden. Die Fifa sah mit Argwohn, daß die olympischen Fußballturniere eine Art Ersatz-WM wurden. In Paris 1924 und Amsterdam 1928 hatten besonders die Uruguayer und Argentinier einen Zuschauerboom ausgelöst. So beschloß die Fifa 1928, endlich eine Weltmeisterschaft auszurichten. Aber wo? Deutschland, dem die Fifa gern die Ausrichtung übertragen hätte, hielt anders als die meisten Nachbarn am Amateurprinzip fest und bestand darauf, keine Partien gegen Profiteams zu bestreiten - also auch keine WM mit Profis auszurichten. Österreich, ein weiterer Favorit der Fifa, lehnte mangels geeigneter Spielstätte ab (der Bau des Praterstadions wurde erst 1929 genehmigt). Von den sechs verbleibenden Kandidaten sprangen Holländer und Schweden ab, als sie erfuhren, daß der Ausrichter Reise und Unterkunft der Teilnehmer übernehmen sollte. Gegen die verbliebenen Europäer Italien, Ungarn und Spanien setzte sich Uruguay durch, das zum hundertjährigen Staatsjubiläum ein gewaltiges Stadion baute.

15 Tage Anreise mit dem Schiff

Dann kam die Weltwirtschaftskrise, und keiner wollte nach Uruguay. Aus Europa jedenfalls lag bis zwei Monate vor dem Turnier keine einzige Meldung vor. Die Briten waren nicht in der Fifa, die Deutschen beharrten auf ihren Amateurregeln, andere begründeten Absagen mit der langen Reise und dem Problem, die Spieler monatelang von ihren Arbeitgebern loszueisen. Die aufgebrachten Südamerikaner drohten mit Austritt aus der Fifa. Der alarmierte Fußball-Präsident Jules Rimet schaffte es, wenigstens sein Heimatland Frankreich zu gewinnen, indem er bei den Peugeot-Werken die Freigabe für die Spieler von Sochaux und zweier anderer bei der Armee erreichte. Dann meldeten auch Belgien und Jugoslawien, und in Rumänien erwies sich als glückliche Fügung, daß König Carol II. Generalsekretär des Fußballverbandes gewesen war: Er befahl die Teilnahme.

Franzosen, Belgier und Rumänen schifften sich nach umständlichen Zugreisen auf demselben Schiff ein, der „Conte Verde“. Mit an Bord Jules Rimet und der kleine, goldene WM-Pokal, der später nach ihm benannt werden sollte. Unterwegs nahm man in Rio die Brasilianer auf. Nach 15 Tagen mit gelegentlicher Deckgymnastik kam Montevideo in Sicht - und damit die nächste Überraschung: Dort war Winter. Als erstes wurden Pullover gekauft.

Erstes WM-Tor im Schneeregen

So war das, als die WM laufen lernte. Der Peugeot-Automechaniker Lucien Laurent erzielte am 13. Juli 1930 im Schneeregen per Volleyschuß das erste Tor der WM-Geschichte. Die Mannschaft, deren Kapitän Alex Villaplane 14 Jahre später als Kollaborateur hingerichtet wurde, feierte ihren 4:1-Sieg gegen Mexiko in einem französischen Bordell in Montevideo. Noch mit über neunzig Jahren erinnerte sich Laurent, der vor wenigen Monaten mit 97 starb, an die kraftspendenden Details der Feier: „Es gab ein gigantisches Sauerkraut mit Speck und Würsten, dazu Champagner.“ Laurent hatte Glück, daß er sich mit den Kollegen Chantrel und Pinel gut verstand. Sonst stünde als erster WM-Torschütze vielleicht ein anderer in den Büchern. Die beiden erledigten die Presseberichte für die Heimat. In denen tauchte etwa der Mittelläufer Delmer nicht in den Spielberichten auf - weil sie ihn nicht leiden konnten. Mit gerade mal 19 Spielen war eine WM damals einem heutigen Confederations Cup vergleichbar. Nur daß noch keine Pressekonferenzen von Vorbereitungsturnieren live im Fernsehen liefen; sondern daß Spieler (jedenfalls solche, die lesen und schreiben konnten) die WM-Berichte selber verfaßten.

Abpfiff nach 84 Minuten

Damit weitgereiste Gäste nicht nach nur einer Partie schon draußen sein konnten, hatten die Uruguayer vom geplanten K.-o.-System abgesehen. Es gab vier Vorrundengruppen, aber weil nur 13 Teams da waren, fielen sie entsprechend übersichtlich aus. Von den Europäern qualifizierte sich nur Jugoslawien fürs Halbfinale. Die Franzosen verpaßten den Gruppensieg mit einem 0:1 gegen Argentinien - wobei der brasilianische Schiedsrichter das Spiel gleich nach dem Tor für den Favoriten abpfiff. Dabei waren erst 84 Minuten gespielt. Die Spieler mußten wieder aus der Kabine und die Zuschauer vom Platz geholt werden, um die Partie regulär zu beenden. Auch ein bolivianischer Schiedsrichter meinte es gut mit den Südamerikanern. Er verlegte einen Elfmeter gegen Argentinien nach raumgreifendem Nachmessen bis fast an die Strafraumgrenze - im neuerbauten Stadion war kein Elfmeterpunkt markiert. Der Mexikaner Rosas traf aber auch von dort.

Im Halbfinale kamen die Argentinier ohne höheren Beistand aus. Sie gewannen 6:1 gegen die Vereinigten Staaten. Der Ohnmacht seiner Elf schloß sich der Betreuer an, dem das Chloroformfläschchen kaputtging. Mit demselben Ergebnis besiegte Uruguay Jugoslawien (es war, wegen Ärgers mit den Kroaten, ein reines Serbenteam).

Einarmiger Spieler entscheidet Finale

Während das Endspiel vor rund 90.000 Zuschauern im Estadio Centenario das öffentliche Leben von Uruguay und Argentinien zum Stillstand brachte - es gab keine freien Boote mehr über den Rio de la Plata -, waren die europäischen Teams schon wieder auf der Schiffspassage in die Heimat, die von ihren Taten praktisch keine Notiz genommen hatte. In den meisten Ländern Europas erschienen von der WM nur dürre Ergebnismeldungen. Dabei waren die Uruguayer auch in Europa ein Begriff. Bei ihren olympischen Auftritten hatten sie eine neue Art von Fußball vorgeführt: Kombinationsspiel, Doppelpässe, Finten, Tricks.

Ihr großer Star war Jose Leandro Andrade, der im WM-Finale 1930 sein letztes großes Spiel bestritt. Bejubelt als erste „schwarze Perle“, war er nach den Olympischen Spielen 1924 monatelang in Paris geblieben und hatte sich als exotische Attraktion in den Show-Lokalen und Nachtklubs von Paris feiern lassen (später vergaß man ihn, er starb als Bettler mit 55 Jahren). Für die Entscheidung im Finale sorgte mit dem 4:2 in der 89. Minute ein anderer Spieler, der bestaunt wurde wie ein Weltwunder: Hector Castro hatte nach einem Unfall als Kind nur einen Arm.

Einen ausführlichen WM-Bericht veröffentlichte das deutsche Fachblatt „Kicker“ erst drei Wochen später. Noch lag eine Fußball-WM am entferntesten Rand des öffentlichen Interesses. Der Bericht hatte übrigens eine ebenso lange Schiffsreise hinter sich wie die Spieler. Der Autor John Langenus soll sich darin nicht sehr negativ über den Final-Schiedsrichter geäußert haben. Er war es nämlich selber.

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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