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WM-Pokal Als der Coupe Jules Rimet einem Hund zu Kopfe steigt

08.12.2005 ·  Er ist das Objekt der Begierde - der Fußball-WM-Pokal. Der erste verschwand kurz vor dem Turnier 1966 in England und wurde von einem Hund wiedergefunden. 1983 wurde die „Goldene Göttin“ in Brasilien gestohlen - und tauchte nie wieder auf.

Von Christian Eichler, Brüssel
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Die Krone des Fußballs liegt gut in der Hand. Früher tat sie das ungefähr in der Größe einer Pilsflasche. Danach eher wie ein schwerer Weißbierkelch, den passenderweise der Bayer Beckenbauer 1974 als erster heben durfte. Im Fußball wird nicht mit Champagner gespritzt wie in der Formel 1, hier ist man näher am Volk und dessen Getränken und sieht auch den praktischen Wert einer Trophäe.

Die Engländer, die sie 1966 erhielten, aus der weiß behandschuhten Hand ihrer Queen, nutzten sie in der Kabine als Gefäß für Bier. Viel paßt nicht hinein, es wurde oft nachgeschenkt. Dabei ist der Stoff, den der Weltpokal reichlich, ja unerschöpflich ausschenkt, kein kurz schäumendes, schnell schales Getränk; sondern ewig prickelnder Fußballruhm.

Erstklassigkeit im Material

Es ist eine eigenartige Fügung, daß Jules Rimet von Beginn an den Weltpokal als „Trophäe Nummer eins“ im Weltsport vor Augen hatte - daß er ihn aber vor der Debüt-Weltmeisterschaft 1930 als kleinen, schlichten Pokal in Auftrag gab. Der „Coupe Jules Rimet“, wie er später nach dem WM-Begründer genannt wurde, hieß zunächst nur „Coupe du Monde“, Weltpokal.

WM-Pokal: Als der Coupe Jules Rimet einem Hund zu Kopfe steigt

Er war dreißig Zentimeter hoch, vier Kilogramm schwer, davon 1,8 Kilo Gold, entworfen vom französischen Bildhauer Abel Lafleur nach dem Bild der Glücksgöttin Fortuna. Klein, aber fein: Der Fußball war noch kein gigantisches Geschäft, noch keine globale Geldmaschine. Doch er demonstrierte von Beginn an seine Erstklassigkeit im Material seiner wichtigsten Trophäe.

Verewigt im kollektiven Gedächtnis ganzer Nationen

Diese Schlichtheit, dieses Kleinformat machten den Pokal zum Glücksgriff. Der Coupe Jules Rimet überforderte seine Gewinner nicht. Man konnte ihn mit einer Hand packen und sich mit dem Rest von Körper und Geist der emotionalen Wucht des Augenblicks hingeben. Der Europapokal der Landesmeister dagegen, rund doppelt so groß, kann praktisch nur mit beiden Händen gehalten werden. Er erlaubt deshalb selten gute Fotos von Menschen mit Pokal in spontaner Geste - eher ist es ein bewußtes Hochstemmen für die Kameras.

Der Weltpokal aber, einhändig gehalten, hat viele unvergeßliche Bilder geschmückt, verewigt im kollektiven Gedächtnis ganzer Nationen. Dem der Engländer etwa: Bobby Moore auf den Schultern seiner Kameraden, 1966. Dem der Brasilianer: Pele mitten im mexikanischen Trubel, 1970. Dem der Deutschen: Fritz Walter auf den Schultern der Kollegen, im strömenden Regen von Bern, in der Rechten den kleinen Pokal; vor ihm, ebenfalls in getragener Rolle, Sepp Herberger.

Übergabe im dunklen Stadiongang

Oft wurde die Trophäe fast verstohlen überreicht. 1930 etwa beim Debüt in Montevideo, als Rimet im Trubel um den Heimsieg der Uruguayer keinen fand, dem er das kleine Goldstück überreichen sollte. Er gab es dann einfach nicht, wie eigentlich vorgesehen und seitdem üblich, dem Kapitän, Nasazzi, sondern dem nationalen Verbandspräsidenten Raul Jude. Oder 1950, als die Uruguayer 200.000 Brasilianer im Maracana von Rio mit ihrem 2:1 entsetzten und der vorsichtige Fifa-Präsident es für klüger hielt, Kapitän Varela den Pokal heimlich in einem dunklen Stadiongang zuzustecken.

Andere wiederum nutzten die Siegerehrung, um sich selbst in Szene zu setzen, allen voran Italiens Diktator Mussolini, der 1934 nicht nur dem eigenen, von den Schiedsrichtern skandalös bevorteilten Team den Coupe du Monde überreichte; sondern eigene Pokale auch dem unterlegenen Finalisten Tschechoslowakei und Deutschlands Kapitän Fritz Szepan für Platz drei gab.

Pokal vermutlich längst eingeschmolzen

1966 war die Aufregung groß, als die Trophäe vier Monate vor der WM bei einer Briefmarkenausstellung in London gestohlen wurde. Ein Hund namens Pickles buddelte sie beim Gassigehen in einem Vorgarten wieder aus. Dafür durfte der schwarz-weiße Promenadenmischling das WM-Eröffnungsspiel aus der Ehrenloge verfolgen. Möglicherweise stieg ihm der Ruhm jedoch zu Kopfe. Bald darauf kam Pickles ums Leben, als er sich auf Katzenjagd mit der eigenen Leine erdrosselte.

Trotz Pickles waren die Tage des Coupe Jules Rimet gezählt. Kurz vor Weihnachten 1983 verschwand er aus dem Büro des brasilianischen Verbandes, der den Weltpokal nach dem dritten WM-Sieg 1970 behalten durfte. Die Diebe fesselten den Hausmeister und nahmen die fast ungesicherte „Goldene Göttin“ einfach mit. Sie wurden zehn Jahre später, während der WM 1994, gefaßt. Der Pokal blieb verschwunden. Vermutlich wurde er eingeschmolzen, um den Goldwert zu versilbern.

Gewinner bekäme nur eine vergoldete Kopie

Beim Nachfolgemodell ist der Internationale Fußballverband vorsichtiger. Der Pokal, den er vor der WM 1974 beim Italiener Silvio Gazzaniga in Auftrag gab - mit 36 Zentimetern etwas größer, mit 4.970 Gramm 18karätigen Goldes schwerer, aber genauso handlich wie das Urmodell -, wird auch nach dem dritten Gewinn, den im nächsten Jahr Argentinien, Brasilien und Deutschland schaffen könnten, im Fifa-Tresor bleiben. Ein Dreifach-Gewinner bekäme nur eine vergoldete Kopie.

Das Stück ist natürlich immer noch begehrt, doch gewiß eher bei Torjägern als bei Tage- und anderen Dieben. Obwohl der Goldpreis sich in den letzten zwei Jahren nahezu verdoppelt hat, beträgt der Materialwert des Weltmeisterpokals kaum 50.000 Euro. Das ist deutlich weniger, als jeder einzelne der Spieler, die ihn am 9. Juli 2006 in den Himmel über Berlin halten werden, als Siegprämie bekommen wird.

Quelle: F.A.Z. vom 08. Dezember 2005
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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