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WM-Kommentar Zidane und die Zeugen

10.07.2006 ·  Was hat den größten Fußballer dieser Tage nur dazu getrieben? Diese Frage kann vielleicht nicht einmal Zidane beantworten. Und ob es die Einführung des Videobeweises durch die Hintertür war, weiß nur die Fifa. Von Michael Horeni.

Von Michael Horeni, Berlin
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Der Fall Zidane hinterläßt außer Traurigkeit auch viele Fragen. Zunächst einmal die unlösbare: Was hat den größten Fußballer dieser Tage dazu getrieben, zehn Minuten vor dem Ende seiner Karriere Marco Materazzi den kahlgeschorenen Kopf vor die Brust zu rammen?

Eine Provokation des Italieners? Enttäuschung darüber, daß sein Kopfball, der Frankreich und ihn ziemlich sicher zum zweiten Mal zu Weltmeistern gemacht hätte, zuvor sein Ziel nicht gefunden hatte? Das sind die beiden gängigsten Vermutungen, die nach dem Finale angestellt wurden, aber schon in dem Moment, in dem sie geäußert wurden, wußte die ratlose Fußballwelt um ihre Dürftigkeit. Es gibt kein Ereignis auf dem Fußballplatz, das eine solch irrationale Handlung verständlich machen kann. Um den WM-Titel beim Stand von 1:1 zu riskieren (und zu verlieren) und dazu eine grandiose Karriere mit einem unwürdigen Ende zu versehen, dazu reichen die Erfahrungen der Sportwelt nicht aus.

Eklatante Mängel trotz Regelungswahn

Die letzten Minuten seiner Laufbahn verbrachte Zidane in der Kabine wie in einem Gefängnis, selbst zur Siegerehrung wagte er sich nicht mehr hinaus. Das ist keine Sache mehr für Experten des Fußballs, sondern der Seele. Daß er nach dem Finale auch noch zum besten Spieler der WM gewählt wurde, vollendete das persönliche Drama des Zinedine Zidane.

Aber es gibt auch andere Fragen, die aus dem Fall Zidane erwachsen - und die sich sehr wohl beantworten lassen. Sie handeln vom Internationalen Fußball-Verband (Fifa), seinem Regelwerk und seiner Gerichtsbarkeit. Der Fifa mit ihrem Regelungswahn ist es in den vergangenen Wochen zwar gelungen, das Erscheinungsbild in den Städten nach ihrem Willen zu verändern. Aber auf ihrem ureigensten Territorium - dem Fußballplatz - hat sie es während der WM nicht geschafft, dringend benötigte Ordnungsprinzipien durchzusetzen. Das zeigte sich schon im Umgang mit dem Fall Frings, der eklatante Mängel im nachträglichen Verfahren aufwies, sowie im grundsätzlichen Vorgehen - viele andere kamen (wie Figo nach Kopfstoß) trotz evidenter Bilder ohne Strafe davon. Das nennt man Willkürherrschaft, im Reich Blatters Sportgerichtsbarkeit.

Der Schiedsrichter muß alles sehen dürfen

Der Fall Zidane ist komplizierter. Zunächst stellt sich die Frage, woher die Schiedsrichter ihr Wissen über den Vorfall bezogen. Der Unparteiische hat den Kopfstoß nicht bemerkt. Trainer Lippi behauptet, der Videobeweis (der den Regeln nach erst nach einem Spiel benutzt werden darf) sei angewendet worden. Der vierte Schiedsrichter am Spielfeldrand bestreitet dies. Tatsache ist: Erst nach Protesten italienischer Spieler wurde Zidane nach mehreren Minuten vom Platz gestellt. Der Protest ist verständlich - Strafen für andere Spieler zu fordern stellt aber gleichwohl eine Unsportlichkeit dar. Aber was wäre gewesen, wenn Frankreich Weltmeister geworden wäre, mit einem Elfmeter Zidanes?

Es ist (oder wäre) aus Gerechtigkeitsgründen daher vollkommen richtig, vom vierten Schiedsrichter sein womöglich durch die Zeitlupe erworbenes Wissen weiterzugeben - auch wenn das in den Regeln angesichts des Primats der Tatsachenentscheidung nicht vorgesehen ist. Ein klassisches Dilemma. Aber bei einer WM, unter den Blicken von Milliarden Fernsehzuschauern, stößt das Dogma der Tatsachenentscheidung an Grenzen. Was die ganze Welt sehen kann, müssen auch die Schiedsrichter sehen dürfen.

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