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Torsten Frings Der Chefsekretär ist angekommen

28.06.2006 ·  Zwei Männer, ein Job: Kapitän Michael Ballack und sein erster Adjutant Torsten Frings müssen im WM- Viertelfinale eine Schlüsselaufgabe lösen. Das ungleiche Duo soll den argentinischen Spielmacher Riquelme aufhalten.

Von Michael Ashelm, Berlin
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Torsten Frings redet nicht viel - und wenn, dann spricht er Klartext. "Endlich hat das Gelaber aufgehört von der schlechten Mannschaft." Wenn der 29 Jahre alte Bremer wie bei dieser Weltmeisterschaft gezwungen ist, sich von Zeit zu Zeit der Öffentlichkeit zu offenbaren, vermittelt er sehr gerne und meistens sehr schnell den Eindruck, diesem Teil des Jobs nur widerwillig Folge zu leisten. Am liebsten würde Frings gar keine Erklärungen abgeben, sondern einfach nur trainieren, spielen, ruhen und sich auf die nächste sportliche Aufgabe vorbereiten.

"Jeder interessiert sich, was wir tun bei dieser WM - und genau das stört mich", sagt er. Gar nicht auszudenken, würde es schlecht laufen für die deutsche Mannschaft. Dann hätte der Mittelfeldspieler wohl überhaupt keine Lust, etwas preiszugeben von der Gemengelage, vom Stand der Vorbereitungen für den Showdown gegen die argentinische Fußballmacht. Aber es läuft, wie wir wissen, und deshalb ist neben dem üblichen Widerwillen auch etwas Genugtuung zu spüren bei ihm in diesen Tagen.

„Sicher eine wichtige Position“

Frings kann zufrieden registrieren, wie die Bedeutung seiner Spielposition stetig gewachsen ist über die vier WM-Spiele, daß der Anteil seiner Interpretation des defensiven Mittelfeldspielers am Gesamterfolg der Elf gestiegen ist in diesem Turnier. Eigenlob kommt ihm schwer über die Lippen, derzeit aber schon mal, wenn er nebenbei fallenläßt, daß er "sicher eine wichtige Position" bekleide.

Würde man den Fußballplatz für einen Moment zum Vorstandsbüro umfunktionieren, Frings wäre in der Rolle des Chefsekretärs. Ein wichtiger Mitarbeiter in der Schaltzentrale der Macht, der seinem Boss, Michael Ballack, zuarbeitet, ihm den Rücken für die großen unternehmerischen Würfe freihält und andererseits die restlichen Mitarbeiter zur Tatkraft animiert oder auch mal antreibt. Frings kontrolliert, reguliert, blickt mit seiner Erfahrung über die einzelnen Arbeitsschritte hinweg und bringt seinem Chef nicht nur den Kaffee vorbei.

Die Zusammenarbeit mit Ballack hat sich auf eine Weise entwickelt, die auf dem Platz als partnerschaftlich bezeichnet werden kann. Frings geht auf den Kapitän der Deutschen ein, aber er führt ihn auch, wenn es in brenzligen Situationen - meist in Erwartung der gegnerischen Angriffswelle - nötig wird. "Da ich das Spiel vor mir habe, kann ich auf meine Vorderleute einwirken, ihnen helfen und sie dirigieren. Das gilt natürlich auch für Michael Ballack. Wir sprechen während des Spiels sehr viel miteinander und unterstützen uns gegenseitig, um Stellungsfehler vermeiden zu können", sagt der Bremer.

Kein Verhinderer

Die Entwicklung des modernen Fußballs hat dazu geführt, daß der mit defensiven Aufgaben im Mittelfeld betraute Spieler auf höchstem internationalem Niveau nicht mehr nur ein drahtiger Abräumer oder Verhinderer vor der Abwehrkette sein darf. Freunde geschmeidiger Spielkultur in Deutschland erinnern sich da mit Magengrummeln an Profis wie Dieter Eilts, Carsten Ramelow oder Jens Jeremies, welche genau diesen eher auf Spielzerstörung gepolten Typus auch in der Nationalmannschaft verkörperten. Alles zu seiner Zeit. Gefragt ist heute an der zentralen Schnittstelle zwischen Abwehr und Angriff neben den defensiven Qualitäten ein konstruktives, schnelles Offensivspiel, gespickt mit überraschenden Einfällen und einer gewissen Torgefährlichkeit aus der zweiten Reihe.

Frings ist auf dieser Position eine ungelernte Kraft. In seinem Verein in Bremen treibt er das Spiel auf der rechten Mittelfeldseite an - doch der Job in der Nationalmannschaft funktioniert. Vielleicht liegt es daran, daß er vom Abwehrspieler bis zum Stürmer in seiner Karriere schon alles gespielt hat. "Jetzt bin ich in der Mitte angekommen", sagt er und spricht sogar von seiner "Lieblingsposition", auf der er seine Fähigkeiten am besten einbringen könnte. "Ich bin lauf- und zweikampfstark, verfüge über eine gute Übersicht und Technik. In dieser Rolle kann man sowohl nach vorn als auch nach hinten alles tun." Gegen Argentinien werden sich die Wege von Frings wohl öfters mit denen von Juan Roman Riquelme kreuzen, der eine gewichtige Rolle in der Kreativabteilung des kommenden Gegners spielt. "Natürlich, so ist es", sagt der deutsche Nationalspieler.

Lauf- und zweikampfstark

Doch er warnt gleichzeitig, es dürfe nicht der Fehler gemacht werden, alles an diesem Spieler festzumachen. Hält sich Frings an seine Aufgaben und vertritt zusammen mit Ballack im Mittelfeld einen vorsichtigen Offensivkurs wie in den vergangenen drei WM-Spielen, die allesamt ohne Gegentor endeten, dürfte sich die Erfolgschance gegen die Argentinier erhöhen. "Torsten hat auf seiner Position eine große Verantwortung, er ist da führend", sagt Ballack. Neben dem Lob steckt in diesem Satz eine klare Aufforderung, in jeder Minute des Spiels die taktischen Absprachen umzusetzen. Auch Frings ist wohl noch die Szene aus der 65. Minute im Achtelfinale gegen Schweden in Erinnerung, als ihm Torwart Jens Lehmann entgegengelaufen kam und ihn anbrüllte, weil er im intuitiven Vorwärtsstreben plötzlich seine Position preisgegeben hatte.

Solche Leichtfertigkeiten sollen nicht mehr passieren. Frings ist sich im Lauf der Turniertage wohl immer mehr über die Bedeutung seiner Position im klaren geworden. Vielleicht ist sie sogar eine der strategisch wichtigsten im modernen Powerfußball, womit er eine deutliche Aufwertung seiner meist unspektakulären Tätigkeit erführe. Aber wie denkt er selbst darüber? Natürlich, bei aller Bauchpinselei: "Das ist mir wurscht."

Quelle: F.A.Z., 28.06.2006, Nr. 147 / Seite 34
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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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