17.05.2006 · Erst beim FC Barcelona findet das Genie Ronaldinho den Raum zur freien Entfaltung. Gegen Jens Lehmann und Arsenal London will der brasilianische Nationalspieler sich mit dem Triumph im Champions League-Finale „einen Traum erfüllen“.
Von Peter Heß, ParisRonaldinho hat sein berühmtes Lächeln auch 30 Stunden vor dem Anpfiff des Champions-League-Finales nicht verloren. Sein Mund verzieht sich zu erstaunlicher Breite, die geöffneten Lippen entblößen das Zahnfleisch. Die Augen treten hervor und strahlen dabei eine unglaubliche Wärme aus. Der beste Fußballspieler der Welt sagt von sich selbst: "Ich bin häßlich, aber eine sympathische Erscheinung."
Dieser Mann muß im reinen mit sich und dem Leben sein. Nicht nur dieser entwaffnend ehrliche, selbstironische Satz läßt es vermuten: In 30 Stunden wird der brasilianische Nationalspieler den FC Barcelona im Pariser Stade de France gegen den FC Arsenal London aufs Feld führen, um die wichtigste Trophäe im europäischen Vereinsfußball zu gewinnen. Und kein Anzeichen von Nervosität, Anspannung oder Druck zeichnet sich im Gesicht des Mittelfeldspielers ab.
„Andere durch mein Spiel glücklich machen“
Dabei gilt Barcelona nach einer herausragenden spanischen Meisterschaft und atemraubenden Erfolgen in der Champions League als der große Favorit gegen Arsenal, das sich im Umbruch befindet. Der Brasilianer läßt sich von Prognosen und Gewinnchancen nicht ablenken: "Ich bin bereit, mir meinen Traum zu erfüllen", sagt der Weltfußballer der Jahre 2004 und 2005. "Nur wenige Spieler bekommen die Chance, in einem Endspiel der Champions League zu stehen, ich freue mich auf diese Erfahrung." Was anderen Profisportlern von Sportpsychologen eingeflüstert werden muß, kommt Ronaldinho ganz natürlich in den Sinn: "Es gibt keinen Druck, es gibt nur Gelegenheiten, sich zu präsentieren."
Anderen zu gefallen - der Brasilianer hat keine Mühe zuzugeben, daß dies seine große Antriebsfeder ist. "Ich weiß, meine Rolle ist es, andere durch mein Spiel glücklich zu machen. Ich wollte schon als Junge von anderen erkannt werden: Das ist der Kerl, der gut Fußball spielt." Heute, mit 26, kennt ihn die ganze Welt. Niemand verdient so viel Geld mit dem Fußball wie er. 15 Millionen Euro soll sein Jahresgehalt beim FC Barcelona betragen, dazu kommen Sponsorenverträge in einer geschätzten Höhe von acht Millionen Euro. Im vergangenen Herbst haben die Spanier den Vertrag mit ihrem wichtigsten Spieler vorzeitig bis 2010 verlängert. Darin ist eine Ablösesumme festgeschrieben, für die Ronaldinho wechseln kann - 155 Millionen Euro. Diese Summe hat man sich wohl für Chelseas reichen Präsidenten Abramowitsch ausgedacht. Realistisch taxieren Experten den Marktwert des Brasilianers auf 70 Millionen Euro.
„Hier bist du richtig“
Was macht diesen Fußballstar so wertvoll? Es ist die perfekte Mischung. Ronaldinho ist Akrobat und Athlet, Vorbereiter und Torjäger, Individualist und Mannschaftsspieler, Talent und Fleißarbeiter, Kopf und Herz in einem. So wie es Zinedine Zidane in seinen besten Tagen war. Nur hat der Brasilianer noch einen Bonus gegenüber dem introvertierten, manchmal (selbst-)zweiflerischen Franzosen: Seine positive, unbekümmerte Art. "Ich wollte schon als Kind immer alles gewinnen. Aber ich konnte dabei immer lächeln." Weil Ronaldinho seine Freiheiten niemals zu eigenbrötlerischen Aktionen ausnutzt, sondern in jedem Moment seiner Alleingänge an den Effekt für die Mannschaft denkt, räumen ihm seine Trainer bereitwillig volle Entfaltungsmöglichkeit ein.
Carlos Alberto Parreira in der brasilianischen Nationalmannschaft und Frank Rijkaard beim FC Barcelona weisen ihm keinen festen Arbeitsplatz auf dem Spielfeld an. "Wenn er den Ball am Fuß hat, darf er überall auftauchen", sagt Parreira. Und bei Rijkaard schätzt Ronaldinho, daß "er mich auf dem ganzen Spielfeld herumstromern läßt, auf der Suche nach dem passenden Ball". Das Vertrauen seiner Trainer und seiner Mitspieler mache ihn noch stärker, meint der Brasilianer. Als er zwischen 2001 und 2003 für den Paris St. Germain spielte, stand der Mittelfeldspieler in ständigem Hader mit Trainer Luis Fernandez. Der ehemalige französische Nationalspieler forderte mehr Disziplin von ihm. Ronaldinho paßte sich an, spielte gut, aber nicht so brillant, wie er gekonnt hätte. "Als ich in Barcelona ankam, spürte ich schon bevor ich das erste Mal das Trikot überstreifte: Hier bist du richtig."
Ein fleißiges Genie
Ronaldinho lebt am Stadtrand auf einem großen Grundstück mit Freunden und Familie. Sein älterer Bruder, früher Profi beim FC Sion, managt ihn, seine Schwester regelt seine Termine. Oft kommt seine Mutter aus Porto Alegre zu Besuch. "Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, woanders zu leben." In Barcelona hören sie so etwas gerne. Ronaldinho ist die Seele ihres Spiels. Und er soll es noch lange bleiben. Das Gefühl von Ausgebranntheit oder Lustlosigkeit bei der Arbeit kennt der Brasilianer nicht. Er hat sich seine kindliche Freude am Spiel bewahrt. "Ich habe als Kind den Fußball mit ins Bett genommen. Nach dem Aufstehen spielte ich mit meinen Freunden, und als sie müde waren, habe ich mit meinem Hund weiter Fußball gespielt. Noch heute sind die glücklichsten Momente des Tages, wenn ich im Training den Ball am Fuß habe."
Stundenlang übt er seine Tricks und Kunststückchen, bis sie perfekt sitzen. "Es geht nur über konzentriertes Wiederholen", sagt er. Ein fleißiges Genie, getrieben von der Liebe zum Fußball und der Sehnsucht nach Anerkennung: Es ist Ronaldinho, der den FC Barcelona zum Favoriten auf den Gewinn der Champions League macht.
Daten zum Finale:
FC Arsenal London - FC Barcelona
Arsenal: Lehmann - Eboue, Toure, Campbell, Cole - Hleb, Fabregas, Silva, Pires - Reyes, Henry.
Barcelona: Valdes - Belletti (Oleguer), Puyol, Marquez, van Bronckhorst - Edmilson, Deco, Iniesta (van Bommel) - Ronaldinho, Giuly, Eto'o.
Schiedsrichter: Terje Hauge (Norwegen).
Fernsehen: live in Sat.1 (Anstoß im Pariser Stade de France um 20.45 Uhr).
Der Weg ins Finale:
FC Arsenal: Vorrunde, Gruppe B: FC Thun 2:1/1:0, Ajax Amsterdam 2:1/0:0, Sparta Prag 2:0/3:0. - Achtelfinale: Real Madrid 1:0/0:0. - Viertelfinale: Juventus Turin 2:0/0:0. - Halbfinale: FC Villarreal 1:0/0:0.
FC Barcelona: Vorrunde, Gruppe C: Werder Bremen 2:0/3:1, Udinese Calcio 4:1/2:0, Panathinaikos Athen 0:0/5:0. - Achtelfinale: FC Chelsea 2:1/1:1. - Viertelfinale: Benfica Lissabon 0:0/2:0. - Halbfinale: AC Mailand 1:0/0:0.
Genie
Manfred Etzemüller (daniellewilli)
- 17.05.2006, 15:08 Uhr