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Porträt Alter Miro, neuer Klose

26.06.2006 ·  Brav war gestern: Der Angreifer Miroslav Klose ist selbstbewußt und begehrt wie nie. „Er ist ein absoluter Führungsspieler“, sagte Bundestrainer Klinsmann nach dem Sieg gegen Schweden. „Nicht umsonst läuft ganz Europa hinter ihm her.“

Von Michael Ashelm
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In Bremen wird diese Weltmeisterschaft ganz genau beobachtet. Beruhigt erzählt man sich dort, daß einer von ihnen gerade ein schönes neues Domizil an der Weser bezogen habe, also nicht damit zu rechnen sei, daß er die Stadt verlasse.

Weil durch jedes Spiel und jedes Tor die Begehrlichkeiten an Deutschlands bestem Nationalstürmer gewachsen sind und es schwieriger wird, Miroslav Klose gegen die Macht des Großkapitals aus dem reicheren Fußball-Ausland zu verteidigen, sorgen solche profanen Geschichtchen bei den besorgten Beobachtern wenigstens für ein bißchen Sicherheit. „Miro weiß, was er an uns hat. Wir haben keine Pläne, ihn zu verkaufen“, sagt Klaus Allofs, Manager von Werder Bremen, Kloses derzeitiger Klub. Kein Wunder, angesichts der großartigen WM-Leistungen von Klose, auch im Achtelfinale gegen Schweden - er bereitete das 1:0 und das 2:0 vor.

In der Tradition von Seeler, Müller oder Völler

Durch seine Torserie bei diesem Weltturnier und sein gewaltiges Selbstbewußtsein gehört der deutsche Nationalspieler Klose zu den Fußballprofis, deren Namen jetzt auf dem Markt kursieren. Er ist, unabhängig vom Abschneiden der deutschen Mannschaft, einer der Gewinner dieser WM. „Er ist ein absoluter Führungsspieler“, sagte Bundestrainer Klinsmann nach dem Sieg gegen Schweden. „Nicht umsonst läuft ganz Europa hinter ihm her.“

Klose selbst sagt dazu nur: „Ich habe viele Zukunftspläne.“ Es ist nicht davon auszugehen, daß er mit dieser Aussage die Spekulationen um neue Arbeitgeber forcieren will. In diesem sprunghaften Gewerbe gehört Klose zu den geerdeten Vertretern, die für die Entwicklung ihrer Hochleistung eine gesunde, vertrauensvolle Basis benötigen. Als der Bundestrainer zum Ende der vergangenen Woche den Nationalspielern einen arbeitsfreien Tag schenkte, reiste der Stürmer zu seinen Eltern in die Pfalz, wo sich derzeit auch seine Ehefrau mit den Zwillingen aufhält, und entspannte in dörflicher Langsamkeit.

Erst spät vom Dorfverein ins Profigeschäft

In Kloses Fokus stand immer, diese WM zum letzten sportlichen Schritt zu nutzen. Er wolle zum Weltklassestürmer aufsteigen, sagte er. Seine zielstrebige Stoßkraft regt die Diskussion an, ob Fußball-Deutschland wieder über einen echten „Bomber der Nation“ verfügt. In der Tradition von Seeler, Müller oder Völler. Vielleicht darf Klose sogar schon zur Weltspitze gezählt werden. Was den einen oder anderen noch an diesem Urteil hindert, ist der Mangel an Toren, die einer Mannschaft zu einem wichtigen Triumph verhelfen. „Ihm fehlen noch die Titel“, sagt Manager Allofs, früher selbst ein Angreifer von internationalem Standard.

Auf dem Weg zur WM war keineswegs sicher, daß Klose mit dieser Dominanz aufspielen würde. Zwar schnappte er sich in diesem Jahr trotz schwerer Verletzungen den Titel des Bundesliga-Torschützenkönigs mit einer imponierenden Bilanz von 25 Treffern in 26 Spielen. Doch schwangen immer noch Zweifel mit, ob er auf höchstem Niveau über ausreichend Durchsetzungskraft verfügt. Bei der WM vor vier Jahren konnte er den fünf zur Sensation stilisierten Toren in der Gruppenphase kein einziges mehr in der K.o.-Runde folgen lassen.

Klose, der Leistungsfanatiker

Es gab Meinungen, dem heute 28 Jahre alten gebürtigen Polen fehlten grundlegende Fertigkeiten, weil er erst spät von einem Pfälzer Dorfverein ins Profigeschäft gefunden hat. Doch Klose hat sich verändert - und die Urteile über ihn haben sich auch gewandelt. „Miro muß sich hinter keinem Adriano, Ibrahimovic, Cristiano Ronaldo oder Drogba verstecken“, schrieb der Hamburger Trainer Thomas Doll im „Kicker“. Genauso sieht es Allofs, der noch ein paar andere Namen wie Schewtschenko, Crespo und Henry ins Spiel bringt.

Kein anderer der arrivierten Nationalspieler hat in der Periode von vier Jahren zwischen den Weltmeisterschaften so einen Leistungssprung gemacht. Die Steigerung mag darin begründet liegen, daß Klose als Spätstarter über viel unausgeschöpftes Potential verfügte. Doch ohne Willen zur Veränderung bleibt das größte Talent unterentwickelt. Statt sich mit seiner neuen hervorgehobenen Position in der Liga zufriedenzugeben, arbeitete Klose an seinem Fortkommen: Extratraining für seinen ehemals schwächeren rechten Fuß, Fitnessprogramme, genaue Beobachtung seiner Gegenspieler.

Der Vertrag mit Bremen läuft bis 2008

Klose, der Leistungsfanatiker - und nicht mehr der schüchterne, dankbare Hänfling mit dem treuen Blick. „Wer mich kennt, weiß, daß ich nicht am Ziel bin“, sagte er dieser Tage. Er brachte sich bei, Verantwortung innerhalb des Mannschaftskreises zu übernehmen, Mitspieler anzuleiten, wie seinen Sturmpartner Lukas Podolski, und Forderungen zu stellen. Er lädt nicht mehr die Schuld auf sich wie zu Beginn seiner Bremer Zeit, wenn irgend etwas auf dem Platz nicht funktioniert. „Das war teilweise übertrieben“, erinnert sich Allofs.

Miroslav Klose spürt, daß er seine Karriere in andere Sphären gebracht hat, wozu etwas Egoismus nötig ist. Ob sein hart erarbeitetes Selbstbewußtsein dazu führt, daß er Deutschland direkt nach dieser Weltmeisterschaft verläßt, um die letzte Herausforderung seiner Laufbahn anzugehen, darf bezweifelt werden. Der Vertrag mit Bremen läuft bis 2008, wohl eher entscheidet sich Klose für den Mittelweg - und für einen Abschied im nächsten Jahr. Es paßte zu seiner Art.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.06.2006, Nr. 25 / Seite 16
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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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