15.06.2006 · Kaum einer verstand, warum Klinsmann Oliver Neuville nominierte. Doch der unterschätzte Oldie zeigte es allen und schoß Deutschland ins Achtelfinale. Und ist schon am nächsten Tag wieder so schüchtern, unaufgeregt und konzentriert wie immer.
Von Michael Ashelm, DortmundAm liebsten hätte er gar nichts mehr gesagt. Als Oliver Neuville am nächsten Tag live im deutschen Fernsehen von seinem glorreichen Dortmunder Auftritt erzählen sollte, winkte er ab. Statt auf dem großen Podium im Berliner Kongreßzentrum Platz zu nehmen, wo der Deutsche Fußball-Bund derzeit Tag für Tag seine Pressekonferenzen abhält, die das Fernsehen im ganzen Land ausstrahlt, wählte Neuville einen der vielen kleineren Hinterräume, um die Fragen in entspannter Runde zu beantworten. „Ich habe gut geschlafen.“ Wer gedacht hätte, daß den Last-Minute-Torschützen die bewegenden Schlußmomente gegen Polen gedanklich noch weit in die Nacht begleitet hätten, der sah sich getäuscht. Erstens erzählt Neuville keine großen Geschichten.
Zweitens sieht er eben die Aufgabe eines Stürmers im Torschießen, weshalb ein Erfolg für ihn eine Art Normalzustand darstellt. Also: Nach dem Tor ist vor dem Tor. Neuville begegnet allen Versuchen, ihn in heldenhaftes Scheinwerferlicht zu tauchen, mit großer Zurückhaltung. „Ich warte auf meine nächste Chance. Ich bin bereit“, sagt er.
Der unterschätzte Oldie
Unter den vielen „Alpha-Tieren“ des Fußballgeschäfts würde der mit 33 Jahren älteste deutsche Feldspieler im Kader von Bundestrainer Jürgen Klinsmann überhaupt nicht auffallen, wenn er nicht von Zeit zu Zeit auf dem Platz einen echten Treffer landen würde. Neuvilles Tore haben öfter eine größere Bedeutung, sie kommen überraschend und meist dann, wenn niemand mehr mit ihnen rechnet.
Auf Zuspiel von David Odonkor stieß er den Ball am Mittwoch in der Nachspielzeit gegen Polen zum 1:0 über die Linie. Im letzten Moment, mit einem weiten Ausholschritt. Im letzten WM-Vorbereitungsspiel vor Nominierungsschluß des Kaders waren ihm im März an gleicher Stelle in Dortmund ein Tor und eine Vorlage gegen die Vereinigten Staaten gelungen, weshalb sich der Bundestrainer wohl bestärkt sah, den Oldie doch mitzunehmen.
Als Neuville unter Teamchef Rudi Völler bei der WM vor vier Jahren überraschenderweise um einen Stammplatz kämpfen mußte, antwortete er im Viertelfinale mit einem ebenso späten Entscheidungstreffer gegen Paraguay, der die deutsche Elf ins Viertelfinale beförderte. Statt deutlich Ansprüche zu stellen, lächelt der Angreifer lieber schüchtern und fördert sein Image, welches ihn schon sehr weit gebracht hat. „Ich glaube, ich werde oft unterschätzt“, sagt Neuville.
Kein Profit auf Kosten anderer
Daß er nach 2002 in Japan und Südkorea, wo Neuville am Ende an sechs von sieben Spielen teilnahm, noch einmal zu einer Weltmeisterschaft kommen würde, damit hätten wohl wenige Fachleute gerechnet. Der Angreifer von Borussia Mönchengladbach schon, wie er stets bekräftigt hat. Unterbewußt resultierte wohl sein Wechsel vor zwei Jahren von Bayer Leverkusen zu Gladbach aus dieser Erkenntnis, lange nicht zur Ausschußware der Bundesliga zu gehören.
Wer einen solch wichtigen Treffer wie am Mittwoch gegen Polen erzielt, der erinnert sich natürlich gerne an die Worte, mit denen er vom einstigen Arbeitgeber damals nach fünf Jahren tadellosem Engagement verabschiedet wurde. „In Leverkusen haben sie mir gesagt, daß meine Zeit vorbei sei“, sagt Neuville. „Ich wäre nicht mehr schnell genug. Aber ich fühle mich noch jung.“
Wegen seiner Schnelligkeit und der Fähigkeit als Ergänzung zu einem zentralen Stürmer wie Miroslav Klose, die Pässe in die Tiefe des Raumes anzunehmen und weiterzuverarbeiten, hat der Bundestrainer Neuville zur Weltmeisterschaft mitgenommen. Zudem paßt Neuville in das Klinsmann'sche Verhaltensschema eines Mannschaftsspielers, der sich nicht auf Kosten der Gruppe profilieren will.
Basisarbeit auf dem Platz
Auch nach seinem Treffer gegen Polen und einer mäßigen Partie seines jungen Angriffskollegen Lukas Podolski würde er sich nie motiviert sehen, Stimmung zu machen gegen ein Mitglied der Mannschaft. Im Gegenteil. Neuville ordnet sich zu hundert Prozent unter. Podolski habe zwar keine Tore gemacht, doch der Kölner sei ja zu Möglichkeiten gekommen, sagt er.
Er glaube, daß weiterhin Klose und Podolski beim Bundestrainer gesetzt seien für den deutschen Doppelsturm. So bleibt ihm bislang nur die Aufgabe, sporadische Aushilfsdienste in der Nationalmannschaft zu leisten. „Ich konzentriere mich von der ersten Minute an auf der Bank auf meinen Einsatz“, sagt Neuville. Daß er mehr erwartet von seiner Teilnahme an diesem Weltturnier, würde er nie offensiv formulieren. Neuville spricht ruhig und denkt leise.
Im WM-Finale von 2002 gegen Brasilien sprang einer seiner Bälle gegen den Außenpfosten des späteren Weltmeisters. Ob er womöglich auf eine Revanchemöglichkeit hoffe in diesen Wochen, wurde er am Donnerstag gefragt, worauf der Stürmer etwas nuschelte, was nur schwer zu verstehen war. Ein Tor gegen den amtierenden Weltmeister wäre natürlich der ultimative Kick und für Neuville vielleicht ein Grund, überschwenglich mehr von sich preiszugeben. Doch Fußball ist für den stillen Angreifer erst einmal nur Fußball - nämlich Basisarbeit auf dem Platz ohne Gefühlsduselei oder Showelemente.