Langsam erwachen die „Klinsmänner“ wieder aus dem Schockzustand - und wollen sich am Final-Sonntag auf der Berliner Fanmeile als WM-Dritte feiern lassen. „Wir müssen einfach nach vorn sehen und wollen gegen Portugal unbedingt gewinnen“, gab WM-Toptorjäger Miroslav Klose nach den Tränen über das verpaßte Endspiel einen Sieg im „kleinen Finale“ am Samstag in Stuttgart als neues Ziel aus.
Bei Bundeskanzlerin Angela Merkel holten sich Torwart Jens Lehmann & Co. die Anerkennung für ein tolles WM-Turnier schon bei einem gemeinsamen Abendessen ab, zum Abschluß will das DFB-Team in der Hauptstadt noch einmal in der schwarz-rot-goldenen Menge baden. „Das ist ein Dank an die Fans“, begründete Klose die Entscheidung der Mannschaft, nach einer internen Feier am Samstag abend in Stuttgart nochmals nach Berlin zurückzukehren. Lehmann erwartet von der Abschiedsfete in der Hauptstadt „ein bleibendes Bild. Wir haben es geschafft, die Leute zu begeistern. Das ist zum Abschluß ein emotionaler Höhepunkt und eine Geste, die von großer Bedeutung ist“.
Spieler hängen an Klinsmann
Die Abschlußparty vor vermutlich mehreren Hunderttausenden auf der Fanmeile und Millionen an den TV-Geräten am Sonntag (12 Uhr) wird dabei auch zu einer groß angelegten Demonstration für Jürgen Klinsmann, dessen Vertragsverlängerung als Bundestrainer inzwischen vom ganzen deutschen Fußballvolk und besonders auch von seinen Spielern erwartet wird. „Jürgen hat das Dilemma, daß er Abhängigkeiten geschaffen hat gegenüber dem Team. Die Spieler sind begeistert, waren bei der WM topmotiviert. Die Enttäuschung wäre sicherlich sehr groß, wenn er entscheiden sollte, nicht weiterzumachen“, sagte Torhüter Jens Lehmann (36), der persönlich sogar eine Fortsetzung seiner Nationalmannschafts-Laufbahn von der Klinsmann-Entscheidung abhängig machen will. Klose sieht Klinsmann als „ganz großen Baustein“ des Aufschwungs: „Er hat etwas Faszinierendes aufgebaut.“
Klinsmann selbst, der sich Bedenkzeit für seine Entscheidung erbeten hatte, blieb am Donnerstag in Deckung. Auch sein Assistent Joachim Löw entging der Frage der Nation, ob man gemeinsam die EM 2008 in Angriff nimmt oder nicht. Der Klinsmann-Intimus verzichtete entgegen der Gewohnheit, zwei Tage vor einem Spiel bei der DFB- Pressekonferenz zu sprechen, dieses Mal auf die Teilnahme an der Fragestunde. Auch die Spieler wollen den Bundestrainer nicht zu sehr auf das Thema ansprechen. „Wir werden nichts fordern, das würde Jürgen ins falsche Ohr bekommen“, sagte Lehmann. DFB-Präsident Theo Zwanziger kündigte am Donnerstag an, Klinsmann notfalls sogar bis zu vier Wochen Bedenkzeit einräumen zu wollen.
Friedrich und Mertesacker verletzt
Im abgeriegelten Grunewalder „Schloßhotel“ bastelte der Bundestrainer derweil mit Löw an den Plänen für das Spiel um Platz drei. Per Mertesacker steht den Trainern dafür nicht mehr zur Verfügung, der 21jährige Abwehrmann unterzog sich am Donnerstag in München wegen einer Schleimbeutelentzündung einer Operation an der linken Ferse. Für ihn dürfte gegen die Portugiesen Robert Huth auflaufen. Zudem muß Klinsmann auf Rechtsverteidiger Arne Friedrich verzichten. Der Berliner fällt wegen einer Innenbandzerrung im Knie aus. Ein Fragezeichen steht auch noch hinter dem Einsatz von Miroslav Klose, der mit derzeit fünf Treffern gute Chancen hat, die WM-Torjägerkrone zu gewinnen. „Momentan habe ich noch Schmerzen in der Wade. Ich will spielen, aber wenn es keinen Sinn macht, verzichte ich“, sagte der Bremer.
Ein B-Team wird der Bundestrainer aber nicht aufs Feld schicken, dafür ist ihm ein erfolgreicher sportlicher Abschluß in Deutschland zu wichtig. Nachdem Klinsmann am Donnerstag den Spielern noch einmal komplett frei gab, bittet er am Freitag um 10 Uhr in Berlin zum Abschlußtraining. Um 18.30 Uhr fliegt der DFB-Troß nach Stuttgart. Im Tor wird dort wohl Oliver Kahn stehen, der von Klinsmann für die klaglose Interpretation seiner Rolle als Nummer 2 belohnt werden soll. „Die Chance ist schon groß, daß Oliver spielt“, bestätigte Torwart-Coach Andreas Köpke.
Lehmann selbst bot Kahn das Geschenk an, die endgültige Entscheidung sollte nach einem Gespräch zwischen Kahn und den Trainern fallen. „Wenn Oliver spielen möchte und die Trainer auch zu der Überzeugung kommen, hat er es verdient“, betonte Lehmann. Und Köpke ergänzte: „Ein Einsatz wäre auch eine supergroße Geste an Kahn für die vergangenen sieben Wochen, in denen er sich vorbildlich verhalten hat.“ So könnte der zweijährige „Torwart-Krieg“ mit dieser weiteren feinen Geste in Stuttgart einen Abschluß finden, den in dieser Form wohl nicht einmal Klinsmann geahnt hatte.
Großer Sport
Nela Legov (Nela)
- 06.07.2006, 19:08 Uhr
Die Arroganz des Herrn Lehmann
Axel Leonhardt (ALeonhardt)
- 07.07.2006, 09:34 Uhr
