19.05.2006 · Fußball-Nationalspieler Christoph Metzelder im F.A.Z.-Gespräch über Religion, den Fußball-Gott, Versagensängste vor der Weltmeisterschaft, den absoluten Kick und sein Dasein als moderner Gladiator.
Fußball-Nationalspieler Christoph Metzelder im F.A.Z.-Gespräch über Religion, den Fußball-Gott, Versagensängste vor der Weltmeisterschaft, den absoluten Kick und sein Dasein als moderner Gladiator.
Wann waren Sie zum letzten Mal in der Kirche?
Das ist schon ein paar Wochen her. Ich schaffe es derzeit leider nicht mehr, regelmäßig in die Kirche zu gehen. Aber wenn ich bei meiner Familie zu Hause in Haltern bin, dann gehen wir oft zusammen in den Gottesdienst.
Welche Erfahrungen machen Sie in der Kirche?
Für mich ist es vor allem ein Ort der Stille und der Entspannung. Ich habe oft das Gefühl, daß die Zeit einfach langsamer läuft, wenn man in der Kirche ist. All die Hektik, die gerade auch in meinem Leben herrscht, verschwindet hinter diesen Mauern. Das genieße ich. Wir Leistungssportler gehen ja einen sehr extremen Weg. Wir beanspruchen unseren Körper und auch unsere Seele oft übermäßig. Ich sehe das mittlerweile durch meine lange Verletzung als einen sehr gefährlichen Weg an. Jeder muß versuchen, einen Ausgleich zu schaffen. Kein Mensch kann in solchen Extremen leben, seinen Körper, seine Konzentration und seine Willenskraft immer über das Limit puschen. Man ist als Mensch nur begrenzt belastbar. Die Religion und das Gebet sind für mich Möglichkeiten, davon runterzukommen.
Wann sehen Sie sich gefährdet?
Es werden unheimlich viele Hoffnungen in uns gesetzt, es geht um sehr viel Geld, der Druck um uns herum ist riesig. All diesen Faktoren ist man ständig ausgesetzt. Vor der Saison wollen fünf Mannschaften Meister werden und zehn in den Europacup - achtzig Prozent der Mannschaften können die Erwartungen gar nicht erfüllen. Bei der WM wird es genauso sein. Man läuft diesen Erwartungen immer hinterher.
Wie wollen Sie damit zurechtkommen?
Zunächst ist es für einen Sportler besonders wichtig, optimal vorbereitet zu sein. Je besser ich vorbereitet bin, desto sicherer werde ich sein, Erfolg zu haben. Das ist für uns auch der wichtigste Punkt in den Trainingslagern: Wir wollen ins Turnier reingehen und wissen, daß wir topfit sind. Das gibt einem die größtmögliche Sicherheit. Wenn man ins Stadion reinkommt, ist natürlich Nervosität da, weil man nicht überblicken kann, was in den 90 Minuten passieren wird. Aber wir als Mannschaft müssen eine Eigendynamik entwickeln, die all diese Dinge ausblenden kann. Ich spüre immer direkt vor dem Spiel, ob es schwer oder einfach wird.
Wann hat Sie der Fußball zuletzt dem siebten Himmel nahe gebracht?
Das ist immer der Moment, wenn der Abpfiff kommt und wir das Spiel gewonnen haben.
Immer wieder?
Immer wieder. Das ist es letztendlich, worauf man im Verein die ganze Woche und in der Nationalmannschaft die ganzen Jahre hinarbeitet. Das ist die Befriedigung, die man aus dem Spiel zieht, wenn man es auf diesem Niveau spielt wie wir. Wir spielen ja nicht am Strand oder mit ein paar Kumpels auf dem Bolzplatz. Das ist modernes Rasenschach, man muß sich taktisch unterordnen und alles auf den Erfolg konzentrieren. Wenn dann der Abpfiff kommt und man gewonnen hat, dann sind das unvergleichliche Momente. Pures Glück.
Wie fühlt sich das an?
Wunderbar. Bei der Meisterschaft 2002 in Dortmund war das so. Es waren noch ein paar Minuten zu spielen. Bremen hat nichts mehr gemacht. Wir wußten, wir werden Meister. Diese zehn Minuten, das war der absolute Kick. Dann flacht das Gefühl schon wieder ab.
Die Fans erleben Siege und Niederlagen nicht direkt wie Sie. Aber je intensiver sich Fans mit der Mannschaft identifizieren, und jetzt sind 82 Millionen Deutsche Fans, desto intensiver werden Ihre Niederlagen auch zu Niederlagen der Fans.
Als Profisportler muß man versuchen, einen rationaleren Zugang zu Sieg und Niederlage zu finden. Wir ordnen die Dinge nicht so extrem ein, wie das Fans tun. Eine Niederlage darf einen ja nicht tagelang umwerfen, man muß relativ schnell in der Lage sein, abzuschalten und sich auf das nächste Spiel zu konzentrieren. Genauso darf man nach Siegen nicht die Bodenhaftung verlieren. Ich glaube, daß die Fans, wenn sie uns nach Niederlagen sehen, das Gefühl haben, die empfinden gar nicht so wie wir, so tief. Das ist auch so. Und das muß auch so sein. Sonst geht man als Profisportler zu sehr in die Extreme, in die Emotionen rein.
Millionen Zuschauer schauen in den kommenden Wochen ganz genau auf Sie und Ihre Kollegen. Kann man sich unter diesen Umständen, wenn man von allen beobachtet wird, noch ganz frei freuen oder trauern?
Wer so in der Öffentlichkeit steht, der versucht, seine Emotionen in der Öffentlichkeit zurückzuhalten. Man will nicht allzuviel Schwäche zeigen und sich nicht im Gesicht ablesen lassen, was man in diesem Moment fühlt. Wir sind Gladiatoren. Und von uns verlangt man, daß wir Stärke zeigen. Deswegen sieht man uns das auch nicht so an. Hinter geschlossener Tür sieht es aber anders aus. Da zeigen auch Spieler, von denen es heißt, sie seien die Ruhe selbst, ihre Emotionen und Schwächen. Bei der WM müssen wir natürlich aufpassen, daß wir uns nicht all die wahnsinnigen Erwartungen aufbürden, die 82 Millionen Leute in uns setzen. Wir müssen uns als Mannschaft davon mit einer Wagenburg-Mentalität abschotten. Es geht ja so weit, daß Wirtschaft und Politik von uns Großes für unser Land erwarten. Die Konjunktur soll anziehen, der Zusammenhalt im Land soll wachsen - das sind Dinge, um die wir uns nicht kümmern können. Letztlich geht es um einen sportlichen Erfolg, um ein Turnier, das wir gewinnen wollen. Das müssen wir uns immer wieder vergegenwärtigen.
Wie gehen Sie mit Versagensängsten kurz vor der WM um?
Auch die gibt es natürlich. Jeder von uns hat seine Ängste, auch wenn es immer so dargestellt wird, daß wir damit umgehen könnten. Aber jeder hat in seinem stillen Kämmerlein auch die Angst, zu versagen.
Glauben Sie an den Fußball-Gott?
Nein.
In dieser Frage sind Sie überzeugter Atheist?
Absolut, Gott zeigt sich nicht in neunzig Minuten.
Sie haben schon mit einem Fußball-Gott (Jürgen Kohler) und einem Titanen (Oliver Kahn) zusammengespielt. Haben solche Spieler eine besondere Aura?
Ja, Menschen, die besondere Erfolge haben, egal in welchem Bereich, haben auch eine besondere Ausstrahlung. Kahn und Kohler haben diese Aura, und es waren immer Schlüsselerlebnisse, die sie zu einem Titanen oder Fußball-Gott gemacht haben. Bei Kahn waren es die unglaublichen Paraden bei der WM 2002, bei Kohler seine Rettungsaktion gegen Manchester. Um aber auf die Religion zurückzukommen: Als ich die Audienz bei Papst Johannes Paul II. hatte, da war für jeden zu erkennen, welche Ausstrahlung dieser Mensch hatte. Um das zu spüren, mußte man kein Christ sein.
Das Gespräch führte Michael Horeni.
Metzelder
Cornelius Reinhard Weerts (Dr.Weerts)
- 19.05.2006, 21:15 Uhr