06.07.2006 · Michael Ballacks letzte Chance, Fußball-Weltmeister zu werden, ist dahin. Der Löwe in ihm ist zwar in Dortmund erwacht, doch in entscheidenden Momenten fehlte die Kraft. Der 29jährige wird nicht mehr in die Reihe der Allergrößten aufsteigen.
Von Peter Heß, DortmundDer 4. Juli 2006 hat darüber entschieden, welchen Platz Michael Ballack in den Geschichtsbüchern des deutschen Fußballs einnehmen wird. Er wird zu den Großen gezählt werden. Aber nach der 0:2-Niederlage nach Verlängerung im Halbfinale gegen Italien kann der 29 Jahre alte Sachse nicht mehr in die Reihe der Allergrößten aufsteigen. Um es mit einem Fritz Walter oder Franz Beckenbauer aufnehmen zu können, müßte ihm ohnehin eine faszinierendere Ausstrahlung zu eigen sein.
Aber in einem Atemzug mit Rudi Völler, Lothar Matthäus oder Wolfgang Overath genannt zu werden, dafür hätte es reichen können. Wenn, ja wenn Michael Ballack die Aura des großen Erfolges umschwebte. Doch dazu hätte er seine Mannschaft mindestens ins Endspiel der Heim-WM führen müssen. So aber ist nach dem wegen einer Gelbsperre verpaßten Finale von Yokohama im Jahre 2002 Michael Ballack in Dortmund endgültig zum Unvollendeten geworden.
Nur gegen Schweden in der Rolle des Dominators
Die ganze Karriere hindurch begleiten ihn Zweifel der Öffentlichkeit an seiner wahren fußballerischen Klasse. Niemand hielt oder hält ihn für einen Durchschnittskicker. Aber während manche glaubten, ohne Ballack fände die Nationalelf nicht einmal den Mannschaftsbus, betrachteten ihn andere als jederzeit austauschbare Größe. Der Verlauf der Weltmeisterschaft im allgemeinen und des Halbfinales gegen Italien im besonderen haben die Widersprüche nicht lösen können. Ballacks Leistungen waren auf jeden Fall nicht so überragend, daß sie seine Kritiker mundtot machten. Nur im Achtelfinale gegen Schweden spielte der zentrale Mittelfeldspieler die Rolle des Dominators, die viele von ihm erwarten, die er aber nur selten ausfüllt. Franz Beckenbauer warf ihm nach Spielen für den FC Bayern München häufiger vor, sich zu verstecken.
Gegen Italien konnte ihm dies niemand nachsagen, der es ernst meinte. Ballack tat alles, um präsent zu sein - bot sich immer wieder als Anspielstation an, lief immer wieder den Gegnern in die Quere, um deren Angriffe zumindest abzubremsen. Nie zuvor hatte man ihm seine Willensanstrengung deutlicher angesehen als an diesem warmen Dortmunder Abend. Noch nie versuchte er so extrovertiert, die Führungsfigur für seine Mitstreiter zu leben: Er ballte die Faust, feuerte an, diskutierte, flüsterte und schrie. Aber die Nacht, in der der Löwe in Michael Ballack erwachte, war nicht die Nacht, in der er die körperliche Kraft eines Raubtiers entwickelte: Der Geist war willig, das Fleisch war schwach.
Kein Altruist bis zur Selbstaufgabe
Ohnehin mit den schwächsten Fitnesswerten aller Klinsmann-Spieler geschlagen, litt Ballack in den vergangenen Wochen immer wieder unter leichteren Blessuren. So konnte er seinen Akku nicht im selben Maße aufladen wie die Kollegen. Dazu verschärfte das laufstarke und ungemein geschickt kombinierende italienische Mittelfeld seine Not. Sebastian Kehl vertrat zwar den gesperrten Torsten Frings im Rahmen seiner Möglichkeiten gut. Aber während sich Ballack mit dem Bremer mittlerweile blind versteht, erforderte das Zusammenspiel mit Kehl im defensiven Mittelfeld eine lange Eingewöhnungsphase. Zumindest in der ersten Halbzeit mußte der Star der Mannschaft viele Laufwege seines neuen Adjutanten übernehmen oder zumindest weitere Strecken überwinden, als es ihm Frings aufgenötigt hätte.
Ballack ist zwar kein Altruist bis zur Selbstaufgabe, aber er stellt den Erfolg der Mannschaft immer über seinen persönlichen Glanz - solange er sich in der Gemeinschaft wohl fühlt. Vom System Klinsmann nach anfänglichen Zweifeln gepackt, machte sich der erste Mann im Team gemein mit allen anderen. Doch dabei verbrauchte Ballack zuviel Kraft, um in der zweiten Verlängerung innerhalb von fünf Tagen noch der Spielgestalter der Deutschen sein zu können. Schon in der 82. Minute hätte er besser darauf verzichtet, die Freistoßchance aus 20 Metern wahrzunehmen - andere waren einfach frischer. Der Chef schoß den Ball unentschlossen über das Tor.
„Das haben wir nicht verdient“
Michael Ballack war nach den 120 Minuten am Ende - körperlich und seelisch. Minutenlang hockte der Kapitän nach dem Abpfiff mit leerem Blick am Rande des Mittelkreises. Er mühte sich um Fassung, doch als Bundestrainer Klinsmann ihm vom Boden aufhalf und ihn in den Arm nahm, flossen bei Ballack die Tränen. „Wenn man so weit kommt, dann will man ins Finale. Und wenn man dann nicht dabei ist, ist das doppelt bitter“, stammelte Ballack, als er in Badeschlappen durch die Interview-Zone des Dortmunder Stadions schlurfte. Er kämpfte um seine Antworten ähnlich aufopferungsvoll wie zuvor auf dem Platz. „Die Mannschaft hat großartig gespielt. Das haben wir nicht verdient, so spät ein Tor zu bekommen“, flüsterte er mit glasigen Augen. Bei seinen Ausführungen schluckte er manchmal, als habe er Mühe, gegen die Tränen anzukämpfen. Aber er stellte sich den Journalisten. „Momentan ist es kein Trost, daß wir ein tolles Turnier gespielt haben. Vielleicht sieht es in einer Woche mit ein wenig Abstand anders aus“, sagte Ballack.
Aber vielleicht ist ihm in einer Woche auch erst richtig bewußt geworden, daß er höchstwahrscheinlich seine letzte Möglichkeit vergeben hat, Fußball-Weltmeister zu werden. In vier Jahren, wenn Südafrika die WM ausrichtet, wird der Sachse fast 34 Jahre alt sein. Er spielt nicht im Tor und nicht in der Innenverteidigung, und er verfügt nicht über das Privileg eines Lothar Matthäus, einen außergewöhnlich widerstandsfähigen Körper zu besitzen. Und so wendet sich Ballack erst einmal einem realistischen Ziel zu: „Ich will mit Chelsea die Champions League gewinnen.“ Diesen Titel hat er auch noch nicht.
Ballack kein Führungsspieler
Erwin Steinhauer (hauer2)
- 05.07.2006, 17:12 Uhr
gute Einschätzung!
Thorsten Droll (ThorstenDroll)
- 05.07.2006, 23:50 Uhr
Falsche Rolle
Daniel Wiebke (Izzoo)
- 06.07.2006, 12:40 Uhr
Einäugige unter den Blinden
Albert Groborz (Emigament)
- 06.07.2006, 13:24 Uhr
Lampard?
Donald Martin (DonMartin)
- 06.07.2006, 13:34 Uhr