16.06.2006 · Ganz Europa will Ruud van Nistelrooy, nur sein derzeitiger Klub Manchester United setzt nicht mehr auf den holländischen Nationalstürmer. Auch Bayern München wäre bereit, die rund 15 Millionen Euro für die Nummer neun der „Oranjes“ zu bezahlen.
Von Oliver Trust, HinterzartenEin kurzes Strahlen huscht im Stadion des SC Freiburg über sein Gesicht. Im Hintergrund die Berge des Schwarzwaldes, die im grellen Sonnenlicht wie eine Metalliclackierung bläulich schimmern. Schnell aber verschwand jede erkennbare Gefühlsregung wieder hinter einer starren Maske.
Beim Training der WM-Kicker aus den Niederlanden feierten die Zuschauer vor allem ihn, den man einst den "Endverbraucher des Balles" nannte, was Respekt ausdrückt, aber eine Weile her ist. Vielmehr ist spürbar: Da steckt einer in beruflich unsicheren Zeiten - was bei einem Fußballprofi seiner Verdienstklasse kein existenzielles Problem darstellt. Ruud van Nistelrooy gehört zu der Kategorie Profis, die abwarten kann, weil sich halb Europa nach ihm die Finger leckt. Es hat sich bei den Blue Chips der Branche herumgesprochen, daß er bei seinem Klub Manchester United nicht mehr zu denen gehört, die Sir Alex Ferguson dort nach der WM noch einmal beim Training sehen will.
138 Tore in 201 Spielen für ManU
Van Nistelrooy, der am 1. Juli 30 Jahre alt wird und sein erstes WM-Spiel überhaupt beim 1:0 der "Oranjes" über Serbien-Montenegro absolvierte, hat seine Leichtigkeit verloren. "Diese Wochen sind die wichtigsten meiner Karriere", sagt er. "Ich will etwas beweisen." Van Nistelrooy sucht einen neuen Verein. Sein Berater Rodger Linse schaut und hört sich um. Der Kandidat lebt Gelassenheit vor: "Er hat ja meine Handynummer."
Der Stürmer, der 138 Tore in 201 Spielen für ManU erzielte, schwankt in den Wochen auf der internationalen Fußballbühne zwischen gespielter Zuversicht und Vergangenheitsbewältigung. Mal verweist er darauf, einen Vertrag bei United bis 2008 zu haben. Mal sagte er, sich auf die WM konzentrieren zu können und nicht an Manchester denken zu müssen, "macht mich ein bißchen fröhlicher". Seit er Anfang Mai mit dem Taxi aus Manchester flüchtete, weil Ferguson ihn auf die Bank verbannte und er anschließend ohne Erlaubnis in die Heimat reiste, schätzt ihn mancher in Manchester nicht mehr sonderlich. Vor allem der Chef wirft ihm vor, den Teamgeist verletzt zu haben.
Das Karussell dreht sich
Es ist vom AC Mailand als seiner nächste Station die Rede. Der Ukrainer Andrej Schewtschenko wechselt von dort zum FC Chelsea nach London, deshalb wird bei Milan ein Stühlchen frei. Auch Bayern München gehört zu den ernsthaften Interessenten, vor allem, seitdem feststeht, daß Paulo Guerrero zum Hamburger SV wechselt. Lockrufe aus München kennt van Nistelrooy, seinem Berater sind die Räumlichkeiten an der Säbener Straße nicht fremd.
2001, bevor der von einer Knieverletzung genesene Holländer in Manchester unterschrieb, gab es bereits eine Zusage an die Münchner - für den Fall, daß die Verhandlungen mit seinem Wunschverein Manchester United scheitern. Diesmal kam das Statement der Bayern prompt. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge bestätigte das neu entflammte Interesse. Gleichzeitig soll der FC Barcelona über Roy Makaay nachdenken. Das Karussell jedenfalls dreht sich. Rund 15 Millionen Euro soll die Nummer neun der "Oranjes" kosten.
„Einer der besten Stürmer Europas“
Im Kreise der niederländischen Fußballfamilie erholt sich van Nistelrooy gewissermaßen von den Strapazen des grauen Alltages in der Industriestadt Manchester. Bei Marco van Basten, der von manchem als Fürsprecher des AC Mailand verdächtigt wird, weil er selbst dort gespielt hat, muß sich van Nistelrooy nicht beweisen. Der sei im Nationalteam gesetzt, teilt van Basten trocken mit. Selbst nach einem schwachen Auftritt wie in Leipzig gegen Serbien-Montenegro sehe man keinen Grund, das zu ändern. "Er hat eine gute Vorbereitung gehabt", sagt van Basten, "und auch bei den Übungsspielen hier macht er einen guten Eindruck." Bert van Marwijk, Trainer von Borussia Dortmund, beobachtet für das niederländische Fernsehen als Kommentator den Hort des Friedens in Süddeutschland. Seine Botschaft an alle Zweifler und solche, die den wechselwilligen Bewerber gar als Auslaufmodell hinstellen, fällt so knapp wie eindeutig aus: "Van Nistelrooy ist einer der besten Stürmer Europas."
Auch das schmeichelt dem Stürmerstar, der alle Möglichkeiten des Toreschießens ausschöpfen will. Notfalls auch per Elfmeter. "Ich will ständig neue Situationen kreieren, in denen ich schießen kann." Mehr als er zugibt, zehrt van Nistelrooy von Huldigungen und Lobeshymnen. Er reagiert sensibel auf Kritik. Das zeigte auch die Flucht aus Manchester, die ihm eine der höchsten Geldstrafen der Klubgeschichte eingebracht haben soll. Auch wenn er in Freiburg beim Training nur kurze Einblicke in sein Seelenleben gestatten will, van Nistelrooy sucht nach neuen Wegen und nach einem Klub, der ihm die Geborgenheit und das Vertrauen geben kann, das er im Nationalteam in diesen Tagen so sehr genießt.