07.07.2006 · „Emotionen sind immer dabei“, sagt Jürgen Klinsmann mit Blick auf die sicher stimmungsvolle WM-Abschluß-Party am Sonntag in Berlin. Doch der Bundestrainer läßt sich von der Begeisterung um seine Person nicht beeindrucken, wenn es um die Frage nach seiner beruflichen Zukunft geht.
Von Peter Heß, BerlinDer sportliche Wert des kleinen Finales ist begrenzt. Das wird schon alleine dadurch ersichtlich, daß Bundestrainer Jürgen Klinsmann diesmal kein Geheimnis um die Namen der Spieler macht. Ob die Mannschaft in Stuttgart gegen Portugal den dritten oder vierten WM-Platz erkämpft, wird das Urteil über die deutsche Nationalelf nicht mehr ändern. Deutschland ist wieder stolz auf seine Kicker - so oder so.
Die Begegnung im Stadion am Neckar gewinnt seine Bedeutung dadurch, daß sie den ersten Teil des Auszugs der Gladiatoren aus der WM darstellt, dem dann am Sonntag am Brandenburger Tor der Abschiedsgruß an die begeisterten Fans folgt. Die beiden Termine werden viele als letzte Gelegenheiten empfinden, Klinsmann noch einmal zu huldigen, um ihn dadurch doch noch - was Psychologen emotionale Erpressung nennen - zum Weitermachen zu überzeugen.
Welle der Ehrerbietung
Dem Bundestrainer ist in eine Welle der Ehrerbietung entgegen geschlagen. Sogar seine schärfsten Kritiker aus der Bayern-Fraktion, Franz Beckenbauer und Uli Hoeneß, forderten ihn zum Bleiben auf. Die "Bild"-Zeitung, eher unverdächtig, der Überzeugungskraft Klinsmanns zu erliegen, schenkte den 23 deutschen WM-Spielern ihre Titelseite, um deren Wunsch zu formulieren: "Klinsi, du mußt bleiben." Nach Umfragen soll diese Bitte von mehr als neunzig Prozent der Deutschen geteilt werden.
Klinsmann läßt sich von Begeisterung um seine Person nicht im mindesten beeindrucken. In spröden Worten kommentierte er am Freitag die massenhaften Vertrauens- und Liebesbeweise. "Umfragen sind immer angenehm, wenn sie positiv sind", sagte er. Aber das gesunde Volksempfinden werde seine Entscheidung nicht beeinflussen, obwohl er einräumte, daß die Zuschauer in Stuttgart oder Berlin einen rührseligen Klinsmann erleben könnten: "Mir ist nicht bange davor, daß ich weinen könnte. Meine Emotionen werden jedoch nicht über die Vernunft siegen." Was bedeutet, daß er sich nicht spontan erklären wird, sondern an seinem Plan festhält: "Der DFB hat mir ein paar Tage Bedenkzeit nach der WM zugestanden. Ich werde mich im Urlaub mit der Familie entscheiden."
Eine Frage für die Familie
Wovon macht Klinsmann seine Zukunftsplanung abhängig? Es sei weder eine Frage des Selbstbewußtseins, noch der Kompetenzen. Ebenso kündigte der Verband an, eine weitere Zusammenarbeit werde nicht an der finanziellen Ausstattung der Nationalelf scheitern. Der Bundestrainer betont: "Meine Familie spielt die entscheidende Rolle." Die Klinsmanns wollen und müssen sich darüber klar werden, wie lange sie sich noch dem Leben in der Öffentlichkeit aussetzen - und wie lange sie die mit dem Job verbundenen häufigen Trennungsphasen aushalten wollen.
Im Moment liegt dem 41 Jahre alten Familienvater Fußball-Deutschland zu Füßen. Er hat jedoch nicht vergessen, wie ihm vor ein paar Monaten die meisten Experten und viele Fans im Genick saßen. Süffisant merkte er am Freitag an, wie ausführlich seine "Wohnsitzfrage" diskutiert worden sei. Klinsmann hat zuviel Realitätssinn, um die Tatsache zu verdrängen, daß die Kritiker nach einigen Mißerfolgen wieder aus der Deckung kommen werden. Und in der anstehenden Europameisterschafts-Qualifikation gegen Tschechien, die Slowakei, Irland, Wales, Zypern und San Marino haben schlechte Ergebnisse ein ganz anderes Gewicht als Niederlagen in den Tests vor der Heim-WM.
„Es gibt kein Projekt Klinsmann“
Zudem widerspricht Klinsmann dem Argument, er könne nicht aufhören, weil seine Mission noch nicht beendet sei, daß das Projekt Klinsmann ohne ihn womöglich scheitern würde: "Es gibt kein Projekt Klinsmann, es ist das Projekt der Spieler und des Trainerstabes." Der Schwabe spielt seine Rolle herunter: "Wir haben eine Philosophie definiert und die Strategie aufgebaut, um die Philosophie umsetzen zu können. Unser Ausgangspunkt war immer das Individuum: Jeder einzelne soll besser werden, dann wird auch die Mannschaft besser. Dieser Prozeß wird immer weiter gehen - unabhängig vom Trainer." Aber vielleicht ist es gerade dieses Wir-Gefühl im Trainerstab und seine enge Verbundenheit mit vielen Spielern, die Klinsmann umdenken, seine Neigung aufzuhören, überwinden läßt.
Auf jeden Fall stellte der Schwabe kurz vor der Partie gegen Portugal klar, daß er im Moment keinen anderen Trainerjob als den des deutschen Bundestrainers anstrebe. Klinsmann dementierte die Nachricht, ihm läge ein Angebot des amerikanischen Verbandes vor: "Kein Kontakt, kein Interesse." Auch als Italien und England auf der Pressekonferenz als mögliche Optionen für seinen beruflichen Werdegang ins Spiel gebracht wurden, wehrte der Schwabe ab. Dann wurden ihm die Spekulationen zu viel: "Ich mag zu diesem Thema nichts mehr sagen." Lieber widmete er sich der nächsten sportlichen Aufgabe - die seine letzte sein könnte. "Wir befinden uns in einer ähnlichen Situation wie vor einem Jahr im Confederations Cup. Hoffentlich wird es auch ein ähnliches Spiel", sagte Klinsmann. Damals endete das Spiel um Platz drei mit einem begeisternden 4:3 nach Verlängerung über Mexiko. "Die Mannschaft wird sich vieles vornehmen, alle Kräfte mobilisieren. Dieses Spiel trägt einiges in sich." Was genau, erzählte der Bundestrainer nicht mehr. Aber mittlerweile braucht die deutsche Nationalelf ja keinen Grund mehr, um sich anzustrengen. Nach Jahren, in denen Länderspielbesuche meist zu einem bitteren Akt nationalen Pflichtgefühls wurden, besitzen nun die Auftritte des Nationalteams einen hohen Spaß- oder zumindest Spannungsfaktor. Erst recht darf das vom Duell mit Portugal erwartet werden.
Endstation Stuttgart - für Klinsmann schließt sich in der Stadt, in der seine Profikarriere begann, ein Kreis. Kein Grund für den Schwaben, sentimental zu werden: "Ja, einige Spieler wohnen in der Nähe, und für sie wird es so etwas wie ein Heimspiel, auch Jogi Löw stammt aus der Gegend. Aber uns wäre Berlin dennoch lieber gewesen." Und er fügte an: "Es ist nicht das Finale, das wir uns gewünscht haben."